Archive for Februar, 2020

Türen zum Wasserstoff

Montag, Februar 24th, 2020

Strom und Gas, Verkehr, Industrie und Gebäude energietechnisch zu verknüpfen ist ein Schlüssel zur Energiewende. Fachbegriff: Sektorenkopplung. Die Türen dahin öffnen sich nur langsam. Eine davon: Strom in Gas verwandeln („Power-to-Gas“) – erneuerbaren Strom im Gasnetz oder in Kavernen speichern für Zeiten, in denen zu wenig Strom aus Wind, Sonne oder Biomasse im Netz ist.

Dafür muss Wasserstoff (chemischen Zeichen H2) gewonnen werden. Technisch ist das kein Problem, aber bislang ist es unwirtschaftlich. In einem „Power-to-Gas“-Projekt namens „Element Eins“ beim Umspannwerk Diele soll jetzt mittels Elektrolyse die Wasserstoff-Technologie auf industrielle Tauglichkeit erforscht werden.

Von diesem großen Kuchen möchte sich der Landkreis Leer ein Stück sichern, denn er bringt – neben dem Projekt in Diele – gute Voraussetzungen dafür mit. Landrat Matthias Groote kündigte eine Wasserstoff-Strategie an.

Zurück zu „Element Eins“: Das chemische Verfahren der Elektrolyse ist alt, stammt aus 1800. Es zerlegt Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff – das ist die Voraussetzung, Strom- und Gasnetze zu koppeln und damit erneuerbare Energien wirtschaftlich zu speichern. Nur so kommt die Energiewende voran.

In Diele soll der Sprung von der Forschung in die Praxis im Bereich Sektorenkopplung und Wasserstofftechnologie gelingen. Davon haben die Projektpartner Gasunie Deutschland, Thyssengas und Tennet eine genaue Vorstellung. Sie setzten sich damit im Ideenwettbewerb „Reallabore der Energiewende“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie durch – und Diele mit seinem Umspannwerk für Strom von hoher See, den benachbarten Gasnetzen und Kavernen ist der ideale Standort.

Die Unternehmen stellten bereits Investitionsanträge, um die 100 Megawatt starke Anlage zu finanzieren. Nötig sind mindestens 100 Millionen Euro. Es fehlt nur noch das Ja der Bundesnetzagentur.  

Umso unverständlicher ist, was sich die drei „Power-to-Gas“-Firmen in dieser Woche bei einer so genannten Informationsveranstaltung in der Schule Stapelmoor leisteten, einen Steinwurf entfernt vom geplanten Werk. 200 überwiegend Anlieger gingen enttäuscht nach Hause, weil die Firmen-Vertreter wenig Konkretes sagten. Schweigen schafft kein Vertrauen, sondern schürt Argwohn oder gar Angst.

Auch wenn die Bundesnetzagentur das Projekt noch nicht genehmigt hat, hätten sie Fragen zur Anlage, zu Chancen und Risiken beantworten können. Schließlich geht es nicht um ein Einfamilienhaus, sondern um ein Werk, für das die Fläche von einem Hektar benötigt wird, knapp anderthalb Fußballplätze groß.

Die amateurhafte Veranstaltung ist jedoch kein Grund, das Projekt zu verdammen. Landrat Groote verliert sein Ziel einer Wasserstoff-Strategie nicht aus dem Auge. Denn die Energiewende wird neben Elektro auf einem zweiten Bein stehen: Wasserstoff. Das Maritime Kompetenzzentrum (Mariko) in Leer beschäftigt sich schon länger mit diesem Element als umweltfreundlichem Antreiber für Schiffe.

Deutsche und niederländische Firmen und Hochschulen sitzen dort in einem Boot. So beim Projekt „H2Watt“, das Verfahren und Systeme untersucht, um Wasserstoff für die Schifffahrt zu produzieren, speichern, transportieren und nutzen. Ostfriesland als Drehscheibe für Windstrom und Gas bietet Chancen – letztlich für gute Jobs.


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Die Frau des Massenmörders

Sonntag, Februar 16th, 2020

Noch immer fördern Historiker unbekannte Einzelheiten der staatlich angeordneten Massenmorde aus der Nazi-Zeit ans Tageslicht. Dazu zählt der Nachlass des SS-Untersturmführers Johann Niemann aus Völlen. Wie berichtet, haben Historiker daraus Fotos und Dokumente ausgewertet und jetzt darüber ein Buch veröffentlicht.

Niemann, zuletzt stellvertretender Kommandant des Vernichtungslagers Sobibor in Polen, war mitverantwortlich am hunderttausendfachen Mord an Behinderten in Deutschland (Euthanasie) und an Juden, Roma und Sinti in Vernichtungslagern in Polen. 1943 erschlägt ihn ein Gefangener bei einem Aufstand in Sobibor.

Die Fotos und Dokumente erhellen auch den Weg der Ehefrau Niemanns „von der Mitwisserin zur Komplizin und aktiven Profiteurin des Holocaust“. Die Rollen von Täter-Ehefrauen sind bisher kaum erforscht.  

Henriette Niemann, geborene Frey, 1921-1980, stammt aus kleinbäuerlichen Verhältnissen in Völlen. Ihren späteren Ehemann, Malergeselle und Nachbar, heiratet sie 1939 kurz vor der Geburt eines Sohnes. Niemann gehört damals zum Kommandostab des KZ Sachsenhausen.  

Seine Ehefrau kümmert sich um den kleinen elterlichen Hof.  Die Volksschule hat sie als beste Schülerin abgeschlossen, bricht dann eine Lehre ab, um die kranke Mutter auf dem Hof zu ersetzen. 1943 bringt sie noch eine Tochter zur Welt.

Mehr und mehr genießt Henriette Niemann die Vorteile aus der Tätigkeit ihres Mannes – besucht ihn, macht Urlaube am Attersee in Österreich und in Berlin, bezahlt von der SS.

Aus dem Nachlass Niemanns schließen Historiker, dass seine Frau „erheblich“ von dessen Tätigkeit profitiert. Sie schreiben: „Die persönliche Habgier des SS-Soldaten (Anmerkung: Niemann) und die Rolle der Ehefrau ist belegt.“ Demnach hat Niemann sich persönlich am Vermögen von Gefangenen bereichert. Seine Ehefrau hat es gedeckt, das von Niemann mitgebrachte Bargeld kassiert und auf mehrere Konten bei der Raiffeisenkasse Ihrhove verteilt, weil hohe Summen auf ein einzelnes Konto vor dem kleinbäuerlichen Hintergrund aufgefallen wären. Die Konten liefen auf ihren Namen und auf denen des Vaters und der Kinder.

„Erste verdächtige Bareinzahlungen“ datieren vom August 1942 – genau 971 Reichsmark (RM), „das Vierfache des von der Kanzlei des Führers gezahlten üppigen Monatslohns“. Der Lohn beträgt 260 RM. Es folgen Zahlungen von 800, 400, 700 und 1000 RM. Ein Auszug aus dem Sparbuch des Vaters: 1936 stehen dort Ersparnisse von 36,33 RM, im Mai 1943 104 RM, zum Schluss 15.796,53 RM. Insgesamt wächst das Niemann-Vermögen auf 40.000 RM.

Die Währungsreform lässt 1948 davon wenig übrig. Henriette Niemann lebt materiell wieder auf Vorkriegs-Niveau, streitet sich jahrzehntelang mit Behörden um die Witwen- und Waisenrente von Angehörigen der Waffen-SS.

Sie nimmt den Niederländer Jan Hayo Klimp bei sich auf und beschäftigt ihn, erst illegal, dann ab 1954 mit Genehmigung des Landesarbeitsamtes. Klimp, in den Niederlanden wegen „Kollaboration mit dem Feind“ zu zwölf Jahren Haft verurteilt, flieht 1951 aus dem Gefängnis Veenhuizen. Er findet Unterschlupf bei Frau Niemann. Erst Ende der 1970er Jahre fliegt er auf, zur Auslieferung kommt es nicht. Klimp ist als „Onkel Jan“ längst Teil der Familie Niemann. Sein Name steht auf dem Grabstein unter Henriette Niemann in Völlen.

Sturm im Wasserglas

Sonntag, Februar 9th, 2020

Wer etwas kauft, erhält dafür eine Quittung. Das hat gute Gründe – für Käufer und Verkäufer und, sofern es sich nicht um einen privaten Handel dreht, auch fürs Finanzamt. Doch jüngst zur Jahreswende schien ein Teil der Handelswelt plötzlich vor dem Ruin zu stehen, weil der Staat zum 1. Januar 2020 eine Bon-Pflicht einführte.

Bäckereien, Restaurants und Betriebe mit kleinteiligen Waren, darunter auch Apothgeken, schlugen medienwirksam Alarm. Allen voran der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks. Er sprach nicht nur von „Bon-Wahnsinn“, sondern entdeckte auf einmal sein Herz für die Umwelt und posaunte etwas vom „Müllwahnsinn“.

Die FDP rechnete gleich grundsätzlich mit dem Kurs der Regierung ab und warf ihr „Zettelwirtschaft statt Digitalisierung“ vor. Die Grünen warnten vor dem nicht recycelbaren Thermopapier, auf dem die Bons meistens gedruckt werden, und witterten weiteres Unheil: „Die Bons enthalten oft Biphenol-A und sind deshalb für den Kontakt mit Lebensmitteln nicht geeignet.“ Als ob jemand sein Butterbrot darin einwickelt.

Der Lärm um die Bon-Pflicht ist verklungen. Er war eine typische Reaktion von Verbandsfunktionären, weniger von einzelnen Unternehmern. Kurios: Der Bundestag hatte das Gesetz schon drei Jahre vorher beschlossen. In dieser Zeit blieben die Handelsverbände stumm, statt ihre Mitglieder darauf vorzubereiten.

Stattdessen forderten sie ihre Klientel zu symbolischen Aktionen auf, zum Beispiel nicht verlangte Kassenbons sichtbar in Behältern zu sammeln, wie es im Bahnhof Leer am Bäckerei-Stand zu beobachten ist. Oder Kunden sollten ihre Bons beim Finanzamt in den Briefkasten werfen. Soweit bekannt, ließ sich kein Mensch zu solchem Unsinn verleiten.

Die Verbände hätten besser daran getan, für ihre Mitglieder praktikable und umweltfreundliche Lösungen zu suchen. Schließlich geht es darum, dass der ehrbare Kaufmann, der seine Steuern ordnungsgemäß abführt, nicht der Dumme ist – im Vergleich mit seinem Mitbewerber, der Beträge nicht oder halb registriert, so seinen Umsatz niedriger ausweist und Steuern hinterzieht. Nur wenn Einnahmen wirklich eingetippt und angezeigt werden, ist Betrug nur sehr schwer möglich. Deshalb die Bon-Pflicht.

Was oft untergeht: Die neue so genannte Kassensicherungsverordnung verpflichtet Händler und Gastronomen, jeden Verkauf zu belegen. Aber sie verlangt keineswegs die Papierform, sondern sie kann auch elektronisch erfolgen, wenn der Kunde zustimmt.

Es gibt bereits Bäcker, die mit digitaler Technik das Drucken von Bons vermeiden. Auch der Rewe-Konzern setzt darauf. Auf Dauer ist es sogar billiger. „Bonpflicht sorgt für einen Innovationsschub im Handel“, stellte das „Handelsblatt“ fest. Das System funktioniert so: Statt den Bon auszudrucken, wird auf einem Display nach dem Kauf ein QR-Code angezeigt. Der Kunde scannt mit seinem Smartphone die Quittung. Der Clou dabei: Selbst, wenn der Kunde den Code nicht scannt, muss der Händler keinen Bon drucken. Wer immer noch kein Smartphone nutzt, erhält natürlich einen Papierbon, der nicht aus Thermopapier sein muss. Normales Papier reicht.   

Sechs Wochen nach Einführung der Bonpflicht ist klar: Der Wirbel war ein Sturm im Wasserglas, angefacht von Verbandsfunktionären, die einen Arbeitsnachweis bringen mussten.

Der Massenmörder

Sonntag, Februar 2nd, 2020

Nichts Ungewöhnliches: In Völlen, einem Dorf zwischen Leer und Papenburg, steht vor der Kirche ein Denkmal mit den Namen getöteter Soldaten des II. Weltkriegs. Eingemeißelt heißt es dort „Zu Ehren unserer gefallen Helden 1939-1945“. Der Begriff Helden ist in der ersten Nachkriegszeit noch üblich. Später setzt sich der Gedanke durch, dass es damit wohl doch nicht so weit her ist. Aber das ist Geschichte.

Seit Jahrzehnten legen die Völlener am Volkstrauertag ihre Kränze am Denkmal nieder und gedenken der Toten. Ohne zu wissen oder, wer vielleicht doch etwas wusste, ohne zu sagen, dass ein Name dort nicht hingehört: Johann Niemann, kein Soldat, sondern Untersturmführer der „Schutzstaffel“ (SS) der NSDAP. Gegründet 1923 als Leibgarde Adolf Hitlers, kommandiert sie im Nazi-Reich die Polizei und die Geheimdienste. Sie verantwortet die Ermordung von Millionen Menschen in Vernichtungslagern und zahlreiche Kriegsverbrechen.

Johann Niemann aus Völlen, geboren 1913, meldet sich 1934 freiwillig zur SS, als Wächter im Konzentrationslager (KZ) Esterwegen. Der Malergeselle macht Karriere. 1939 wird er in die Kanzlei Hitlers nach Berlin bestellt, wo er und andere erfahren, was die Nazis unter „lebensunwertem Leben“ verstehen: die „Aktion T4“. Sie sieht die Ermordung vor allem geistig Behinderter vor. Niemann arbeitet zwei Jahre in drei Krankenheimen, die zu Mordanstalten umgebaut werden. Er holt Leichen aus Gaskammern und schiebt sie in Verbrennungsöfen.

Mit diesem „Fachwissen“ qualifiziert er sich für eine neuartige Aufgabe im Vernichtungslager Belzec in Polen, 1941 eingerichtet als Folge des Hitler-Befehls, alle polnischen Juden umzubringen. Im September 1942 wird Niemann ins nahe Lager Sobibor versetzt. In Belzec ist er bei 250.000, in Sobibor bei 185.000 vergasten und verbrannten Juden, Sinti und Roma dabei. Als stellvertretender Lagerkommandant.

Am 14. Oktober 1943 stirbt Niemann, weil ihm bei einem Aufstand im Lager ein Zwangsarbeiter mit einer Axt den Schädel einschlägt.

Mehr als 60 Jahre bleibt Niemann eine Randnotiz der NS-Zeit. Bis vor wenigen Jahren dem Heimatforscher Hermann Adams aus Ihrhove in einem Buch über Sobibor der Name Johann Niemann auffällt. Er macht sich kundig über dessen NS-Leben und stößt auf den Nachlass von Niemann im Haus eines Enkels in Völlen. Dieser überlässt dem Bildungswerk Stanislaw Hantz den Nachlass, darunter Fotos. Historiker veröffentlichten darüber jetzt ein Buch.

Dass die Fotos überhaupt vorhanden sind, liegt am frühen Todesdatum. Später hätte Niemann sie vermutlich vernichtet.  Doch die SS schickt seine Sachen der 22-jährigen Witwe nach Völlen, darunter Sparbücher, die er sich unter den Nagel gerissen hat, zwei Fotoalben und lose Bilder. Insgesamt 361. Sie zeigen, wie Niemann privat in den Lagern lebt. Keine Spur von Häftlingen. Historiker sprechen von einem „Sensationsfund“. Von einem „ausführlichen und einzigartigen Einblick in Lebensweg und Selbstdarstellung eines NS-Täters, für dessen Taten das Wort Massenmörder verharmlosend erscheint“.

Das Buch findet weltweit Beachtung – auch weil zwei Fotos den verurteilten Massenmörder John Demjanuk zeigen, von dem es sonst keine Bilder gibt. Er streitet vor Gericht alle Vorwürfe ab und stirbt vor Rechtskraft des Urteils.

Viele Völlener fragen sich jetzt, was sie mit dem Namen Johann Niemann auf dem Denkmal machen sollen.