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Der Massenmörder

Nichts Ungewöhnliches: In Völlen, einem Dorf zwischen Leer und Papenburg, steht vor der Kirche ein Denkmal mit den Namen getöteter Soldaten des II. Weltkriegs. Eingemeißelt heißt es dort „Zu Ehren unserer gefallen Helden 1939-1945“. Der Begriff Helden ist in der ersten Nachkriegszeit noch üblich. Später setzt sich der Gedanke durch, dass es damit wohl doch nicht so weit her ist. Aber das ist Geschichte.

Seit Jahrzehnten legen die Völlener am Volkstrauertag ihre Kränze am Denkmal nieder und gedenken der Toten. Ohne zu wissen oder, wer vielleicht doch etwas wusste, ohne zu sagen, dass ein Name dort nicht hingehört: Johann Niemann, kein Soldat, sondern Untersturmführer der „Schutzstaffel“ (SS) der NSDAP. Gegründet 1923 als Leibgarde Adolf Hitlers, kommandiert sie im Nazi-Reich die Polizei und die Geheimdienste. Sie verantwortet die Ermordung von Millionen Menschen in Vernichtungslagern und zahlreiche Kriegsverbrechen.

Johann Niemann aus Völlen, geboren 1913, meldet sich 1934 freiwillig zur SS, als Wächter im Konzentrationslager (KZ) Esterwegen. Der Malergeselle macht Karriere. 1939 wird er in die Kanzlei Hitlers nach Berlin bestellt, wo er und andere erfahren, was die Nazis unter „lebensunwertem Leben“ verstehen: die „Aktion T4“. Sie sieht die Ermordung vor allem geistig Behinderter vor. Niemann arbeitet zwei Jahre in drei Krankenheimen, die zu Mordanstalten umgebaut werden. Er holt Leichen aus Gaskammern und schiebt sie in Verbrennungsöfen.

Mit diesem „Fachwissen“ qualifiziert er sich für eine neuartige Aufgabe im Vernichtungslager Belzec in Polen, 1941 eingerichtet als Folge des Hitler-Befehls, alle polnischen Juden umzubringen. Im September 1942 wird Niemann ins nahe Lager Sobibor versetzt. In Belzec ist er bei 250.000, in Sobibor bei 185.000 vergasten und verbrannten Juden, Sinti und Roma dabei. Als stellvertretender Lagerkommandant.

Am 14. Oktober 1943 stirbt Niemann, weil ihm bei einem Aufstand im Lager ein Zwangsarbeiter mit einer Axt den Schädel einschlägt.

Mehr als 60 Jahre bleibt Niemann eine Randnotiz der NS-Zeit. Bis vor wenigen Jahren dem Heimatforscher Hermann Adams aus Ihrhove in einem Buch über Sobibor der Name Johann Niemann auffällt. Er macht sich kundig über dessen NS-Leben und stößt auf den Nachlass von Niemann im Haus eines Enkels in Völlen. Dieser überlässt dem Bildungswerk Stanislaw Hantz den Nachlass, darunter Fotos. Historiker veröffentlichten darüber jetzt ein Buch.

Dass die Fotos überhaupt vorhanden sind, liegt am frühen Todesdatum. Später hätte Niemann sie vermutlich vernichtet.  Doch die SS schickt seine Sachen der 22-jährigen Witwe nach Völlen, darunter Sparbücher, die er sich unter den Nagel gerissen hat, zwei Fotoalben und lose Bilder. Insgesamt 361. Sie zeigen, wie Niemann privat in den Lagern lebt. Keine Spur von Häftlingen. Historiker sprechen von einem „Sensationsfund“. Von einem „ausführlichen und einzigartigen Einblick in Lebensweg und Selbstdarstellung eines NS-Täters, für dessen Taten das Wort Massenmörder verharmlosend erscheint“.

Das Buch findet weltweit Beachtung – auch weil zwei Fotos den verurteilten Massenmörder John Demjanuk zeigen, von dem es sonst keine Bilder gibt. Er streitet vor Gericht alle Vorwürfe ab und stirbt vor Rechtskraft des Urteils.

Viele Völlener fragen sich jetzt, was sie mit dem Namen Johann Niemann auf dem Denkmal machen sollen.

 

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 2. Februar 2020 um 11:17 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Kultur, Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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