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Sturm im Wasserglas

Wer etwas kauft, erhält dafür eine Quittung. Das hat gute Gründe – für Käufer und Verkäufer und, sofern es sich nicht um einen privaten Handel dreht, auch fürs Finanzamt. Doch jüngst zur Jahreswende schien ein Teil der Handelswelt plötzlich vor dem Ruin zu stehen, weil der Staat zum 1. Januar 2020 eine Bon-Pflicht einführte.

Bäckereien, Restaurants und Betriebe mit kleinteiligen Waren, darunter auch Apothgeken, schlugen medienwirksam Alarm. Allen voran der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks. Er sprach nicht nur von „Bon-Wahnsinn“, sondern entdeckte auf einmal sein Herz für die Umwelt und posaunte etwas vom „Müllwahnsinn“.

Die FDP rechnete gleich grundsätzlich mit dem Kurs der Regierung ab und warf ihr „Zettelwirtschaft statt Digitalisierung“ vor. Die Grünen warnten vor dem nicht recycelbaren Thermopapier, auf dem die Bons meistens gedruckt werden, und witterten weiteres Unheil: „Die Bons enthalten oft Biphenol-A und sind deshalb für den Kontakt mit Lebensmitteln nicht geeignet.“ Als ob jemand sein Butterbrot darin einwickelt.

Der Lärm um die Bon-Pflicht ist verklungen. Er war eine typische Reaktion von Verbandsfunktionären, weniger von einzelnen Unternehmern. Kurios: Der Bundestag hatte das Gesetz schon drei Jahre vorher beschlossen. In dieser Zeit blieben die Handelsverbände stumm, statt ihre Mitglieder darauf vorzubereiten.

Stattdessen forderten sie ihre Klientel zu symbolischen Aktionen auf, zum Beispiel nicht verlangte Kassenbons sichtbar in Behältern zu sammeln, wie es im Bahnhof Leer am Bäckerei-Stand zu beobachten ist. Oder Kunden sollten ihre Bons beim Finanzamt in den Briefkasten werfen. Soweit bekannt, ließ sich kein Mensch zu solchem Unsinn verleiten.

Die Verbände hätten besser daran getan, für ihre Mitglieder praktikable und umweltfreundliche Lösungen zu suchen. Schließlich geht es darum, dass der ehrbare Kaufmann, der seine Steuern ordnungsgemäß abführt, nicht der Dumme ist – im Vergleich mit seinem Mitbewerber, der Beträge nicht oder halb registriert, so seinen Umsatz niedriger ausweist und Steuern hinterzieht. Nur wenn Einnahmen wirklich eingetippt und angezeigt werden, ist Betrug nur sehr schwer möglich. Deshalb die Bon-Pflicht.

Was oft untergeht: Die neue so genannte Kassensicherungsverordnung verpflichtet Händler und Gastronomen, jeden Verkauf zu belegen. Aber sie verlangt keineswegs die Papierform, sondern sie kann auch elektronisch erfolgen, wenn der Kunde zustimmt.

Es gibt bereits Bäcker, die mit digitaler Technik das Drucken von Bons vermeiden. Auch der Rewe-Konzern setzt darauf. Auf Dauer ist es sogar billiger. „Bonpflicht sorgt für einen Innovationsschub im Handel“, stellte das „Handelsblatt“ fest. Das System funktioniert so: Statt den Bon auszudrucken, wird auf einem Display nach dem Kauf ein QR-Code angezeigt. Der Kunde scannt mit seinem Smartphone die Quittung. Der Clou dabei: Selbst, wenn der Kunde den Code nicht scannt, muss der Händler keinen Bon drucken. Wer immer noch kein Smartphone nutzt, erhält natürlich einen Papierbon, der nicht aus Thermopapier sein muss. Normales Papier reicht.   

Sechs Wochen nach Einführung der Bonpflicht ist klar: Der Wirbel war ein Sturm im Wasserglas, angefacht von Verbandsfunktionären, die einen Arbeitsnachweis bringen mussten.

 

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 9. Februar 2020 um 12:32 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Buntes Leben, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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