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Die Frau des Massenmörders

Noch immer fördern Historiker unbekannte Einzelheiten der staatlich angeordneten Massenmorde aus der Nazi-Zeit ans Tageslicht. Dazu zählt der Nachlass des SS-Untersturmführers Johann Niemann aus Völlen. Wie berichtet, haben Historiker daraus Fotos und Dokumente ausgewertet und jetzt darüber ein Buch veröffentlicht.

Niemann, zuletzt stellvertretender Kommandant des Vernichtungslagers Sobibor in Polen, war mitverantwortlich am hunderttausendfachen Mord an Behinderten in Deutschland (Euthanasie) und an Juden, Roma und Sinti in Vernichtungslagern in Polen. 1943 erschlägt ihn ein Gefangener bei einem Aufstand in Sobibor.

Die Fotos und Dokumente erhellen auch den Weg der Ehefrau Niemanns „von der Mitwisserin zur Komplizin und aktiven Profiteurin des Holocaust“. Die Rollen von Täter-Ehefrauen sind bisher kaum erforscht.  

Henriette Niemann, geborene Frey, 1921-1980, stammt aus kleinbäuerlichen Verhältnissen in Völlen. Ihren späteren Ehemann, Malergeselle und Nachbar, heiratet sie 1939 kurz vor der Geburt eines Sohnes. Niemann gehört damals zum Kommandostab des KZ Sachsenhausen.  

Seine Ehefrau kümmert sich um den kleinen elterlichen Hof.  Die Volksschule hat sie als beste Schülerin abgeschlossen, bricht dann eine Lehre ab, um die kranke Mutter auf dem Hof zu ersetzen. 1943 bringt sie noch eine Tochter zur Welt.

Mehr und mehr genießt Henriette Niemann die Vorteile aus der Tätigkeit ihres Mannes – besucht ihn, macht Urlaube am Attersee in Österreich und in Berlin, bezahlt von der SS.

Aus dem Nachlass Niemanns schließen Historiker, dass seine Frau „erheblich“ von dessen Tätigkeit profitiert. Sie schreiben: „Die persönliche Habgier des SS-Soldaten (Anmerkung: Niemann) und die Rolle der Ehefrau ist belegt.“ Demnach hat Niemann sich persönlich am Vermögen von Gefangenen bereichert. Seine Ehefrau hat es gedeckt, das von Niemann mitgebrachte Bargeld kassiert und auf mehrere Konten bei der Raiffeisenkasse Ihrhove verteilt, weil hohe Summen auf ein einzelnes Konto vor dem kleinbäuerlichen Hintergrund aufgefallen wären. Die Konten liefen auf ihren Namen und auf denen des Vaters und der Kinder.

„Erste verdächtige Bareinzahlungen“ datieren vom August 1942 – genau 971 Reichsmark (RM), „das Vierfache des von der Kanzlei des Führers gezahlten üppigen Monatslohns“. Der Lohn beträgt 260 RM. Es folgen Zahlungen von 800, 400, 700 und 1000 RM. Ein Auszug aus dem Sparbuch des Vaters: 1936 stehen dort Ersparnisse von 36,33 RM, im Mai 1943 104 RM, zum Schluss 15.796,53 RM. Insgesamt wächst das Niemann-Vermögen auf 40.000 RM.

Die Währungsreform lässt 1948 davon wenig übrig. Henriette Niemann lebt materiell wieder auf Vorkriegs-Niveau, streitet sich jahrzehntelang mit Behörden um die Witwen- und Waisenrente von Angehörigen der Waffen-SS.

Sie nimmt den Niederländer Jan Hayo Klimp bei sich auf und beschäftigt ihn, erst illegal, dann ab 1954 mit Genehmigung des Landesarbeitsamtes. Klimp, in den Niederlanden wegen „Kollaboration mit dem Feind“ zu zwölf Jahren Haft verurteilt, flieht 1951 aus dem Gefängnis Veenhuizen. Er findet Unterschlupf bei Frau Niemann. Erst Ende der 1970er Jahre fliegt er auf, zur Auslieferung kommt es nicht. Klimp ist als „Onkel Jan“ längst Teil der Familie Niemann. Sein Name steht auf dem Grabstein unter Henriette Niemann in Völlen.

 

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 16. Februar 2020 um 12:10 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Buntes Leben, Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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