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Zähne knirschen

Die Zeiten kuscheliger Sozialpartnerschaft, die Deutschland groß machte, sind vorbei. Unternehmen, Betriebsräte und Gewerkschaften kämpfen mit harten Bandagen. Das lässt sich gut an der Meyer-Werft in Papenburg beobachten, die Weltruf genießt, rund zwei Milliarden Euro umsetzt, gut 3.600 Arbeitsplätze sichert – plus einige tausend indirekte Jobs bei Zulieferern, im Handwerk, Handel, Tourismus und in der Gastronomie.

Vor einigen Jahren wären Protestdemos wie am vorigen Donnerstag gegen Meyer undenkbar gewesen. Stein des Anstoßes ist der Plan der Werft, die Bereiche Arbeitssicherheit, Werkfeuerwehr, Sanitätsdienst, Werkschutz und Umweltschutz in eine neue Firma auszugliedern. Die Werft nennt das Jobsicherung in einem harten Wettbewerb. Betriebsrat, IG Metall und SPD sprechen von „Tarifflucht“, weil die neue Firma vorerst tariflos ist, den relativ hohen IG Metall-Tarif nicht übernimmt und einen Betriebsrat erst gründen muss.

Das raue Klima auf der Werft wird bleiben. Meyer nennt sich zwar gern Familienunternehmen, ist es formal auch, weil die Werft im Familienbesitz ist. Aber der Alltag hat mit Familie nichts zu tun. Meyer mit insgesamt mehr als 5.000 Beschäftigten in Papenburg, Rostock und Turku (Finnland) ist international aufgestellt.

Die Entfremdung im Familienbetrieb begann 2015 mit dem Kauf der finnischen Werft. Damit übersprang Meyer die Grenze von 2.000 Mitarbeitern. Das macht nach deutschem Recht eine Aktiengesellschaft nötig, deren Aufsichtsrat auch Arbeitnehmer angehören müssen. Um diese Mitbestimmung auszuhebeln, meldete Meyer eine Holding (Dachgesellschaft) in der Steueroase Luxemburg an – angeblich nicht, um Steuern zu sparen, sondern um einen Aufsichtsrat zu verhindern, der dort nicht verlangt wird.

Die Holding steuert den zentralen Einkauf für die drei Werften in Form einer europäischen Aktiengesellschaft (SE – Société européenne). Damit kann man nach internationalen Maßstäben Kapital besorgen und Partner anheuern.

Zweifellos braucht Meyer wegen seiner internationalen Arbeitsteilung im Firmenverbund eine Form wie die Holding. Sie in Luxemburg anzusiedeln, um Mitbestimmungsrechte vorsätzlich auszuhebeln, ist eine andere Frage. Aber kein Einzelfall. Legal ist es auch.

Die Werft hat eine Größe erreicht, die sie weitgehend unabhängig macht von früheren  Verbündeten, die sich um die Arbeitsplätze sorgten und sich notfalls für Meyer politisch hätten steinigen lassen: Regierungen, Abgeordnete, Kreistage, Stadträte, IG Metall, Betriebsrat, Medien – und der größte Teil der umliegenden Bevölkerung.

Sie nickten alles ab: Vertiefungen der Ems bis zum ökologischen Kollaps, Sperrwerk, Jann-Berghaus-Brücke, Schleuse – und zur Rettung des Flusses den Masterplan Ems, der auf Zeit und Hoffnung ruht. Billige Leiharbeit für ausländische Arbeiter gehört zum Geschäftsmodell – angeblich alternativlos, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das alles ist der Preis für die vielen Jobs. Die meisten Menschen sind bereit, ihn zu zahlen, auch wenn viele mit den Zähnen knirschen – weil sonst keine Traumschiffe, sondern Existenzen die Ems hinuntergingen.

Familiär ist nur noch diese Pointe: Betriebsrats-Chef Nico Bloem und Geschäftsleitungs-Mitglied Paul Bloem, beide Weener, beide SPD, beide IG Metall, tragen den Konflikt stellvertretend aus. Paul ist der Onkel von Nico.

 

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 1. März 2020 um 11:47 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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