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„Mutti, bitte bleib“

Ein Gespenst geht um die Welt – und an Ostfriesland nicht vorbei. Weil es nicht zu packen ist, sind die meisten Menschen aufgeregt, viele haben Angst um Gesundheit oder gar Leben.  Alles wegen des neuartigen Virus mit dem schönen Namen Corona – übersetzt die Krone.

Nun, die drohende Krise, die den gewohnten Alltag auf den Kopf stellt, ist alles andere als königlich. Wie immer offenbaren sich in solchen Zeiten auch niedrige Instinkte. Sie reichen von eher harmlosen Hamsterkäufen von Klopapier, Reis und Nudeln und setzen sich fort im Klinikum Leer, wo asoziale Typen Behälter mit Desinfektionsmitteln von Flurwänden schrauben. Oder die sich damit in Restaurant-Toiletten versorgen, wo sie aus dort stehenden Spendern ihre mitgebrachten Flaschen füllen. Das sind nur ein paar Beispiele.

Corona zu bewältigen ist Sache jedes Einzelnen. Aber rettende Pflöcke in den Boden schlagen ist Pflicht von Politikern – von Bürgermeistern, Landräten, Landesregierungen und Bundesregierung. Gefragt sind Maß und Mitte, kluges Abwägen und dann den Mut zu entscheiden.

Beruhigend, dass an den Schalthebeln erkennbar vernünftige Leute sitzen. Dazu gehören die ostfriesischen Landräte Matthias Groote (Leer), Olaf Meinen (Aurich), Holger Heymann (Wittmund) und Oberbürgermeister Tim Kruithoff (Emden). Sie stellten ihrer gemeinsamen Erklärung – allein das ist nicht selbstverständlich, zeigt, aber wie ernst sie die Lage einschätzen – einige fast anrührende Sätze voraus:

„Rücksichtnahme in Zeiten von Corona bedeutet, dass wir vorsichtig sind für die anderen. Für die, die besonderen Schutz benötigen: für die Älteren, für Mitbürgerinnen und Mitbürger, die durch eine Erkrankung vorbelastet sind – und für unser medizinisches Personal, das gesund bleiben muss, damit Ärzte und Pflegekräfte sich weiterhin um die Kranken kümmern können.“

Nach diesem solidarischen Grundsatz zählen sie die einzelnen Einschränkungen auf, reden von Prüfpflicht und Risikoabwägung und geben Tipps, wie man sich verhalten und selbst schützen kann.

Es spricht für Augenmaß, dass Landrat Groote den Katastrophenschutz-Stab bisher nicht einberufen hat. Das hätte eine Symbol- und mentale Sprengkraft, die dem Geschehen (noch) nicht angemessen wäre und Unsicherheit schüren würde. Dieser Stab ist sozusagen die letzte Patrone. Stattdessen beraten Landrat, Dezernenten, Gesundheits- und Ordnungsamts-Vertreter im Kreishaus täglich, was zu tun ist. Ein Sprecher des Landkreises schildert die Stimmung dort als „gespannte Gelassenheit“.

Wer jemals in einem Notfall-Stab gesessen hat, wird keinen der Teilnehmer beneiden. Sie müssen stets Vor- und Nachteile abwägen, 100 Prozent richtig gibt es nicht. Ob Fehl- oder Glücksgriff stellt sich erst später heraus. Deshalb ist eben Maß und Mitte gefragt, die Nation sehnt sich nicht mehr nach Neuanfang und Richtungsänderung.

Der Journalist Gabor Steingart bringt die Gemütslage auf den Punkt: „Die Bedrohungen von gestern – vorneweg Klimakatastrophe, soziale Spaltung und verpasste Digitalisierung – werden durch die Ereignisse nicht revidiert, aber relativiert. Man war sauer, aber nicht bedroht…. Angela Merkel wirkt in der Beleuchtung der Krise wie eine gute Fee aus den Hausmärchen der Brüder Grimm. Hätten die Deutschen drei Wünsche frei, wäre einer davon dieser: Mutti, bitte bleib!“

 

Der Beitrag wurde am Samstag, den 14. März 2020 um 17:37 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Buntes Leben, Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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