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Schwer zu verstehen

Sprechen und verstehen ist komplizierter als man denkt. Der eine sagt etwas und der andere versteht etwas ganz anderes. Zwischen Sender und Empfänger gibt es Störquellen.

Das Problem benennt der Verhaltensforscher Konrad Lorenz – ja, der Mann mit den Graugänsen- mit diesen Worten: „Gesagt heißt nicht immer gesagt, gesagt heißt nicht immer gehört, gehört heißt nicht immer verstanden, verstanden heißt nicht immer einverstanden, einverstanden heißt nicht immer angewendet, angewendet heißt nicht immer beibehalten.“

Das muss man erst mal sacken lassen – ehe man sich der Frage nähert, die sich in Zeiten des Corona-Virus aufdrängt. „Zu Hause bleiben“ – was ist daran eigentlich schwer zu verstehen? Hochqualifizierte Wissenschaftler, die sich mit Viren auskennen, im Gegensatz zu uns Normalsterblichen, sagen gebetsmühlenartig: „Bleibt zu Hause.“ Und malen Konsequenzen aus, wenn man sich unter Leute mischt. Verantwortungsbewusste Politiker nehmen die Wissenschaftler zum Glück ernst. Sperren Schulen, Kitas und Läden, machen Milliarden-Hilfen locker – um Menschen zu schützen und zu helfen.

Doch relativ viele kümmern sich einen feuchten Kehricht um Verordnungen und Appelle. So wundert sich der mittlerweile bekannte Top-Virologe Christian Drosten aus Berlin, dass noch immer   Menschen in Gruppen zusammenhocken, fröhlich Eis essen oder Partys feiern.  Zwar drückt der Wissenschaftler sich vornehm-zurückhaltend aus, aber er meint: Diese Leute haben nicht alle Latten am Zaun.

Man muss gar nicht bis nach Berlin gehen. Der Gästeansturm vor einigen Tagen in Ditzum war bemerkenswert. Oder Tausende fahren auf die Inseln, um Betriebs- und Schulschließungen als Corona-Urlaub zu genießen. Oder Menschen drängeln sich in Leer in Cafés. Der Emder Oberbürgermeister muss gar mit Ausgangssperre drohen, um Leute zur Besinnung zu bringen.

Abstand halten im Supermarkt? Keine Spur. Der Verkäuferin oder Kassiererin ins Gesicht husten? Keine Seltenheit. „Sie glauben gar nicht, was sich hier abspielt“, sagt eine Verkäuferin in Leer. Kein Wunder, dass die Regierung wohl bald die Notbremse zieht. Sie heißt Ausgangssperre. Dann ist Schluss mit lustig.

Einen Vorgeschmack liefert Italien. Der deutsche Journalist Walther Lücker, der seit Jahren in Südtirol lebt, schreibt in Facebook, was sich in Italien tut, vergleicht es mit Deutschland. Denn Ähnliches droht auch hier.

Einige Auszüge: „Fast drei Wochen sind wir schon daheim geblieben. Fürchterliche Szenen spielen sich in den Krankenhäusern ab… Derweil diskutiert man in Deutschland immer noch darüber, wie weitreichend Maßnahmen denn überhaupt gehen sollen.“

Lücker lobt die Disziplin der sonst so lebenslustigen Italiener in der Ausgangssperre: „Undenkbar, Corona-Partys wie in Deutschland. Undenkbar diese irrsinnigen Hamsterkäufe und Sturmläufe voller Aggressivität auf die Supermärkte.“ Und weiter: „Nicht vorstellbar diese Ignoranz der Tatsachen wie in Deutschland. Den Italienern und uns hier in Südtirol wurde früh und sehr deutlich erklärt, was auf dem Spiel steht und wie wir das bewältigen können. Das haben die Menschen binnen Stunden verstanden. Und das lag am Willen der Menschen. Sie wollten verstehen.“

Womit wir wieder bei der Frage gelandet sind. „Zu Hause bleiben“ – was ist daran so schwer zu verstehen?

 

Der Beitrag wurde am Samstag, den 21. März 2020 um 14:41 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Buntes Leben, Kultur abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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