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Nicht nur über Corona

Eigentlich sollte es sich hier nicht um Corona drehen. Aber ganz kommen wir nicht daran vorbei. Denn Corona ist in aller Munde – zum Glück nur im übertragenen Sinn.

Deshalb nur kurz zum angekündigten Rückzug der Leeraner Bürgermeisterin Beatrix Kuhl. Die CDU-Politikerin bleibt ihrem Politikstil treu, dem man Professionalität schwer nachsagen kann. Schon im Mai vorigen Jahres, zweieinhalb Jahre vor der Wahl, kündigte sie aus heiterem Himmel an, erneut zu kandidieren. Was sie nicht daran hinderte, jetzt zu sagen: Ich mache Schluss.  

Wenige Tage zuvor hatte sie noch völlig überflüssig den Wochenmarkt in Leer wegen Corona kurzfristig gesperrt, um dann eine Dienstreise nach Trowbridge anzutreten – ausgerechnet nach England, einem Corona-Hotspot. Viele schüttelten den Kopf. Noch mehr, als sie ausgerechnet in der Corona-Krise das Handtuch warf. Frau Kuhls politische Arbeit zu kommentieren ist zu früh, vielleicht auch gar nicht nötig: Sie spricht für sich. 

Der übliche politische Kleinkrieg in Leer lässt sich selbst von Corona nicht stoppen. So wärmt die Fraktion SPD/Linke ihren Verdruss über eine Ausschusssitzung wieder auf, die Frau Kuhl – statt wie abgesprochen nichtöffentlich – doch öffentlich stattfinden ließ. Deshalb nachkarten gegen eine Bürgermeisterin, die sich selbst aus dem Spiel nimmt? „Das ignorieren wir gar nicht erst“, sagte einst Karl Valentin.  

Zu Leer passt auch der Kleinkrieg um den fahrradfreundlichen Umbau eines Innenstadtteils, genannt FaCit. Ob es der Weisheit letzter Schluss ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber es ist beschlossen und soll im Juni beginnen. Werbegemeinschafts-Chef Johannes Poppen ist ein erbitterter Gegner. Da kommt das Virus gelegen. Er bringt es jetzt gegen das von ihm ungeliebte Projekt in Stellung. Zugespitzt, sieht Poppen die Innenstadt durch den Umbau dem Untergang geweiht – und gegen Corona und FaCit im Tandem sei Leer erst recht verloren. Rettung verspricht er sich von hemmungslos vielen verkaufsoffenen Sonntagen. 

Eher als FaCit rückt Corona der Wirtschaft zu Leibe, vor allem kleinen Betrieben. Allzu lange halten sie sich nicht über Wasser, wenn sie nicht arbeiten dürfen. Die Bundesregierung und die Landesregierungen erkennen den Ernst. Sie hebeln Gesetze aus und setzen sogar Grundrechte außer Kraft, um die Gesundheit der Menschen zu schützen und der Wirtschaft nach dem Fast-Stillstand wieder auf die Beine zu helfen. Mit unvorstellbar vielen Euro an Krediten und sogar Zuschüssen. 

In Ostfriesland hängt viel von VW, Enercon und Meyer ab. An ihren Rockzipfeln hängen unzählige Zulieferer. Es wäre zu wünschen, dass VW bald wieder Autos bauen und die beiden anderen ohne Pause weiterarbeiten können.

Im Landkreis Leer dominieren Handwerker und kleine Handels- und Dienstleistungsfirmen. Ohne Einnahmen fehlt ihnen ruck, zuck Liquidität für Löhne und Pachten. Deshalb brauchen sie vor allem Zuschüsse, die aber nur fließen, wenn die zuständigen Stellen zügig arbeiten. Gleiches gilt für KfW-Kredite, die über Geldinstitute laufen, die üblicherweise über Monate die Bonität der Firmen prüfen. Doch jetzt trägt der Staat das Kreditrisiko zu 90 Prozent. Also bleibt ein Klacks für die Banken, die sich beeilen sollten. Sonst haben Betriebe irgendwann eine Kreditzusage, aber Insolvenzverwalter kassieren das Geld.

 

Der Beitrag wurde am Samstag, den 28. März 2020 um 12:36 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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