Archive for April, 2020

Was Amazon kann…

Sonntag, April 26th, 2020

Corona mit ihrem Covid-19-Virus ist eine üble Seuche, mehr als ein medizinisches Problem. Sie verändert unseren Alltag auf Dauer. Wer hätte gedacht, dass er im Laden eine Maske über Mund und Nase ziehen muss und die Kassiererin hinter Plexiglas sitzt? Wer konnte mit „Home Schooling“ etwas anfangen? Heute ist die Küche das Klassenzimmer der Kinder.

Das ist Behelf. Aber die Digitalisierung wird schneller fortschreiten als vermutet. So bleibt der Lernort Schule zwar Mittelpunkt, aber der Unterricht ist nicht daran gebunden. In ganz modernen Schulen arbeiten Lehrer und Schüler schon mit „Microsoft Classroom“, auch das Hasso-Plattner-Institut bietet gute Software. „Zoom“ und „Skype“ sind gängige Gebrauchsartikel – in vielen Schulen, und bei Eltern und Großeltern, die mit aushäusigen Kindern, Enkeln und anderen Verwandten nicht nur telefonieren, sondern sie auch in Echtzeit sehen wollen.

Manche Lehrerkollegien – aber auch Firmenbelegschaften – wundern sich, dass es die üblichen Konferenzen, zu der sich alle (ungern) versammeln, gar nicht geben muss. Mit Videokonferenzen geht es auch.

Selbst Home-Office gewinnt an Wertschätzung bei so manchem skeptischen Firmenchef oder Vorgesetzten. Sie haben die Mitarbeiter zwar nicht mehr im Auge, aber doch einen Überblick über deren Arbeit. Home-Office wird über Nacht normal. Man wundert sich.

Die Coronakrise legt Schwächen offen, andererseits bietet sie Chancen und Gelegenheiten, die bisher zu wenig genutzt wurden, jetzt in der Not aber angepackt werden müssen. Das gilt nicht für Schulen, für Verwaltungen, Betriebe oder Ärzte, die dringend einen digitalen Schub brauchen.

Die technische Infrastruktur dafür ist im Landkreis Leer weitgehend vorhanden, weil die Landräte Bramlage und Groote, der Kreistag und einige Gemeinden den Breitbandausbau für schnelles Internet frühzeitig in Gang gesetzt haben.

Diese Grundlage nutzt auch dem Handel. Jammern über die Online-Konkurrenz hilft ihm nicht weiter. Führende Kaufleute klagen gern, gegen Amazon sei kein Kraut gewachsen. Diese Logik erscheint nicht zwingend. Die Antwort kann nur heißen: Was Amazon kann, können wir auch. Der amerikanische Online-Riese besitzt keinen einzigen Laden, „nur“ Daten. Er verteilt Dinge, die andere herstellen und an den Mann bringen wollen.

Für dieses System hat Amazon kein Monopol. Es lässt sich auf kleinteilige Regionen übertragen. So gibt es in der Coronakrise plötzlich im Landkreis Leer eine Plattform, auf der sich auf Anhieb gut 140 Betriebe versammeln. Sie ist ausbaufähig. Aller Anfang ist aber auch hier schwer.

Es muss sich erst herumsprechen, dass sich mit Digitalisierung Geld verdienen lässt. Damit kann zum Beispiel ein Laden in Leer nicht rechnen, der das Telefon klingeln lässt, wenn ein Kunde etwas bestellen möchte. Besser macht es das Fischhaus Ditzum. Es ist digital auf der Höhe der Zeit, sogar mit einer eigenen App.

Die Krise deutet auf ein verändertes Einkaufsverhalten hin, und Amazon steigt verstärkt in den Lebensmittel-Online-Handel ein. Edeka, Rewe, Lidl und Aldi sind dafür nicht gerüstet, sagen Fachleute. Wie auch immer: Viele Kunden wollen online einkaufen – und fragen verstärkt nach regionalen Produkten. Darin liegt die Chance des Einzelhandels. Was Amazon kann, kann er auch.  

„Haarmonie“

Samstag, April 18th, 2020

Haarsträubend, was Corona alles so mit sich bringt. Aber darüber schweigen wir hier – und   beschränken uns schlicht auf den Kopfschmuck, ohne dass es gleich zu haarig wird – wohl wissend um die Gefahr, Erzählungen an den Haaren herbeizuziehen. Sozusagen haarscharf am Thema vorbei. Aber das unterliegt einzig dem Urteil der geneigten Leserschaft.

Von Corona sollte eigentlich keine Rede sein, aber man kommt irgendwie nicht drumherum. Da müsste man schon Locken auf der Glatze drehen können. Was wir sagen wollen: Unser Kopf braucht – und schon ist Corona im Spiel – dringend einen Haarschnitt. Wer hätte jemals gedacht, dass Haare sich zu einem Problem auswachsen könnten. Aber das Virus schlägt den Frisören die Schere aus der Hand. Und nagelt ihre Farbtöpfe zu – mit der Folge, dass manche Männer plötzlich feststellen, dass sie gar keine Blondine an ihrer Seite haben.

Denkt man drüber nach: Um Haare ging es schon immer, von klein auf. Im eigenen Kopfkino spielt dieser Film aus der Kindheit: Der Vierjährige geht an der Hand von Opa zum Frisör. Dieser platziert ihn auf ein Brett, das er über die Seitenlehnen des Stuhls legt. Der Patient braucht die richtige Schneidehöhe. Patient ist kein sprachlicher Fehlgriff, denn der Frisör reißt mit einem eher stumpfen handbetriebenen Schneidegerät, ratsch-ratsch, die Haare aus der Kopfhaut. Es tut höllisch weh. Nur die tapfersten Jungen unterdrücken die Tränen, bei den meisten ist Opas Taschentuch gefragt.

Jugendliche hatten von solchen Halbglatzen der Kinderzeit und den geschorenen Köpfen der Väter später in den 50er und 60er Jahren die Nasen voll. Elvis Presley, dann die Beatles dienten ihnen auch bei den Haaren als Vorbilder. Sehr zum Ärger der meisten Väter und Schuldirektoren. „Lange Haare – kurzer Sinn.“ Damals ein gängiger Spruch aus erwachsenem Mund.

Lang ist’s her – oder lieber „Lang ist`s hair“. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ schrieb neulich einen Artikel über Namen von Frisiersalons. Überschrift: „Verhairendes Haar-a-kiri.“ Tatsächlich – wer mal darauf achtet, dem fallen kreative, aber auch haarsträubende Namen von Frisiersalons ins Auge. Über die Internet-Plattform Openstreetmap stößt man in eine Wortspielhölle vor. In ihr tummeln sich auch knapp zehn Prozent der 81.000 deutschen Frisörbetriebe.

Spitzenreiter sind Haarmonie, Haargenau und Haarscharf. Das geht ja noch. An den Haaren herbeigezogen wirken dagegen Namen wie Haarzienda, Kammbäck, Hairtie, Kamm in oder Haartistik. Und wenn Frisörin Katharina ihren Laden Cut-Haar-Ina nennt oder eine andere in der Sahaara verdurstet, fällt einem auch nicht mehr viel ein. Über kurz oder lang gelangt man sogar zu einem Kaiserschnitt. Es ist eben Kopfsache, und die Vier Haareszeiten kommen und gehen so oder so.

Im Rheiderland und in Leer neigen Frisöre und Frisörinnen nicht zu Wortspielen. Ein kleiner Ausreißer ist hierzulande nur DiHaarmant in Bingum. Auffällig noch Capellissimi Hairstyle in Bunde. Muss italienisch sein, kein Wortspiel. Denn Haar heißt „Capello“. Unter diesem Namen ist uns bisher nur ein Fußballtrainer untergekommen.

Ab 4. Mai ist das Haarthema durch. Dann öffnen die Frisöre wieder ihre Salons. Unsere Köpfe laufen wieder zur Form auf. Und wir verdanken Corona die Erkenntnis: Frisöre sind systemrelevant. So’n bisschen jedenfalls.

Hier bin ich Mensch

Montag, April 13th, 2020

Ostern ist auch nicht mehr das, was es mal war – so ganz oberflächlich und irdisch betrachtet. Da machte die Familie einen „Osterspaziergang“ und Goethe schrieb dazu ein Gedicht. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick.“

Und heute? Die Ems friert längst nicht mehr zu. Der Klimawandel gibt dem Eis selbst auf dem kleinsten Tümpel keine Chance mehr, verbannt unsere Schöfels auf dem Dachboden. 

Auch die Schule ist nicht mehr das, was sie war. Früher lernten wir dort viele Verse auswendig, nicht nur von Goethe. Auch Eduard Mörike brachte uns das Ende des Winters fröhlich nahe: „Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte.“ Das blaue Band hat sich verflüchtigt. Statt seiner üben Pollen die Lufthoheit aus. Unsichtbar. Aber die Augen brennen und die Nase läuft. Deshalb wissen wir heute auch ohne Mörike: „Frühling, ja du bist’s. Dich hab‘ ich vernommen!“ Was wir heute vernehmen, verrät uns die Wetter-App: Birke und Weide, vermischt mit Pappel und Ulme.

Goethes Osterspaziergang würde in einigen Passagen heute ganz schön aus der Zeit fallen. Zweifellos war er ein beschlagener Kopf. Hätte er deshalb nicht wissen müssen, dass uns der Frühling 2020 Corona und Covid 19 beschert? Verbunden mehr oder weniger mit Ausgangs- und Kontaktsperre?

Wie der Dichter beobachtet, war es bis vorige Ostern: „Sieh nur, sieh, wie behänd sich die Menge durch die Gärten und Felder zerschlägt.“ Aber im Gegensatz zu heute müssen sie sich ihre Lieben nicht anderthalb bis zwei Meter vom Leib halten. Gefragt, weil lebenserhaltend ist Denken im Widerspruch: Nähe durch Abstand.  

Die Motivation im Gedicht ist klar: „Jeder sonnt sich heute so gern. Sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden…, aus der Straßen quetschender Enge, aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht sind sie alle ans Licht gebracht.“ Selbst das ist nicht mehr wie früher. Wer es mit der Auferstehung des Herrn hält und morgen Gottesdienst in der Kirche feiern möchte – er kommt nicht mal mehr rein, würde vergeblich an der Kirchentür rütteln.

Corona hält die große Gemeinde fern. Doch Trost bietet in diesem Fall nicht Goethe, sondern die Bibel, wo Jesus in Matthäus 18, Vers 20, sagt: „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Das müsste sich auch zu Hause hinkriegen lassen vor PC oder Laptop, die Predigt und Orgel streamen. Erst in der Not bauen viele Kirchengemeinden plötzlich auf digitale Medien. Erste Erfahrungen zeigen sogar: Die Zahlen der Zugriffe auf Computer-Andachten sind größer als die Zahlen der realen Kirchgänger. Sind Videokonferenz, Podcast oder Audiokonferenz der neue Gottesdienst?

Der Blick in Zeitungen und andere Medien verheißt für die nächste Zeit wenig Gutes. „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ Unübertroffen, dieser alte Kalauer. Seine Urheberschaft wird meistens dem begnadeten Spötter Karl Kraus zugeschrieben. Nicht ganz so zynisch, aber ebenso lebensweise klingt der Komiker und Schauspieler Karl Valentin: „Die Zukunft war früher auch besser.“ Aber gerade zu Ostern wollen wir nicht Trübsal blasen und schließen deshalb mit Goethes „Osterspaziergang“, mit dem wir auch angefangen haben: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich`s sein.“

Von einem Kunststück

Sonntag, April 5th, 2020

Wird meine Firma überleben? Eine Frage, die Firmenchefs und Mitarbeiter umtreibt. Denn das Corona-Virus frisst sich tief ein auch in Wirtschaft und Gesellschaft, kurz gesagt: In unser aller Alltag.

Beim „Protje“, neudeutsch „Smalltalk“, an der Kasse bei Multi in Leer erzählt die langjährige Kassiererin, sie sei froh, jeden Tag zur Arbeit gehen zu können. Und sagt noch etwas, was gewöhnlich dort nicht zu hören ist: „Ich mache mir Sorgen um die Wirtschaft.“

Ihre Sorge ist berechtigt. Nicht aus Jux und Dollerei weigern sich die Kanzlerin und alle Ministerpräsidenten, eine baldige Aufhebung der Einschränkungen auch nur in den Mund zu nehmen. Normalität ist noch nicht angesagt. Nicht zufällig sind es Oppositionspolitiker, die einer schnellen Rückkehr zur Freizügigkeit das Wort reden. Sie müssen den Kopf nicht hinhalten.

Alle Krankenhäuser wappnen sich gegen die Epidemie, räumen Betten und rüsten intensivtechnisch auf. Um es mit einem vertrauten Bild zu beschreiben: Zurzeit sieht es aus wie Ebbe, aber der Wetterdienst kündigt eine schwere Sturmflut an, kombiniert mit einer Springflut. Möglich ist auch ein Tsunami. Die Frage ist nur: Halten die Deiche? Und wenn nicht, wie schwer sind die Überflutungen?

Schulen und Läden sind geschlossen, das VW-Werk Emden ruht, der Handel ist tot, man kann sich nicht mal die Haare schneiden lassen oder Oma und Opa im Heim besuchen. Mal abends in die Kneipe oder ins Kino, zu Ostern eine Fahrt ins Blaue oder die Familie besuchen – alles verboten.

Das Handwerk, vor wenigen Wochen noch in voller Blüte, geht am Krückstock. Junge Leute, denen jüngst noch rote Teppiche ausgerollt wurden, finden plötzlich keine Lehrstelle – welcher Betrieb stellt schon einen Lehrling ein, wenn er keine Arbeit hat? Betriebe fluten das Arbeitsamt mit Kurzarbeits-Anträgen. Banken haben mit Zuschuss- und Kreditanträgen alle Hände voll zu tun. Der Nachschub für Lebensmittelläden stockt bereits in Ansätzen, denn in Supermärkten mehren sich leere Regale, nicht nur die für Klopapier. Hefe ist längst das neue Klopapier.

Die Regierung schränkt unsere Freiheitsrechte ein. Das ist der Preis, um den Ausbruch des Virus erst mal zu verlangsamen, es dann zu stoppen und irgendwann auszurotten. Gelingt die erste Stufe (Verlangsamung) nicht und bricht der Deich, werden Klinikum und „Borro“ in Leer und das Krankenhaus Rheiderland innerhalb weniger Tage von Schwerkranken überrollt. Was das bedeutet, lesen, sehen und hören wir täglich aus Italien, Spanien, USA und bald auch aus England.

Noch breitet sich das Virus im Landkreis Leer relativ langsam aus, aber täglich nehmen die Ansteckungen zu. Das treibt die Wirtschaft auf Talfahrt wie nie seit Kriegsende. Deshalb ist es ein Glück, dass zum Beispiel die Meyer-Werft und andere größere Betriebe noch arbeiten. Grundsätzlich ist jeder Arbeitsplatz wichtig, aber von Meyer hängt im Rheiderland entscheidend viel ab.

Die meisten Menschen vertrauen der sonst oft gescholtenen Großen Koalition in Berlin und sehen im Vergleich ja auch Polit-Desperados wie Trump, Johnson und Orban. Jetzt geht es darum, den Spagat zu meistern zwischen medizinischen Notwendigkeiten und lästigen Kontaktsperren zum Schutz vieler Menschen auf der einen und der vorsichtigen Rückkehr zur Normalität. Misslingt das Kunststück, kommen lausige Zeiten.