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Von einem Kunststück

Wird meine Firma überleben? Eine Frage, die Firmenchefs und Mitarbeiter umtreibt. Denn das Corona-Virus frisst sich tief ein auch in Wirtschaft und Gesellschaft, kurz gesagt: In unser aller Alltag.

Beim „Protje“, neudeutsch „Smalltalk“, an der Kasse bei Multi in Leer erzählt die langjährige Kassiererin, sie sei froh, jeden Tag zur Arbeit gehen zu können. Und sagt noch etwas, was gewöhnlich dort nicht zu hören ist: „Ich mache mir Sorgen um die Wirtschaft.“

Ihre Sorge ist berechtigt. Nicht aus Jux und Dollerei weigern sich die Kanzlerin und alle Ministerpräsidenten, eine baldige Aufhebung der Einschränkungen auch nur in den Mund zu nehmen. Normalität ist noch nicht angesagt. Nicht zufällig sind es Oppositionspolitiker, die einer schnellen Rückkehr zur Freizügigkeit das Wort reden. Sie müssen den Kopf nicht hinhalten.

Alle Krankenhäuser wappnen sich gegen die Epidemie, räumen Betten und rüsten intensivtechnisch auf. Um es mit einem vertrauten Bild zu beschreiben: Zurzeit sieht es aus wie Ebbe, aber der Wetterdienst kündigt eine schwere Sturmflut an, kombiniert mit einer Springflut. Möglich ist auch ein Tsunami. Die Frage ist nur: Halten die Deiche? Und wenn nicht, wie schwer sind die Überflutungen?

Schulen und Läden sind geschlossen, das VW-Werk Emden ruht, der Handel ist tot, man kann sich nicht mal die Haare schneiden lassen oder Oma und Opa im Heim besuchen. Mal abends in die Kneipe oder ins Kino, zu Ostern eine Fahrt ins Blaue oder die Familie besuchen – alles verboten.

Das Handwerk, vor wenigen Wochen noch in voller Blüte, geht am Krückstock. Junge Leute, denen jüngst noch rote Teppiche ausgerollt wurden, finden plötzlich keine Lehrstelle – welcher Betrieb stellt schon einen Lehrling ein, wenn er keine Arbeit hat? Betriebe fluten das Arbeitsamt mit Kurzarbeits-Anträgen. Banken haben mit Zuschuss- und Kreditanträgen alle Hände voll zu tun. Der Nachschub für Lebensmittelläden stockt bereits in Ansätzen, denn in Supermärkten mehren sich leere Regale, nicht nur die für Klopapier. Hefe ist längst das neue Klopapier.

Die Regierung schränkt unsere Freiheitsrechte ein. Das ist der Preis, um den Ausbruch des Virus erst mal zu verlangsamen, es dann zu stoppen und irgendwann auszurotten. Gelingt die erste Stufe (Verlangsamung) nicht und bricht der Deich, werden Klinikum und „Borro“ in Leer und das Krankenhaus Rheiderland innerhalb weniger Tage von Schwerkranken überrollt. Was das bedeutet, lesen, sehen und hören wir täglich aus Italien, Spanien, USA und bald auch aus England.

Noch breitet sich das Virus im Landkreis Leer relativ langsam aus, aber täglich nehmen die Ansteckungen zu. Das treibt die Wirtschaft auf Talfahrt wie nie seit Kriegsende. Deshalb ist es ein Glück, dass zum Beispiel die Meyer-Werft und andere größere Betriebe noch arbeiten. Grundsätzlich ist jeder Arbeitsplatz wichtig, aber von Meyer hängt im Rheiderland entscheidend viel ab.

Die meisten Menschen vertrauen der sonst oft gescholtenen Großen Koalition in Berlin und sehen im Vergleich ja auch Polit-Desperados wie Trump, Johnson und Orban. Jetzt geht es darum, den Spagat zu meistern zwischen medizinischen Notwendigkeiten und lästigen Kontaktsperren zum Schutz vieler Menschen auf der einen und der vorsichtigen Rückkehr zur Normalität. Misslingt das Kunststück, kommen lausige Zeiten.

 

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 5. April 2020 um 11:34 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Buntes Leben, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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