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Hier bin ich Mensch

Ostern ist auch nicht mehr das, was es mal war – so ganz oberflächlich und irdisch betrachtet. Da machte die Familie einen „Osterspaziergang“ und Goethe schrieb dazu ein Gedicht. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick.“

Und heute? Die Ems friert längst nicht mehr zu. Der Klimawandel gibt dem Eis selbst auf dem kleinsten Tümpel keine Chance mehr, verbannt unsere Schöfels auf dem Dachboden. 

Auch die Schule ist nicht mehr das, was sie war. Früher lernten wir dort viele Verse auswendig, nicht nur von Goethe. Auch Eduard Mörike brachte uns das Ende des Winters fröhlich nahe: „Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte.“ Das blaue Band hat sich verflüchtigt. Statt seiner üben Pollen die Lufthoheit aus. Unsichtbar. Aber die Augen brennen und die Nase läuft. Deshalb wissen wir heute auch ohne Mörike: „Frühling, ja du bist’s. Dich hab‘ ich vernommen!“ Was wir heute vernehmen, verrät uns die Wetter-App: Birke und Weide, vermischt mit Pappel und Ulme.

Goethes Osterspaziergang würde in einigen Passagen heute ganz schön aus der Zeit fallen. Zweifellos war er ein beschlagener Kopf. Hätte er deshalb nicht wissen müssen, dass uns der Frühling 2020 Corona und Covid 19 beschert? Verbunden mehr oder weniger mit Ausgangs- und Kontaktsperre?

Wie der Dichter beobachtet, war es bis vorige Ostern: „Sieh nur, sieh, wie behänd sich die Menge durch die Gärten und Felder zerschlägt.“ Aber im Gegensatz zu heute müssen sie sich ihre Lieben nicht anderthalb bis zwei Meter vom Leib halten. Gefragt, weil lebenserhaltend ist Denken im Widerspruch: Nähe durch Abstand.  

Die Motivation im Gedicht ist klar: „Jeder sonnt sich heute so gern. Sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden…, aus der Straßen quetschender Enge, aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht sind sie alle ans Licht gebracht.“ Selbst das ist nicht mehr wie früher. Wer es mit der Auferstehung des Herrn hält und morgen Gottesdienst in der Kirche feiern möchte – er kommt nicht mal mehr rein, würde vergeblich an der Kirchentür rütteln.

Corona hält die große Gemeinde fern. Doch Trost bietet in diesem Fall nicht Goethe, sondern die Bibel, wo Jesus in Matthäus 18, Vers 20, sagt: „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Das müsste sich auch zu Hause hinkriegen lassen vor PC oder Laptop, die Predigt und Orgel streamen. Erst in der Not bauen viele Kirchengemeinden plötzlich auf digitale Medien. Erste Erfahrungen zeigen sogar: Die Zahlen der Zugriffe auf Computer-Andachten sind größer als die Zahlen der realen Kirchgänger. Sind Videokonferenz, Podcast oder Audiokonferenz der neue Gottesdienst?

Der Blick in Zeitungen und andere Medien verheißt für die nächste Zeit wenig Gutes. „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ Unübertroffen, dieser alte Kalauer. Seine Urheberschaft wird meistens dem begnadeten Spötter Karl Kraus zugeschrieben. Nicht ganz so zynisch, aber ebenso lebensweise klingt der Komiker und Schauspieler Karl Valentin: „Die Zukunft war früher auch besser.“ Aber gerade zu Ostern wollen wir nicht Trübsal blasen und schließen deshalb mit Goethes „Osterspaziergang“, mit dem wir auch angefangen haben: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich`s sein.“

 

Der Beitrag wurde am Montag, den 13. April 2020 um 11:25 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Buntes Leben abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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