Archive for Mai, 2020

Damit es glimpflich bleibt

Sonntag, Mai 24th, 2020

Bislang ist Ostfriesland vergleichsweise glimpflich durch die Corona-Krise gekommen. Das ist aber kein Grund, diesen erfreulichen Zustand aufs Spiel zu setzen. Zum Beispiel den Schlaumeiern auf die Leimrute zu gehen, die Virologie mit dem Einmaleins verwechseln.

Sie rechnen mit Blick auf die Corona-Statistik vor, dass die Gefahr, sich anzustecken, hierzulande lächerlich gering sei. Schutzmasken könne man deshalb in den Müll werfen und Abstandsregeln seien Freiheitsberaubung. Damit verkennen sie Ursache und Wirkung.

Ostfriesland kommt bisher einigermaßen über die Runden, weil die meisten Leute sich an die Regeln halten. Und weil zum Beispiel der Großbetrieb VW über Wochen geschlossen blieb (wegen Material-Lieferengpässen und Absatzflaute). Und weil frühzeitig der Großbetrieb Meyer-Werft entschlossen und präzise die Arbeitsabläufe den Corona- Erfordernissen anpasste. Und weil Handel und andere Dienstleister nach den Lockerungen deutlich die Wege und Abstände in den Läden markieren.   

Noch etwas spielt eine Rolle: Ostfriesland ist dünn besiedelt, es gibt keine Großstädte mit U- und Straßenbahnen und großen Bahnhöfen. Außerdem reisen nur wenige Ostfriesen zum Skifahren in die Alpen, so dass sie von dort keine Covid19-Viren einschleppen konnten. Die hier registrierten Fälle hatten fast alle dort ihre Ursprünge.

Corona ist nicht die erste weltweite Seuche (Pandemie), die Ostfriesland zu schaffen macht. Bekannt ist die „Spanische Grippe“, an der allein 1918 in Deutschland fast ein Viertel der Menschen erkrankt waren und 350.000 starben. Die Seuche wurde damals von der Heeresleitung und zivilen Behörden verschleiert – um die Kampfmoral von tausenden infizierten Soldaten nicht zu schwächen. Außerdem war das Gesundheitssystem mit der Seuche überfordert. Es gab keine Intensivbetten oder Notlazarette, kaum Krankenwagen und keine Atemschutzmasken. Die Seuche grassierte ungebremst. Es gibt nur wenig Literatur über die „Spanische Grippe“ in Ostfriesland.

Unsere Vorfahren im 16. Jahrhundert hatten die Pest am Hals. So schreibt Martin Tielke von der Ostfriesischen Landschaft über den damaligen Arzt Jacobus Cornicius:

„Als große und übervölkerte Hafenstadt war Emden für die Pest in besonderer Weise anfällig. Und diese erwies sich hier in der Tat als der apokalyptische Reiter, als den Dürer sie darstellt: Die Pest hat die ostfriesische Stadt in der Mitte des 16. Jahrhunderts in mehreren großen Wellen heimgesucht und forderte … zahlreiche Opfer; eine anonyme Quelle nennt beispielsweise für die Epidemie des Jahres 1575 … die Zahl von 6000 Toten. So ist es kein Wunder, daß der von der Stadt bestellte Arzt sich Gedanken über Verhütung und Bekämpfung dieser Seuche macht. Neigten die Pastoren dazu, sie als „Heimsuchung“ und „Strafe Gottes“ anzusehen, so war Cornicius Humanist und Naturwissenschaftler genug, um derartige Bangemachereien beiseite zu lassen und nüchtern die gegebenen Möglichkeiten abzuwägen…. Selbstverständlich konnte Cornicius nicht die wahre Ursache der Seuche kennen…Aber er weist auf die Bedeutung der Hygiene hin.“

Was lehrt uns das? Besonders in Seuchenzeiten ist Hygiene das Gebot der Stunde. Übersetzt in Corona-Deutsch: Hände waschen und desinfizieren, Schutzmaske anlegen und Abstand halten. 

Kluge Entscheidung

Sonntag, Mai 17th, 2020

Weltgeschichte ist manchmal auch Dorfgeschichte. Dann bekommt sie plötzlich ein Gesicht, das man kennt. Es kann ein schönes sein, aber genauso eine Fratze. So geschehen in den vergangenen Monaten in Völlen. Was im Dorf kaum jemand wusste: Ihr einstiger Mitbürger Johann Niemann ist ein Massenmörder, verantwortlich für den Tod von hunderttausenden Menschen in SS-Vernichtungslagern in Polen während des zweiten Weltkriegs und vorher in Behinderten-Einrichtungen in Deutschland.

Ein Heimatforscher und professionelle Historiker enttarnen ihn. 75 Jahre nach Kriegsende erscheint darüber ein Buch: „Fotos aus Sobibor – Die Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus“.  Ein eher harmlos klingender Titel, ein Zeugnis der Banalität des Bösen.  

Eine spezielle Völlener Geschichte? Eigentlich könnte sie überall spielen, denn die Massenmorde in der Nazizeit wurden ja nicht von Hitler oder Himmler persönlich verübt, sondern von Menschen wie du und ich, die ganz normale Verwandte, Nachbarn, Freunde oder Arbeitskollegen waren. So wie Johann Niemann in Völlen.

Er lernt Maler, meldet sich zur Schutzstaffel (SS) der NSDAP, macht Karriere bis zum SS-Untersturmführer. Zunächst arbeitet er als Wächter im KZ Esterwegen, später in Krankenheimen, wo er Behinderte vergast und verbrennt (Euthanasie). Das qualifiziert ihn für eine neuartige Aufgabe im Vernichtungslager Belzec in Polen, 1941 eingerichtet als Folge des Hitler-Befehls, alle polnischen Juden umzubringen. Im September 1942 wird Niemann ins nahe Lager Sobibor versetzt. In Belzec ist er bei 250.000, in Sobibor bei 185.000 vergasten und verbrannten Juden, Sinti und Roma dabei. Als stellvertretender Lagerkommandant. Am 14. Oktober 1943, bei einem Aufstand im Lager, schlägt ihm ein Zwangsarbeiter mit einer Axt den Schädel ein.

Die Völlener gravieren nach dem Krieg seinen Namen auf ein Denkmal, das die Gefallenen und Vermissten beider Weltkriege aufführt. Es steht neben der Kirche und gehört dem Bürgerverein Völlen, der es auch pflegt.

Was tun mit dem Namen Johann Niemann auf dem Denkmal? Auf diese Frage fand der Bürgerverein mit seinem Vorsitzenden Günther Eden eine Antwort. Die Rheiderland-Zeitung berichtete gestern darüber. Mit Hammer und Meißel den Namen einfach herauskappen, wie nicht wenige Völlener vorschlagen? Auch der von Eden angefragte Zentralrat der Juden rät, den Namen zu tilgen. Verständliche Reaktionen.

Doch der Bürgerverein, der sich eng mit dem Völlener Pastoren Heino Dirks abstimmte, entschied anders. Er stellt sich offen der Geschichte. Aus dem Denkmal macht er ein Mahnmal. „Unseren gefallenen Helden“ ersetzte er bereits durch ein „Nie wieder“ über den Namen der Toten. Ein meilenweiter Unterschied.

Niemanns Name wird demnächst durch Plexiglas bedeckt, mit Hinweis auf eine Info-Tafel neben dem Denkmal. Deren Text skizziert die Lage der toten Soldaten, „über deren Überzeugungen und Schuldverstrickungen wir wenig wissen“. Doch Niemann sei nachweislich ein „überzeugter Täter“ gewesen, „direkt für den Tod von unzähligen Juden, Sinti und Roma und behinderten Menschen verantwortlich“. Niemanns Name bleibt stehen, so Eden, „weil man die Erinnerung an seine unsäglichen Verbrechen nicht einfach auslöschen darf“.  Eine geschichtsbewusste, verantwortungsvolle, kluge, auch mutige Entscheidung.

Warten auf bessere Zeiten

Samstag, Mai 9th, 2020

War eigentlich was? Vor ein paar Tagen noch war fast alles zu, nichts los auf den Straßen. Heute reden alle von Öffnungen. Wie vorher soll es sein. Nur die Kanzlerin und einige Virologen mahnen unverdrossen zur Besonnenheit und erinnern daran, dass Covid-19 sich so leicht und schnell nicht geschlagen gibt.

Unsereins gibt zu, von Viren und Epidemien wenig Ahnung zu haben und auf Wissen und Rat der Fachleute angewiesen zu sein. Er hat in seinem Beruf gelernt, nicht alles zu glauben, aber alles für möglich zu halten – und die Dinge so zu betrachten, wie sie sind. Es ist, wie es ist. Aber wie ist es?

So nährt ein Blick auf die reichen Volkswirtschaften die Hoffnung, dass es mit etwas Glück keinen wirtschaftlichen Niedergang zu geben braucht, wie ihn Unkenrufer herbeischwören. Regierungen trotzen mit Billionensummen der Krise. Im Gegensatz zur Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren gibt es heute funktionierende Sozialstaaten.

Dazu gehört unser Land. Doch wie die Regierung das Geld ausgibt, ist nicht in jedem Fall unstrittig. Ein Beispiel, das auch Ostfriesland angeht: Prämien für den Autokauf, ja oder nein? Größter Arbeitgeber hier ist das VW-Werk Emden. Noch hat die Regierung die Kaufprämie nicht beschlossen. Das ist gut so. Denn nach Ansicht der meisten Fachleute bringt sie nicht viel, wie schon 2009 die Abwrackprämie bewiesen hat. Sie würde vor allem ausländischen Autofabriken helfen.

Ohnehin ist offen, ob die Autoindustrie es überhaupt nötig hat. So hocken VW, Daimler oder BMW auf milliardenschweren Polstern. Trotzdem greifen sie Kurzarbeitergeld ab. VW zahlte noch vor wenigen Wochen seinen Mitarbeitern Boni von je 6.000 Euro, von Manager-Boni und Dividenden nicht zu reden. Mit einer Kaufprämie würde der Staat dem Konzern einen Teil der Entschädigungen und vermutlich anstehenden Geldstrafen wegen Betrugs an Autokäufern (Dieselskandal) indirekt teilweise gegenfinanzieren.

Deshalb ist es eine Überlegung wert, nicht die Autokonzerne mit Prämien zu pampern, sondern den Tourismus direkt zu unterstützen, der mehr Menschen beschäftigt als die Autobauer. Oder das Gastgewerbe. Oder die Bauwirtschaft und ihre Neben-Handwerke. Das Geld bleibt praktisch in der Nachbarschaft. Oder Kommunen unter die Arme greifen, damit sie den Digitalpakt schnell umsetzen können – sprich, die Schulen für digitales Lernen fit zu machen. Ein Manko, das sich in der Coronakrise schmerzlich bemerkbar macht.

Auch im Kleinen bietet sie Chancen. Blicken wir nach Leer in die Fußgängerzone, die dringend saniert werden muss. Die Stadt möchte jetzt mit dem ersten Bauabschnitt beginnen. Doch ausgerechnet die Werbegemeinschaft bremst. Sie sagt, das werfe den Handel gerade in der Krise noch weiter zurück.

Doch betroffene Kaufleute sehen das ganz anders: Die Stadt solle den Umbau sofort in der ohnehin flauen Zeit durchziehen – damit nach überstandener Krise alles gut und schön ist. Das klingt logisch, denn die Leute kaufen zurzeit nur das Nötigste. Kurzarbeit, Virusangst und Maskenpflicht dämpfen die Kauflust.

Erst müssen die Zeiten sich wieder bessern. Um die Strecke bis dahin einigermaßen zu überstehen, der Tipp von Bernhard Kroon aus Beschotenweg, der in Shanghai lebt und arbeitet: „Je mehr Leute sich an die Regelungen halten, desto schneller geht die Krise vorbei.“  

Von Menschen und Masken

Sonntag, Mai 3rd, 2020

Auch wer es nicht gern zugibt: Es ist interessant, Mitmenschen zu beobachten – wie sie mit Corona-Masken einkaufen, ob sie Abstand halten oder versuchen, ihr Auto rückwärts einzuparken. Muss wohl in den Genen liegen. 

In ungewöhnlichen Zeiten verhalten sich Menschen logischerweise eher ungewöhnlich. Was bleibt auch übrig, wenn sie es mit einem neuen Virus zu tun haben, das im Gegensatz zu  bekannten Grippe-Viren die blöde Eigenschaft hat, nicht nur die Lunge im schlimmsten Fall zu zerstören, sondern auch über andere lebenswichtige Organe wie Herz, Niere oder Leber herzufallen. Trotzdem und entgegen dem Urteil praktisch aller Virologen spielt der eine oder die andere das Covid-19-Virus als normalen Grippe-Überträger herunter. Das zeigt höchstens, dass dieses Virus indirekt auch ganz oben liegende Körperteile beeinflusst.

Journalisten fällt es von Berufs wegen eher schwer, Regierungen und Verwaltungen zu loben. Das muss auch so bleiben. Unabhängig davon: Bislang steuern die verantwortlichen Männer und Frauen das Land ordentlich durch die Corona-Krise, die ja wirklich für alle Neuland ist. Von denen, die bewusst Schlimmeres erlebt haben wie den Zweiten Weltkrieg, leben nur noch wenige oder waren damals Kinder.

Noch ein Wort zu unseren Politikern: Mit einer strengen Corona-Linie lassen sich nur schwer Lorbeeren verdienen, vielleicht später einmal in Geschichtsbüchern. Zurzeit erleben wir, dass alle Lobbygruppen zum Sturm auf die Regierungen blasen und Lockerungen verlangen. Das ist zwar verständlich, denn es geht um Lohn und Brot. Zum Glück entscheiden sie nicht.

In Ostfriesland dreht sich vieles um den Tourismus, der am Boden liegt.  Ihm wieder auf die Beine zu helfen, ist ungleich schwieriger als Fabriken und Läden am Laufen zu halten. In Betrieben helfen Abstände und Markierungen, bei durcheinander quirlenden Touristenströmen ist das ungleich schwieriger. Merkel, Scholz, Spahn, Weil & Co. ist weiterhin ein kühler Kopf und eine stabile Seelenlage zu wünschen.

Fürs Gemüt tun auch eigentlich unwichtige Dinge gut. Wie der „Ossiloop“, ein traditioneller Laufwettbewerb zwischen Leer und Bensersiel. Gut 2.000 und mehr Läufer rennen im April/ Mai normalerweise dienstags und freitags in sechs Etappen von Leer bis an die Nordsee. Corona macht es diesmal unmöglich. Doch Organisator Edzard Wirtjes aus Leer hatte eine Idee. Er ließ eine App entwickeln, die Laufstrecken und Zeiten der Teilnehmer aufzeichnen. Jeder läuft jetzt für sich allein, wie letzten Dienstag und gestern und in den noch ausstehenden Wochen. Egal, wo er ist, in Orten in aller Welt. 3.500 Leute machen mit. Rekord.

Krisen verstärken das Gemeinschaftsgefühl. Viele merken (wieder), dass sie auf den Nachbarn, den Arbeitskollegen und andere möglicherweise angewiesen sind. Krisen verstärken die positiven und negativen Seiten des Menschen, sagen Psychologen, und die Realität beweist es.

Ein krasses Beispiel: Der Verein „Organtransplantierte Ostfriesland“ näht fleißig Schutzmasken für Risikogruppen und Pflegepersonal. Bisher bereits 4.500 Stück. Spurlos verschwunden sind jetzt 56 Meter hochwertiger Stoff und anderes Material, beklagt die Vorsitzende. Wie sagte ein offensichtlich psychologisch kundiger Berliner Taxifahrer „uff balinerisch“: „Die Juten werden bessa, die Schlechten schlechta.“