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Kluge Entscheidung

Weltgeschichte ist manchmal auch Dorfgeschichte. Dann bekommt sie plötzlich ein Gesicht, das man kennt. Es kann ein schönes sein, aber genauso eine Fratze. So geschehen in den vergangenen Monaten in Völlen. Was im Dorf kaum jemand wusste: Ihr einstiger Mitbürger Johann Niemann ist ein Massenmörder, verantwortlich für den Tod von hunderttausenden Menschen in SS-Vernichtungslagern in Polen während des zweiten Weltkriegs und vorher in Behinderten-Einrichtungen in Deutschland.

Ein Heimatforscher und professionelle Historiker enttarnen ihn. 75 Jahre nach Kriegsende erscheint darüber ein Buch: „Fotos aus Sobibor – Die Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus“.  Ein eher harmlos klingender Titel, ein Zeugnis der Banalität des Bösen.  

Eine spezielle Völlener Geschichte? Eigentlich könnte sie überall spielen, denn die Massenmorde in der Nazizeit wurden ja nicht von Hitler oder Himmler persönlich verübt, sondern von Menschen wie du und ich, die ganz normale Verwandte, Nachbarn, Freunde oder Arbeitskollegen waren. So wie Johann Niemann in Völlen.

Er lernt Maler, meldet sich zur Schutzstaffel (SS) der NSDAP, macht Karriere bis zum SS-Untersturmführer. Zunächst arbeitet er als Wächter im KZ Esterwegen, später in Krankenheimen, wo er Behinderte vergast und verbrennt (Euthanasie). Das qualifiziert ihn für eine neuartige Aufgabe im Vernichtungslager Belzec in Polen, 1941 eingerichtet als Folge des Hitler-Befehls, alle polnischen Juden umzubringen. Im September 1942 wird Niemann ins nahe Lager Sobibor versetzt. In Belzec ist er bei 250.000, in Sobibor bei 185.000 vergasten und verbrannten Juden, Sinti und Roma dabei. Als stellvertretender Lagerkommandant. Am 14. Oktober 1943, bei einem Aufstand im Lager, schlägt ihm ein Zwangsarbeiter mit einer Axt den Schädel ein.

Die Völlener gravieren nach dem Krieg seinen Namen auf ein Denkmal, das die Gefallenen und Vermissten beider Weltkriege aufführt. Es steht neben der Kirche und gehört dem Bürgerverein Völlen, der es auch pflegt.

Was tun mit dem Namen Johann Niemann auf dem Denkmal? Auf diese Frage fand der Bürgerverein mit seinem Vorsitzenden Günther Eden eine Antwort. Die Rheiderland-Zeitung berichtete gestern darüber. Mit Hammer und Meißel den Namen einfach herauskappen, wie nicht wenige Völlener vorschlagen? Auch der von Eden angefragte Zentralrat der Juden rät, den Namen zu tilgen. Verständliche Reaktionen.

Doch der Bürgerverein, der sich eng mit dem Völlener Pastoren Heino Dirks abstimmte, entschied anders. Er stellt sich offen der Geschichte. Aus dem Denkmal macht er ein Mahnmal. „Unseren gefallenen Helden“ ersetzte er bereits durch ein „Nie wieder“ über den Namen der Toten. Ein meilenweiter Unterschied.

Niemanns Name wird demnächst durch Plexiglas bedeckt, mit Hinweis auf eine Info-Tafel neben dem Denkmal. Deren Text skizziert die Lage der toten Soldaten, „über deren Überzeugungen und Schuldverstrickungen wir wenig wissen“. Doch Niemann sei nachweislich ein „überzeugter Täter“ gewesen, „direkt für den Tod von unzähligen Juden, Sinti und Roma und behinderten Menschen verantwortlich“. Niemanns Name bleibt stehen, so Eden, „weil man die Erinnerung an seine unsäglichen Verbrechen nicht einfach auslöschen darf“.  Eine geschichtsbewusste, verantwortungsvolle, kluge, auch mutige Entscheidung.

 

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 17. Mai 2020 um 10:44 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Kultur, Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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