Archive for Juli, 2020

Neue Friesische Freiheit

Freitag, Juli 31st, 2020

Die Wirtschaft und damit die Menschen in Ostfriesland dürfen nicht unter die Räder kommen – trotz der weltweiten Umbrüche, die drei Namen haben: Digitalisierung, Klimawandel und Corona. Innerhalb einer Woche legten deshalb zunächst die heimischen SPD-Landtags- und Bundestagsabgeordneten und dann Landes-Wirtschaftsminister Bernd Althusmann, CDU, ihre Ideen und Pläne zur Zukunft Ostfrieslands vor.

Bei genauem Hinsehen unterscheiden sich die Absichten der beiden Koalitionspartner in Hannover und Berlin nicht sonderlich. Das ist gut so, denn es erleichtert die Arbeit. Der Minister kam zur Vorstellung seines Ostfriesland-Plans nicht mit leeren Händen nach Emden, sondern brachte einige Millionen für kulturelle und touristische Pläne mit. Das ist erfreulich und lobenswert, erzeugt aber keine Aufbruchstimmung.

Zweifelhaft ist, ob sich der Verein „Wachstumsregion Ems-Achse“ mit Sitz in Papenburg für eine Million Euro zu einer „Denkfabrik“ entwickeln lässt. Fehlte nur, dass von einem „Think Tank“ die Rede gewesen wäre. Die Ems-Achse kümmert sich bisher vornehmlich um die wichtige Fachkräftewerbung und versucht dies aktuell mit einem neuen Irrgarten in einem Maisfeld bei Emsbüren. Aber „Denkfabrik“?

Da ist der Hochschule Emden-Leer kraft ihrer wissenschaftlichen Kompetenz mehr zuzutrauen. Sie soll eine wichtige Rolle spielen, die sie beim Wissenstransfer zwischen Unternehmen und Wissenschaft schon heute spielt.

Doch Dreh- und Angelpunkte sind die Landräte Groote aus Leer und Heymann aus Wittmund, beide SPD, Meinen aus Aurich und Oberbürgermeister Kruithoff aus Emden, beide parteilos. Sie firmieren als Ostfriesland-Allianz – unterstützt von mehreren Organisationen sowie den Landtags- und Bundestagsabgeordneten.

Staatliches Geld und Handeln sind nötig, doch einzig entscheidend ist, dass damit die Wirtschaft auf die Sprünge kommt. Wenn der Staat den Breitband-Ausbau bis an die letzte Milchkanne ausbaut, die Bildung mit aller Kraft voranpeitscht und Straßen, Schienen und Wasserwege in Schuss hält sowie Corona-Unterstützungen punktuell und zielgenau einsetzt, ist schon viel getan. Dann kann der Ostfriesland-Plan ein Erfolg werden. Unabhängig davon müssen VW, Enercon und Meyer stark bleiben.

Die Landräte und der Oberbürgermeister müssen über alle Schatten springen und sich auf ein paar Leuchtturm-Projekte einigen, die ausstrahlen. Geschichtlich sind Ostfriesland und Einheit zwei Paar Schuhe. Das historisch verwurzelte Häuptlings-Denken steckt in den Genen. Die neue Ostfriesland-Allianz hat die Chance, die alte Friesische Freiheit neu zu interpretieren. Motto: Gemeinsam stark durch projektbezogene Zusammenarbeit. Darauf baut auch Minister Althusmann, der einen langen Atem für nötig hält, ehe es aufwärts geht.    

Die Grünen, vertreten durch die Vizepräsidentin des Landtags, Meta Janssen-Kucz, früher Leer, heute Borkum, sehen das Heil darin, die bestehenden Landkreise aufzulösen und einen Großkreis Ostfriesland zu gründen. Damit ist Janssen-Kucz schon 2006 auf den Bauch gefallen. Über den ohnehin fraglichen Sinn und Nutzen jetzt nachzudenken, ist der falsche Termin. Denn eines ist sicher: Über Jahre gäbe es Hauen und Stechen zwischen Landkreisen und Stadt Emden. Viel politische Kraft wäre durch diese Streiterei gebunden. Deshalb: Bloß kein Großkreis.

Große Linien

Samstag, Juli 18th, 2020

Arbeitswelt und Alltag ändern sich. Corona wirkt dabei zusätzlich wie ein Brandbeschleuniger. Aber Klimawandel und Digitalisierung sorgen schon länger für einen schnellen Wandel, für den sich auch Ostfriesland wappnen muss.

Betroffen sind alle, nicht zuletzt die Wirtschaft – doch steuern muss die Politik. Deshalb lohnt sich ein Blick in „Leitideen“ zur Zukunft Ostfrieslands. Die ostfriesischen Bundestagsabgeordneten Johann Saathoff, Markus Paschke und Siemtje Möller sowie die Landtagsabgeordneten Matthias Arends, Johanne Modder und Wiard Siebels, alle SPD, haben sie zusammengefasst und gestern vorgelegt.

Sie verstehen die Leitideen als „Ausgangspunkt für einen ostfriesischen Zukunftspakt“ und verlieren sich nicht im Kleinkram, sondern zeichnen größere Linien – konzentriert auf die ostfriesischen Schlüsselbranchen: Automobilindustrie, Windenergie, Maritime Wirtschaft und Tourismus. Eigene Kapitel umfassen Infrastruktur, vielfältige Energieversorgung unter anderem mit „grünem Wasserstoff“ sowie allgemeine Bildung und Hochschule.

Die Abgeordneten streuen den Menschen keinen Sand in die Augen. Sie begreifen den unaufhaltsamen Wandel „trotz aller Härten als Chance“. Tatsächlich hält Ostfriesland gute Karten in der Hand.  

So öffnet der Klimawandel dank der fortgeschrittenen Windkraft das Tor zu einer klimafreundlichen Energiewirtschaft. Läuft es gut, kann Ostfriesland eine ähnliche energiepolitische Rolle spielen wie einst das Ruhrgebiet mit der Kohle. Die Windkraft hat noch Luft nach oben, Strom- und Gasnetze, Gasspeicher – alles ist da. Beste Voraussetzungen auch für die Wasserstofftechnik, deren industrieller Nutzen in einer Testfabrik in Diele erprobt werden soll.

Erneuerbare Energien sind auch entscheidend, ob E-Autos, die VW bald in Emden baut, klimafreundlich sind. Doch Autobau ist nicht alles. Die Abgeordneten fordern, dass die nächste Fabrik für Batterien und Batteriezellen in Ostfriesland entsteht.  Zum erneuerbaren Energiemix zählt der Wasserstoff, dem hohes Gewicht als künftiger Energieträger zugemessen wird, in der Industrie und in der Mobilität. Den Abgeordneten schwebt Ostfriesland als Modellregion für Elektromobilität vor – und für autonomes Fahren sollte es ein Forschungsschwerpunkt sein.

 Ostfriesland dürfe seinen Vorsprung in der Windenergie nicht verspielen, sondern müsse ihn gezielt ausbauen. Gleiches gelte für die Maritime Wirtschaft. Die Sozialdemokraten unterstreichen die Bedeutung der Reedereien und des Schiffbaus, namentlich der Meyer-Werft.

Gute Bildung von der Krippe bis zur Hochschule – oft gehört. Doch konkret klingt es wie Musik: Die Hochschule Emden-Leer zum Zentrum des Strukturwandels entwickeln und über das Regionale Pädagogischen Zentrum (RPZ) alle Lehrer fit machen fürs Home Schooling.

Und wer managt die „Leitideen“? Mitmachen sollen Kommunen, Politik, Hochschule, IHK, Handwerkskammer, Landschaft und Gewerkschaften – umsetzen soll es ein Ostfriesland-Büro unter dem Dach des Landesbeauftragten für regionale Landesentwicklung. Pläne gibt es genug, keiner muss neue ausdenken. Das bedeutet Zeitgewinn, der nötig ist, weil sich bald viele Regionen um Fördertöpfe balgen werden und Geld knapp wird. Wenn Ostfriesland sich zügig auf Scherpunkte einigt und gemeinsam auftritt, kann etwas daraus werden. Aber nur dann.  

Sprechstunde im Video

Freitag, Juli 17th, 2020

Für Lehrer und Schüler ist es das Lernen am Bildschirm zu Hause, für Arbeitnehmer das Arbeiten im Home-Office – und für Ärzte und Patienten die Videosprechstunde. Wie so vielem anderen gibt die Coronakrise der Telemedizin einen kräftigen Schub, auch hier bei uns.

Viele Ärzte, geschätzt die meisten, tun sich schwer damit, dass die Digitalisierung vor ihrem Beruf nicht Halt macht. Aber ihre Zahl bröckelt. Von den 40.000 niedergelassenen Ärzten in Niedersachsen boten im vorigen Jahr lediglich 75 eine Videosprechstunde an. Im ersten Quartal 2020, es ging gerade los mit Corona, waren es schon 2.111. Von ihnen praktizieren 147 in Ostfriesland.

Die Zahl wird steigen, schätzt Dieter Krott, Geschäftsführer der für Ostfriesland zuständigen Bezirksstelle Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Im Augenblick geht es darum, das Corona-Virus einzudämmen. Weniger Arztbesuche helfen dabei. Wer nicht im Wartezimmer sitzt, kann keinen anstecken und sich selbst das Virus nicht einfangen.

Videosprechstunden verringern Besuche in Arztpraxen. Technisch sind sie kein Problem.  Gerade in der Coronakrise skypen viele Großeltern mit ihren Enkeln oder nutzen den Videodienst Zoom. Das geht natürlich auch mit der Hausarztpraxis – sofern der Arzt mitspielt.

Videosprechstunden sind aber nicht nur in Epidemie-Zeiten praktisch. Der Ärztemangel, schon heute örtlich spürbar, wird sich in den nächsten Jahren verstärken. Gerade auf dem Lande mit oft großen Entfernungen zum Arzt bietet sich das Videosystem an.

Erste niedergelassene Ärzte in Leer weisen auf ihrer Homepage auf ihre Videosprechstunden hin. Das Klinikum in Leer ist mit seinen Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin, Innere Medizin und Psychosomatische Medizin sowie dem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) des Inselkrankenhauses Borkum mit dabei. Das Borromäus-Hospital weist Videosprechstunden für die Neurologie und Psychiatrie und für die Neurochirurgie aus.

Nützlich erweist sich die Videosprechstunde bei Erstberatung, Verlaufskontrolle von Wunden, Beurteilung von Bewegungsstörungen, langfristiger Begleitung von chronisch Kranken, Patienten mit Krankenhauskeimen (MRSA), schmerztherapeutischer Versorgung und nicht zuletzt in der Psychotherapie. Grundsätzlich gilt natürlich immer: Die Videosprechstunde ersetzt nicht den Arzt, aber sie hilft ihm, Zeit für seine eigentliche Arbeit zu gewinnen.

Ermutigt durch die guten Erfahrungen in der Coronakrise treibt die Kassenärztliche Vereinigung das digitale Instrument der Videosprechstunde voran und hat sie sogar schon auf den Bereitschaftsdienst ausgedehnt – unter Telefon 116117. Sie hat die Voraussetzungen für den Datenschutz für Patienten und die Finanzierung geregelt.

Beste Erfahrungen sammelten Augenärzte mit dem zweijährigen Telemedizin-Projekt „Opthamet-Telenet“ für die Insel Borkum. Im Inselkrankenhaus wurden die Bilder von den Augen gemacht, auf dem Festland stellten Augenfachärzte einen ersten Befund, empfahlen Therapien oder weitere Untersuchungen. Dadurch wurden auch Grunderkrankungen für Sehschwächen wie Diabetes erkannt. Abgesehen davon ersparten sich Borkumer eine Tagesreise aufs Festland. Ein Beitrag, den Fachärztemangel zu mildern, war es auch. Leider kostete das Projekt viel Geld. Zurzeit wird deshalb mit Krankenkassen über eine Fortsetzung verhandelt.

Es ist sehr ernst

Sonntag, Juli 5th, 2020

Schrammt die Meyer-Werft schon über den Grund oder hat sie noch eine Handbreit Wasser unterm Kiel? Seniorchef Bernard Meyer spricht von „der größten Krise, die er persönlich erlebt hat“. Tatsächlich dürfte er im Geschichtsbuch der Werft nicht auf einen Niederschlag wie die Coronakrise stoßen. Über Nacht stürzte der Betrieb von einer Hochphase fast auf null. 

1795 gründet Willm Rolf Meyer die Werft, sieben Generationen später steht immer noch die Meyer-Familie auf der Brücke. Diese ungewöhnlich lange Tradition ist zwar keine Garantie, aber sie gibt die Gewissheit, dass Vater und Söhne Meyer bis zum letzten Blutstropfen für die Werft kämpfen werden. Darauf können 3.600 Mitarbeiter und die ganze Region vertrauen.

Von außen betrachtet steht es innerhalb der Werft mit gegenseitigem Vertrauen nicht zum Besten. Augenscheinlich haben nicht alle den Ernst der Lage erkannt. Flankiert von Sandkastenspielen wie Unterschrifts-Aktionen hat es wochenlang gedauert, ehe sich Geschäftsleitung, Betriebsrat und IG Metall über Kurzarbeit geeinigt hatten. Von ursprünglich zwei Monaten wurde sie für den Rest des Jahres verlängert. Betriebsbedingte Kündigungen soll es bis dahin nicht geben. Streitpunkt bleibt das Urlaubsgeld, insgesamt 14 Millionen Euro, das nicht jetzt, sondern nach Ablieferung des Schiffs „Iona“ gezahlt werden soll. Geplant im August.  

Der Werft fehlt schlicht liquides Geld, weil nichts hereinkommt. Deshalb nimmt sie Kredite von der bundeseigenen KfW-Bank in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro in Anspruch. Die KfW finanziert auch Reedereien. Zum Glück hat sie ihnen für ein Jahr die Zahlungen gestundet. Das sorgt mit dafür, dass die Reedereien vorläufig keine Aufträge bei Meyer stornieren.

Meyer andererseits versucht, die Aufträge zu strecken – immer unter dem Damokles-Schwert einer Stornierung. Strecken heißt Zeit gewinnen, aber die Reedereien müssen mitmachen. Zurzeit liegt die „Iona“ fertig in Bremerhaven, aber der Kunde hat sie noch nicht abgenommen.

Ein erster Lichtblick: Für die fast fertige „Odyssey of the Seas“ stimmt die Reederei zu, sie erst im April 2021 abzunehmen. Eins aber bleibt: Die Werft hat hohe laufende Kosten – und fertige Ware liegt unbezahlt herum.

Der Kunde bezahlt ein Kreuzfahrtschiff zunächst in mehreren Tranchen bis zu 20 Prozent. 80 Prozent sind bei der Ablieferung fällig. Ein Schiff kostet plus-minus 800 Millionen Euro. Was das bedeutet, kann man an fünf Fingern abzählen.

 Die Streckungspläne ruhen auf der Hoffnung, dass in einigen Jahren der Kreuzfahrt-Tourismus wieder anspringt, aber ohne zu wissen, wie die Konkurrenzlage und die Preise dann aussehen. In Euro spricht Meyer von nötigen Einsparungen von 1,3 Milliarden in fünf Jahren. Das bedeutet 40 Prozent weniger Arbeit und damit weniger Jobs.

Der Betriebsrat, und das ist seine Aufgabe, möchte die Stamm-Arbeitsplätze retten. Diese sind aber teurer als Fremdfirmen. Andererseits braucht die Werft qualifizierte Leute.

Um zu retten, was zu retten ist, fehlt bisher ein weitsichtiges, kluges und mutiges Konzept. Staat, Banken, Reedereien, Zulieferer – alle müssen mit ins Boot. Geschäftsleitung und Betriebsrat sollten in Quarantäne gehen, dort Vorbehalte über Bord werfen, Nebenkriegsschauplätze ausblenden und gemeinsam Lösungen suchen.