Es ist sehr ernst

Schrammt die Meyer-Werft schon über den Grund oder hat sie noch eine Handbreit Wasser unterm Kiel? Seniorchef Bernard Meyer spricht von „der größten Krise, die er persönlich erlebt hat“. Tatsächlich dürfte er im Geschichtsbuch der Werft nicht auf einen Niederschlag wie die Coronakrise stoßen. Über Nacht stürzte der Betrieb von einer Hochphase fast auf null. 

1795 gründet Willm Rolf Meyer die Werft, sieben Generationen später steht immer noch die Meyer-Familie auf der Brücke. Diese ungewöhnlich lange Tradition ist zwar keine Garantie, aber sie gibt die Gewissheit, dass Vater und Söhne Meyer bis zum letzten Blutstropfen für die Werft kämpfen werden. Darauf können 3.600 Mitarbeiter und die ganze Region vertrauen.

Von außen betrachtet steht es innerhalb der Werft mit gegenseitigem Vertrauen nicht zum Besten. Augenscheinlich haben nicht alle den Ernst der Lage erkannt. Flankiert von Sandkastenspielen wie Unterschrifts-Aktionen hat es wochenlang gedauert, ehe sich Geschäftsleitung, Betriebsrat und IG Metall über Kurzarbeit geeinigt hatten. Von ursprünglich zwei Monaten wurde sie für den Rest des Jahres verlängert. Betriebsbedingte Kündigungen soll es bis dahin nicht geben. Streitpunkt bleibt das Urlaubsgeld, insgesamt 14 Millionen Euro, das nicht jetzt, sondern nach Ablieferung des Schiffs „Iona“ gezahlt werden soll. Geplant im August.  

Der Werft fehlt schlicht liquides Geld, weil nichts hereinkommt. Deshalb nimmt sie Kredite von der bundeseigenen KfW-Bank in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro in Anspruch. Die KfW finanziert auch Reedereien. Zum Glück hat sie ihnen für ein Jahr die Zahlungen gestundet. Das sorgt mit dafür, dass die Reedereien vorläufig keine Aufträge bei Meyer stornieren.

Meyer andererseits versucht, die Aufträge zu strecken – immer unter dem Damokles-Schwert einer Stornierung. Strecken heißt Zeit gewinnen, aber die Reedereien müssen mitmachen. Zurzeit liegt die „Iona“ fertig in Bremerhaven, aber der Kunde hat sie noch nicht abgenommen.

Ein erster Lichtblick: Für die fast fertige „Odyssey of the Seas“ stimmt die Reederei zu, sie erst im April 2021 abzunehmen. Eins aber bleibt: Die Werft hat hohe laufende Kosten – und fertige Ware liegt unbezahlt herum.

Der Kunde bezahlt ein Kreuzfahrtschiff zunächst in mehreren Tranchen bis zu 20 Prozent. 80 Prozent sind bei der Ablieferung fällig. Ein Schiff kostet plus-minus 800 Millionen Euro. Was das bedeutet, kann man an fünf Fingern abzählen.

 Die Streckungspläne ruhen auf der Hoffnung, dass in einigen Jahren der Kreuzfahrt-Tourismus wieder anspringt, aber ohne zu wissen, wie die Konkurrenzlage und die Preise dann aussehen. In Euro spricht Meyer von nötigen Einsparungen von 1,3 Milliarden in fünf Jahren. Das bedeutet 40 Prozent weniger Arbeit und damit weniger Jobs.

Der Betriebsrat, und das ist seine Aufgabe, möchte die Stamm-Arbeitsplätze retten. Diese sind aber teurer als Fremdfirmen. Andererseits braucht die Werft qualifizierte Leute.

Um zu retten, was zu retten ist, fehlt bisher ein weitsichtiges, kluges und mutiges Konzept. Staat, Banken, Reedereien, Zulieferer – alle müssen mit ins Boot. Geschäftsleitung und Betriebsrat sollten in Quarantäne gehen, dort Vorbehalte über Bord werfen, Nebenkriegsschauplätze ausblenden und gemeinsam Lösungen suchen.       

Comments are closed.