Sprechstunde im Video

Für Lehrer und Schüler ist es das Lernen am Bildschirm zu Hause, für Arbeitnehmer das Arbeiten im Home-Office – und für Ärzte und Patienten die Videosprechstunde. Wie so vielem anderen gibt die Coronakrise der Telemedizin einen kräftigen Schub, auch hier bei uns.

Viele Ärzte, geschätzt die meisten, tun sich schwer damit, dass die Digitalisierung vor ihrem Beruf nicht Halt macht. Aber ihre Zahl bröckelt. Von den 40.000 niedergelassenen Ärzten in Niedersachsen boten im vorigen Jahr lediglich 75 eine Videosprechstunde an. Im ersten Quartal 2020, es ging gerade los mit Corona, waren es schon 2.111. Von ihnen praktizieren 147 in Ostfriesland.

Die Zahl wird steigen, schätzt Dieter Krott, Geschäftsführer der für Ostfriesland zuständigen Bezirksstelle Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Im Augenblick geht es darum, das Corona-Virus einzudämmen. Weniger Arztbesuche helfen dabei. Wer nicht im Wartezimmer sitzt, kann keinen anstecken und sich selbst das Virus nicht einfangen.

Videosprechstunden verringern Besuche in Arztpraxen. Technisch sind sie kein Problem.  Gerade in der Coronakrise skypen viele Großeltern mit ihren Enkeln oder nutzen den Videodienst Zoom. Das geht natürlich auch mit der Hausarztpraxis – sofern der Arzt mitspielt.

Videosprechstunden sind aber nicht nur in Epidemie-Zeiten praktisch. Der Ärztemangel, schon heute örtlich spürbar, wird sich in den nächsten Jahren verstärken. Gerade auf dem Lande mit oft großen Entfernungen zum Arzt bietet sich das Videosystem an.

Erste niedergelassene Ärzte in Leer weisen auf ihrer Homepage auf ihre Videosprechstunden hin. Das Klinikum in Leer ist mit seinen Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin, Innere Medizin und Psychosomatische Medizin sowie dem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) des Inselkrankenhauses Borkum mit dabei. Das Borromäus-Hospital weist Videosprechstunden für die Neurologie und Psychiatrie und für die Neurochirurgie aus.

Nützlich erweist sich die Videosprechstunde bei Erstberatung, Verlaufskontrolle von Wunden, Beurteilung von Bewegungsstörungen, langfristiger Begleitung von chronisch Kranken, Patienten mit Krankenhauskeimen (MRSA), schmerztherapeutischer Versorgung und nicht zuletzt in der Psychotherapie. Grundsätzlich gilt natürlich immer: Die Videosprechstunde ersetzt nicht den Arzt, aber sie hilft ihm, Zeit für seine eigentliche Arbeit zu gewinnen.

Ermutigt durch die guten Erfahrungen in der Coronakrise treibt die Kassenärztliche Vereinigung das digitale Instrument der Videosprechstunde voran und hat sie sogar schon auf den Bereitschaftsdienst ausgedehnt – unter Telefon 116117. Sie hat die Voraussetzungen für den Datenschutz für Patienten und die Finanzierung geregelt.

Beste Erfahrungen sammelten Augenärzte mit dem zweijährigen Telemedizin-Projekt „Opthamet-Telenet“ für die Insel Borkum. Im Inselkrankenhaus wurden die Bilder von den Augen gemacht, auf dem Festland stellten Augenfachärzte einen ersten Befund, empfahlen Therapien oder weitere Untersuchungen. Dadurch wurden auch Grunderkrankungen für Sehschwächen wie Diabetes erkannt. Abgesehen davon ersparten sich Borkumer eine Tagesreise aufs Festland. Ein Beitrag, den Fachärztemangel zu mildern, war es auch. Leider kostete das Projekt viel Geld. Zurzeit wird deshalb mit Krankenkassen über eine Fortsetzung verhandelt.

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