Große Linien

Arbeitswelt und Alltag ändern sich. Corona wirkt dabei zusätzlich wie ein Brandbeschleuniger. Aber Klimawandel und Digitalisierung sorgen schon länger für einen schnellen Wandel, für den sich auch Ostfriesland wappnen muss.

Betroffen sind alle, nicht zuletzt die Wirtschaft – doch steuern muss die Politik. Deshalb lohnt sich ein Blick in „Leitideen“ zur Zukunft Ostfrieslands. Die ostfriesischen Bundestagsabgeordneten Johann Saathoff, Markus Paschke und Siemtje Möller sowie die Landtagsabgeordneten Matthias Arends, Johanne Modder und Wiard Siebels, alle SPD, haben sie zusammengefasst und gestern vorgelegt.

Sie verstehen die Leitideen als „Ausgangspunkt für einen ostfriesischen Zukunftspakt“ und verlieren sich nicht im Kleinkram, sondern zeichnen größere Linien – konzentriert auf die ostfriesischen Schlüsselbranchen: Automobilindustrie, Windenergie, Maritime Wirtschaft und Tourismus. Eigene Kapitel umfassen Infrastruktur, vielfältige Energieversorgung unter anderem mit „grünem Wasserstoff“ sowie allgemeine Bildung und Hochschule.

Die Abgeordneten streuen den Menschen keinen Sand in die Augen. Sie begreifen den unaufhaltsamen Wandel „trotz aller Härten als Chance“. Tatsächlich hält Ostfriesland gute Karten in der Hand.  

So öffnet der Klimawandel dank der fortgeschrittenen Windkraft das Tor zu einer klimafreundlichen Energiewirtschaft. Läuft es gut, kann Ostfriesland eine ähnliche energiepolitische Rolle spielen wie einst das Ruhrgebiet mit der Kohle. Die Windkraft hat noch Luft nach oben, Strom- und Gasnetze, Gasspeicher – alles ist da. Beste Voraussetzungen auch für die Wasserstofftechnik, deren industrieller Nutzen in einer Testfabrik in Diele erprobt werden soll.

Erneuerbare Energien sind auch entscheidend, ob E-Autos, die VW bald in Emden baut, klimafreundlich sind. Doch Autobau ist nicht alles. Die Abgeordneten fordern, dass die nächste Fabrik für Batterien und Batteriezellen in Ostfriesland entsteht.  Zum erneuerbaren Energiemix zählt der Wasserstoff, dem hohes Gewicht als künftiger Energieträger zugemessen wird, in der Industrie und in der Mobilität. Den Abgeordneten schwebt Ostfriesland als Modellregion für Elektromobilität vor – und für autonomes Fahren sollte es ein Forschungsschwerpunkt sein.

 Ostfriesland dürfe seinen Vorsprung in der Windenergie nicht verspielen, sondern müsse ihn gezielt ausbauen. Gleiches gelte für die Maritime Wirtschaft. Die Sozialdemokraten unterstreichen die Bedeutung der Reedereien und des Schiffbaus, namentlich der Meyer-Werft.

Gute Bildung von der Krippe bis zur Hochschule – oft gehört. Doch konkret klingt es wie Musik: Die Hochschule Emden-Leer zum Zentrum des Strukturwandels entwickeln und über das Regionale Pädagogischen Zentrum (RPZ) alle Lehrer fit machen fürs Home Schooling.

Und wer managt die „Leitideen“? Mitmachen sollen Kommunen, Politik, Hochschule, IHK, Handwerkskammer, Landschaft und Gewerkschaften – umsetzen soll es ein Ostfriesland-Büro unter dem Dach des Landesbeauftragten für regionale Landesentwicklung. Pläne gibt es genug, keiner muss neue ausdenken. Das bedeutet Zeitgewinn, der nötig ist, weil sich bald viele Regionen um Fördertöpfe balgen werden und Geld knapp wird. Wenn Ostfriesland sich zügig auf Scherpunkte einigt und gemeinsam auftritt, kann etwas daraus werden. Aber nur dann.  

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