Neue Friesische Freiheit

Die Wirtschaft und damit die Menschen in Ostfriesland dürfen nicht unter die Räder kommen – trotz der weltweiten Umbrüche, die drei Namen haben: Digitalisierung, Klimawandel und Corona. Innerhalb einer Woche legten deshalb zunächst die heimischen SPD-Landtags- und Bundestagsabgeordneten und dann Landes-Wirtschaftsminister Bernd Althusmann, CDU, ihre Ideen und Pläne zur Zukunft Ostfrieslands vor.

Bei genauem Hinsehen unterscheiden sich die Absichten der beiden Koalitionspartner in Hannover und Berlin nicht sonderlich. Das ist gut so, denn es erleichtert die Arbeit. Der Minister kam zur Vorstellung seines Ostfriesland-Plans nicht mit leeren Händen nach Emden, sondern brachte einige Millionen für kulturelle und touristische Pläne mit. Das ist erfreulich und lobenswert, erzeugt aber keine Aufbruchstimmung.

Zweifelhaft ist, ob sich der Verein „Wachstumsregion Ems-Achse“ mit Sitz in Papenburg für eine Million Euro zu einer „Denkfabrik“ entwickeln lässt. Fehlte nur, dass von einem „Think Tank“ die Rede gewesen wäre. Die Ems-Achse kümmert sich bisher vornehmlich um die wichtige Fachkräftewerbung und versucht dies aktuell mit einem neuen Irrgarten in einem Maisfeld bei Emsbüren. Aber „Denkfabrik“?

Da ist der Hochschule Emden-Leer kraft ihrer wissenschaftlichen Kompetenz mehr zuzutrauen. Sie soll eine wichtige Rolle spielen, die sie beim Wissenstransfer zwischen Unternehmen und Wissenschaft schon heute spielt.

Doch Dreh- und Angelpunkte sind die Landräte Groote aus Leer und Heymann aus Wittmund, beide SPD, Meinen aus Aurich und Oberbürgermeister Kruithoff aus Emden, beide parteilos. Sie firmieren als Ostfriesland-Allianz – unterstützt von mehreren Organisationen sowie den Landtags- und Bundestagsabgeordneten.

Staatliches Geld und Handeln sind nötig, doch einzig entscheidend ist, dass damit die Wirtschaft auf die Sprünge kommt. Wenn der Staat den Breitband-Ausbau bis an die letzte Milchkanne ausbaut, die Bildung mit aller Kraft voranpeitscht und Straßen, Schienen und Wasserwege in Schuss hält sowie Corona-Unterstützungen punktuell und zielgenau einsetzt, ist schon viel getan. Dann kann der Ostfriesland-Plan ein Erfolg werden. Unabhängig davon müssen VW, Enercon und Meyer stark bleiben.

Die Landräte und der Oberbürgermeister müssen über alle Schatten springen und sich auf ein paar Leuchtturm-Projekte einigen, die ausstrahlen. Geschichtlich sind Ostfriesland und Einheit zwei Paar Schuhe. Das historisch verwurzelte Häuptlings-Denken steckt in den Genen. Die neue Ostfriesland-Allianz hat die Chance, die alte Friesische Freiheit neu zu interpretieren. Motto: Gemeinsam stark durch projektbezogene Zusammenarbeit. Darauf baut auch Minister Althusmann, der einen langen Atem für nötig hält, ehe es aufwärts geht.    

Die Grünen, vertreten durch die Vizepräsidentin des Landtags, Meta Janssen-Kucz, früher Leer, heute Borkum, sehen das Heil darin, die bestehenden Landkreise aufzulösen und einen Großkreis Ostfriesland zu gründen. Damit ist Janssen-Kucz schon 2006 auf den Bauch gefallen. Über den ohnehin fraglichen Sinn und Nutzen jetzt nachzudenken, ist der falsche Termin. Denn eines ist sicher: Über Jahre gäbe es Hauen und Stechen zwischen Landkreisen und Stadt Emden. Viel politische Kraft wäre durch diese Streiterei gebunden. Deshalb: Bloß kein Großkreis.

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