Archive for August, 2020

Wertvolle Gäste

Samstag, August 8th, 2020

Spontan Urlaub machen oder ein paar Tage verreisen? Gar nicht so einfach. Man telefoniert oder surft lange herum. Alles ausgebucht. Corona kurbelt aktuell den Tourismus in Deutschland an. Ein Segen für die gebeutelte Gastronomie.

Auslandsreisen bergen Risiken, schlimmstenfalls sitzen Reisende bei einem Virusausbruch über Wochen fest. Das könnte eine Trendwende im Reiseverhalten einläuten. Motto: „Mein Hawaii ist Norderney“. Oder: Auch in Leer, Ditzum oder Weener ist es schön. 

Die Binsenweisheit von den schönen Ecken in Deutschland stimmt – und Urlauber entdecken, dass neben den Alpen und dem Schwarzwald auch die Küste einiges zu bieten hat. Das bestätigt die Contor-GmbH aus Hünxe (NRW) in einer Standortuntersuchung. Sie hat knapp 600 Städte und Gemeinden mit mehr als 20.000 Einwohnern abgeklopft, wie es dort mit dem Tourismus aussieht. 

Nicht verwunderlich liegt Garmisch-Partenkirchen ganz vorn, gefolgt von bekannten Touristenhochburgen. Deshalb schneidet Norden bestens ab, Aurich und Wittmund beachtlich. Aber auch abseits der Hochburgen blüht der Tourismus.

Aufgeführt sind – ziemlich abgeschlagen, aber immerhin – Moormerland und Westoverledingen. Natur pur ist dort die Devise. Das Rheiderland fehlt, weil keine der drei Gemeinden die 20.000-Einwohner-Marke übertrifft. Aber weder Weener noch Bunde würden nennenswert gut abschneiden, Jemgum würde vom Sonderfall Ditzum profitieren.

Der alte Fischerort mit Hafen und Kuttern, ansehnlicher Gastronomie, Hotel, Ferienhäusern und -wohnungen sowie großem Wohnmobilplatz ist der touristische Leuchtturm des Rheiderlands. Besucher kommen auch außerhalb der Hauptsaison. Und weil es an dieser Stelle passt: Erwähnung verdienen persönliche Initiativen wie das Café am Bingumer Deich oder das Melkhuske in Hatzum.

Weener fehlt es an Hotels und Gastronomie, hat mit dem alten Hafen und umzu aber einen Stern, der mehr zum Funkeln gebracht werden könnte. Bunde setzt mit dem Steinhaus einen kulturellen und am Dollart einen naturnahen Akzent.

Papenburg belegt den beachtlichen Platz 54. Die Erklärung: Das Besucherzentrum der Meyer-Werft. Auf Platz 242 im oberen Mittelfeld rangiert Leer – ein sehenswerter Rang für eine Stadt, die sich nicht unbedingt als Touristenort versteh. Sie ist ein Beispiel dafür, dass sich Tourismus lohnt.

Was lockt Besucher aus der Ferne (und aus dem Umland) nach Leer? Die Fußgängerzone ist attraktiv – wobei sich Besucher zurzeit fragen, warum man das Pflaster dort mitten im Sommer und nicht im Winter aufreißt, den es ja in alter frostiger Form kaum noch gibt. Unabhängig davon: Weitere Hotspots sind die Altstadt, der Hafen mitten in der Stadt, die Evenburg und im Winter die Weihnachtsmärkte. Anziehungspunkt Nummer eins für Touristen jedoch, man lese und staune, ist das Miniaturland.

Tourismus ist kein Selbstzweck, sondern ein Wirtschaftsfaktor, der den Ort auch für Einheimische lebenswerter machen kann. Er sorgt neben Vollzeit-Arbeitsplätzen für Nebenerwerbs-Jobs, erhöht das verfügbare Einkommen und steigert die Bettenbelegung in Hotels und Pensionen. Touristenorte halten oft die Einwohnerzahl stabil, während sie anderswo eher sinkt. Kurz und gut: Sie bieten vielen Menschen ein Ziel und Einheimischen willkommene Arbeit. 

Leer verliert im Großkreis

Samstag, August 1st, 2020

Ist ein Großkreis Ostfriesland besser als die bestehende Lösung mit den Landkreisen Leer, Aurich und Wittmund und der kreisfreien Stadt Emden? Diese Frage taucht immer mal wieder auf. Nicht selten ausgerechnet dann, wenn Politik so recht keinen Rat mehr weiß, um Probleme zu lösen. Ein Ausfluss von Ratlosigkeit ist aktuell die Forderung nach einem Großkreis Ostfriesland.

Diesmal kamen die Grünen mit ihrer Landtags-Vizepräsidentin Meta Janssen-Kucz aus Borkum damit um die Ecke. Sie haben das Thema allerdings nicht erfunden. Schon 2005 brachte der verstorbene Unternehmer Roelf „Tullum“ Trauernicht den Großkreis aufs Tapet, angefeuert durch seinen Erfolg mit dem Bau der A31.

Mitstreiter fand er damals in Teilen von SPD und CDU, besonders auch schon bei den Grünen sowie beim Bund der Steuerzahler, der vorrechnete, dass man viel Personal und damit Geld sparen könne. Dieses Argument steht bei solchen Debatten immer an erster Stelle, gleichrangig mit der Behauptung, ein Großkreis sei prinzipiell effektiver. Damals versandete die Debatte, spätestens als der Regionalrat Ostfriesland sich selbst auflöste. Nebenbei bemerkt: „Tullums“ Autobahn kam auch ohne Großkreis.

Wachstum ist wirtschaftlich oft richtig. Aber nicht selten stellen Unternehmen fest, dass sie zu groß geworden sind, zu unbeweglich, um schnell auf neue Umstände reagieren zu können. Größe bedeutet nicht unbedingt mehr Effektivität.

Ein Großkreis Ostfriesland wäre vielleicht sinnvoll bei einer einheitlichen Struktur der Region. Aber Aurich mit dem Tourismus auf den Inseln und an der Küste hat andere Aufgaben und auch Probleme als die industriell geprägte Hafenstadt Emden oder der Landkreis Leer mit Handel, Dienstleistungen, kleinen und mittleren Gewerbe- und Industriebetrieben. Der Landkreis Wittmund mit seinen nur 57.000 Einwohnern fällt aus der Reihe. Leer zählt fast dreimal so viel.

Eine sinnvolle Fusion ergibt sich nur, wenn alle Seiten gewinnen. Das ist in Ostfriesland nicht der Fall. Aurich könnte jubeln, würde Kreissitz – und Leer wäre der große Verlierer. Der Landkreis Leer hat sich eine bessere Finanzlage erarbeitet, hat viel in die Infrastruktur investiert, namentlich in Schulen, Mariko und schnelles Internet.

Bestes Beispiel jedoch sind die Krankenhäuser. Das Klinikum Leer wurde runderneuert und hat die finanziell maroden Krankenhäuser in Weener und auf Borkum saniert. Es ist das einzige Klinikum im Nordwesten, das schwarze Zahlen schreibt. Die Krankenhäuser in Aurich, Norden und Emden dagegen sind finanziell am Ende. Sie sollen – gegen heftigen Widerstand – aufgelöst werden und in eine neue Zentralklinik münden.                                                   

Landkreise sind keine reinen Wirtschaftsunternehmen, sondern neben Städten und Gemeinden eine Stütze der Kommunalen Selbstverwaltung, die auf ehrenamtlichem Einsatz ruht. Wenn sich die Menschen nicht mehr mit ihrem Landkreis identifizieren, bleibt das kommunalpolitische Ehrenamt auf der Strecke.

Zweifellos braucht Ostfriesland in Hannover und Berlin viel Schlagkraft. Aber die entsteht nicht durch formale Größe. Hilfreich ist kluge ostfriesische Zusammenarbeit. Landtags- und Bundestagsabgeordnete müssen dann daraus resultierende Pläne bei den Regierungen durchsetzen.