Leer verliert im Großkreis

Ist ein Großkreis Ostfriesland besser als die bestehende Lösung mit den Landkreisen Leer, Aurich und Wittmund und der kreisfreien Stadt Emden? Diese Frage taucht immer mal wieder auf. Nicht selten ausgerechnet dann, wenn Politik so recht keinen Rat mehr weiß, um Probleme zu lösen. Ein Ausfluss von Ratlosigkeit ist aktuell die Forderung nach einem Großkreis Ostfriesland.

Diesmal kamen die Grünen mit ihrer Landtags-Vizepräsidentin Meta Janssen-Kucz aus Borkum damit um die Ecke. Sie haben das Thema allerdings nicht erfunden. Schon 2005 brachte der verstorbene Unternehmer Roelf „Tullum“ Trauernicht den Großkreis aufs Tapet, angefeuert durch seinen Erfolg mit dem Bau der A31.

Mitstreiter fand er damals in Teilen von SPD und CDU, besonders auch schon bei den Grünen sowie beim Bund der Steuerzahler, der vorrechnete, dass man viel Personal und damit Geld sparen könne. Dieses Argument steht bei solchen Debatten immer an erster Stelle, gleichrangig mit der Behauptung, ein Großkreis sei prinzipiell effektiver. Damals versandete die Debatte, spätestens als der Regionalrat Ostfriesland sich selbst auflöste. Nebenbei bemerkt: „Tullums“ Autobahn kam auch ohne Großkreis.

Wachstum ist wirtschaftlich oft richtig. Aber nicht selten stellen Unternehmen fest, dass sie zu groß geworden sind, zu unbeweglich, um schnell auf neue Umstände reagieren zu können. Größe bedeutet nicht unbedingt mehr Effektivität.

Ein Großkreis Ostfriesland wäre vielleicht sinnvoll bei einer einheitlichen Struktur der Region. Aber Aurich mit dem Tourismus auf den Inseln und an der Küste hat andere Aufgaben und auch Probleme als die industriell geprägte Hafenstadt Emden oder der Landkreis Leer mit Handel, Dienstleistungen, kleinen und mittleren Gewerbe- und Industriebetrieben. Der Landkreis Wittmund mit seinen nur 57.000 Einwohnern fällt aus der Reihe. Leer zählt fast dreimal so viel.

Eine sinnvolle Fusion ergibt sich nur, wenn alle Seiten gewinnen. Das ist in Ostfriesland nicht der Fall. Aurich könnte jubeln, würde Kreissitz – und Leer wäre der große Verlierer. Der Landkreis Leer hat sich eine bessere Finanzlage erarbeitet, hat viel in die Infrastruktur investiert, namentlich in Schulen, Mariko und schnelles Internet.

Bestes Beispiel jedoch sind die Krankenhäuser. Das Klinikum Leer wurde runderneuert und hat die finanziell maroden Krankenhäuser in Weener und auf Borkum saniert. Es ist das einzige Klinikum im Nordwesten, das schwarze Zahlen schreibt. Die Krankenhäuser in Aurich, Norden und Emden dagegen sind finanziell am Ende. Sie sollen – gegen heftigen Widerstand – aufgelöst werden und in eine neue Zentralklinik münden.                                                   

Landkreise sind keine reinen Wirtschaftsunternehmen, sondern neben Städten und Gemeinden eine Stütze der Kommunalen Selbstverwaltung, die auf ehrenamtlichem Einsatz ruht. Wenn sich die Menschen nicht mehr mit ihrem Landkreis identifizieren, bleibt das kommunalpolitische Ehrenamt auf der Strecke.

Zweifellos braucht Ostfriesland in Hannover und Berlin viel Schlagkraft. Aber die entsteht nicht durch formale Größe. Hilfreich ist kluge ostfriesische Zusammenarbeit. Landtags- und Bundestagsabgeordnete müssen dann daraus resultierende Pläne bei den Regierungen durchsetzen.

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