Archive for September, 2020

Leben ohne Dusche

Samstag, September 26th, 2020

Am Rande treibt Corona auch so seine Blüten, von denen zum Glück keine Gefahr ausgeht. Sie verleiten lediglich dazu, den Blick zurückschweifen zu lassen in längst vergangen geglaubte Zeiten. Die nicht mehr so ganz Jungen unter uns, sagen wir die Rentnerjahrgänge, erinnern sich noch daran.

Jüngere mögen es nicht glauben, aber es gab ein Leben ohne Dusche. Das ist noch gar nicht so lange her. Wie kommen wir darauf? Der Landrat, der Kreissportbund- und der ostfriesische Fußballverbands-Vorsitzer empfehlen den aktiven Vereins-Sportlern, sich wegen Corona zum Training und zum Spiel zu Hause umzuziehen und nach dem Sport auf die übliche Dusche in der Halle zu verzichten. Die meisten Duschräume werden deshalb verschlossen bleiben.

Nichts Neues unter der Sonne – das gilt zumindest für die Dusche, die erst spät Einzug hält in den dörflichen Teilen Ostfrieslands. Im Rheiderland startet die zentrale Wasserversorgung aus dem Wasserwerk Weener erst in den späten 50er Jahren. Die meisten Leute lehnen damals Wasser aus dem Hahn ab. Sie schwören auf die gewohnte Handpumpe, mit der sie Wasser aus der „Pütte“ oder der „Regenbacke“ drücken.

Erst die Natur sorgt für den Durchbruch: Ein heißer Sommer mit ungewöhnlicher Dürre und Wassermangel zwingt zum Umdenken. Dann geht es ruck, zuck. Die Firma Wildeboer aus Weener, mit dem Verlegen der Leitungen beauftragt, kommt mit den Arbeiten kaum nach.  Aber das nur nebenbei.

Als die Leitungen liegen, bauen die Rheiderländer nach und nach Badezimmer in ihre Häuser und damit auch Duschen. Sportler, damals fast ausschließlich Fußballer, müssen noch bis weit in die 60er, teils 70er Jahre warten, ehe sie sich unter der Dusche von Dreck und Schweiß befreien können. Die einzelnen Termine in den Orten kann man mit dem Bau der Turnhallen gleichsetzen.

Üblich sind Holzbaracken, in denen die Fußballer sich umziehen. In manchen Orten, wo es passt, stellen Gastwirte eine Kammer zur Verfügung. So Mertens in Ditzum, „Lüttje Schröder“ in Bingum oder ganz früh Poppinga in Stapelmoorerheide, wo der Sportplatz von Teutonia Stapelmoor lag.

Am Spielfeldrand steht meistens eine ausrangierte Badewanne oder ein Trog mit kaltem Wasser. Ein Schlag Wasser fürs Gesicht, eine Handvoll für das Gröbste auf den Fußballschuhen – und ab geht es in die Vereinskneipe. Verschwitzt, teils noch in Fußballschuhen. Heute undenkbar.

Selbst in der Stadt sieht es lange Zeit kaum anders aus. Das zeigt ein Blick auf Leer. Der VfL Germania spielt damals in hohen Amateurklassen, aber am Platz an der Straße Hoheellern hat er keine Umkleidekabinen oder gar Duschen. Deshalb ziehen sich die Spieler bei „Bubi“ Harms im „Bahnhofshotel“ am Bahnübergang Bremer Straße die Trikots und Fußballschuhe an, marschieren dann die mindestens 500 Meter über Hoheellern zum Stadion – und nach dem Spiel verschwitzt und verdreckt zurück. Daran erinnert sich heute noch der zum SV Werder gewechselte Sepp Piontek, der dort Nationalverteidiger und danach dänischer Nationaltrainer wurde.

Viele Jugendliche begleiteten die Spieler. Bis heute haben sie das Klackern der Aluminium-Stollen auf dem Hoheellern-Pflaster in den Ohren. Eine Dusche gab es bei „Bubi“ Harms nicht. Dafür wurden am Tresen die Kehlen umso intensiver gespült. Spieler und Zuschauer genossen die oft ausgiebige dritte Halbzeit.

Selbst ist der Bürger

Montag, September 21st, 2020

Nicht auf den Staat warten, sondern selbst Gutes für die Allgemeinheit tun. Freiwillig, ohne die Hand aufzuhalten. Das ist, kurz gesagt, bürgerschaftliches Engagement. „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt“, rief einst US-Präsident Kennedy seinen Landsleuten zu. Man muss dazu gar nicht nach Amerika fahren. Bürgerschaftliches Engagement spiegelt sich auffällig in der Stadt Leer, sogar im Ortsbild.

Anlass dieser Betrachtung ist der aktuelle kleinliche Ärger um ein „nationales Kulturdenkmal“ – den historischen Dampfer „Prinz Heinrich“, erbaut 1909 als Post- und Transportschiff. Er rottete vor sich hin, ehe der Leeraner Zahnarzt Dr. Wolfgang Hofer es sich zur Aufgabe seines Lebens machte, den Dampfer wieder flott zu machen und als einziges Schiff seiner Art als fahrendes Denkmal zu erhalten. Dafür gewann er ehrenamtliche Helfer, die über Jahre bis heute Hand anlegen, und wohlhabende Unterstützer und Stiftungen, die ihre Taschen öffneten.

Ein Verein betreibt das Schiff. Wegen Corona fehlen zurzeit Einnahmen, um die Kosten zu decken. Mit der Bürgermeisterin kommt der Verein nicht auf einen Nenner, was in Leer kein Einzelfall ist. Dabei geht es vorrangig nur um Liegegebühren. Neuester Stand: Es zeichnet sich eine politische Lösung ab.

Hoffentlich klappt es, denn die „Prinz Heinrich“ ist längst über den Status eines Hobbys hinausgewachsen. Sie ist ein bedeutendes Stück Schifffahrtsgeschichte und ein Juwel im Leeraner Hafen – mit dem sich auch Papenburg gern schmücken würde.

Ohnehin prägt bürgerschaftliches Engagement die Altstadt. Beispielsweise unterm Dach des „Vereins für Heimatschutz und Heimatgeschichte“, kurz Heimatverein. Er verantwortet das Heimatmuseum, das Klottje-Huus, zwei auch stadtbildnerisch bedeutende Häuser, und das Spööler-Klottje (plattdeutsches Theater).  Der Verein leistet anerkannte wertvolle kulturelle Arbeit. Aber es fehlt ein mit dem Rathaus abgestimmtes Konzept, das ihm die nötige Bewegungsfreiheit ermöglicht.

Er steht deshalb an einem Scheideweg. Symbolisch dafür ist der Fortgang seines fortschrittlichen Museumsleiters, der in Meppen bessere Arbeitsmöglichkeiten fand. Wie kann der Heimatverein seine vielfältige Arbeit fortsetzen, nämlich Traditionen erhalten und der Nachwelt, vor allem auch Kindern, lebendig vermitteln? Sei es Stadtentwicklung, Umwelt- und Naturschutz, Denkmalschutz, Plattdeutsch, Volkskunst oder Heimatgeschichte. Vieles stockt. Auch die Zusammenarbeit mit dem Rathaus.

Auf bürgerschaftlichem Engagement ruht auch die „Waage“, das meist fotografierte Objekt in Leer. Der Heimatverein legte das niederländisch-klassizistische Barock-Gebäude aus dem 18. Jahrhundert vor einigen Jahren in die Hände einer Stiftung, die ehrenamtlich geführt wird. Einen Teil der Kosten deckt die Pacht des gleichnamigen Restaurants.

Das Konto bürgerschaftlichen Engagements bilanziert noch mehr Attraktionen. Das „Schipper-Klottje“ bringt Leben in die Altstadt. Stichworte: Museumshafen, Traditionsschiffstreffen, Maibaum und nicht zuletzt der „Wiehnachtsmarkt achter d`Waag“. Altstadtprägend wirkt auch die Wolff-Stiftung. Allesamt Zeugen eines bemerkenswerten bürgerschaftlichen Engagements. Sie verdient die Hege und Pflege der Stadt.

Sirenen, Katwarn und 5G

Samstag, September 12th, 2020

Sirenen heulten am bundesweiten Warntag – nicht überall, aber jedenfalls im Landkreis Leer. Die App „Katwarn“ (Katastrophenwarnung) auf Smartphones hingegen blieb oft ruhig. Auch sie sollte Alarm schlagen, wie sie es bei Orkan- oder Flutwarnungen und Schulunterrichtsausfällen zuverlässig tut.

Doch diesmal mussten viele Nutzer den „Katwarn“ manuell auslösen, wenn sie feststellen wollten, ob ihre App funktioniert. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn sprach kleinlaut von „Systemüberlastung“. Ein Symbol für die digitale Misere.

Deswegen auf die Politik zu schimpfen, wäre ungerecht. Sie ist nur ein Spiegelbild der Gesellschaft, die das digitale Zeitalter verschlafen hat. Die Corona-Krise macht es auch im Alltag deutlich. So haben nur wenige Schulen, als sie wegen Corona schließen mussten, einen geordneten Fernunterricht per Videokonferenz („Home-Schooling“) auf die Reihe bekommen – sei es mangels Technik oder Lehrerkompetenz oder beidem.

Bezeichnend neulich auch eine bizarre Diskussion im Rathaus von Leer. Es ging darum, ob die Stadt Grundschülern aus ärmeren Familien für den Teleunterricht ein Tablet leihen könne.  Rats-Mitglieder konnten nur mit Mühe die Verwaltung zur Hilfe drängen. Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland beim Fernunterricht dramatisch schlecht ab. Das ist auch eine Frage der Einstellung. So halten 20 Prozent der Eltern Online-Unterricht generell schlecht für Kinder.

Aber manchmal ist auch Lob angebracht. So ordnete die Leitung des Johannes-Althusius-Gymnasiums in Emden in dieser Woche für das gesamte 100-köpfige Kollegium eine ganztägige schulinterne Fortbildung an, um bei künftigen Schließungen gewappnet zu sein. Thema: Einsatz digitaler Medien im Unterricht. Damit naht zumindest dort das Ende der Kreidezeit.

Wie ein Wimpernschlag: So blitzschnell müssen Daten sich bewegen. Die Voraussetzung dafür heißt 5G. Hinter dieser Ziffer und dem Buchstaben steckt die fünfte Generation der Mobilfunktechnik. Weltweit rennen Länder wegen dieser Zukunftstechnik um die Wette. Um wirtschaftlich konkurrenzfähig zu bleiben, geht kein Weg an 5G vorbei. Führende Ausbaufirmen sind Telekom und Vodafone.

Für 5G sind viele neue Mobilfunk-Masten nötig. Das hat technische Gründe: Frequenzen, die schnell viele Daten transportieren können, haben eine geringere Reichweite. Deshalb bieten sich neben bestehenden Antennen neue Sendeanlagen in Straßenlaternen oder auf Dächern öffentlicher Gebäude an.

5G hängt auch mit dem Breitbandausbau zusammen. Internetverbindungen mit Glasfaser sind schnell und haben die höchsten Kapazitäten. Das gilt für Verbindungen in Firmen oder Wohnungen. Aber auch ein Mobilfunkstandort mit 5G-Anschluss braucht Glasfaser. Stattdessen Richtfunk zu nutzen, um teure Kabel zu sparen, ist halber Kram, weil störungsanfällig. 

Übrigens haben Verschwörungserzähler den 5G-Funk längst für sich entdeckt. In Norden forderten in einer Rats-Ausschusssitzung das Bündnis 90/Die Grünen und zuhörende Bürger die Stadt auf, gegen den geplanten 5G-Ausbau vorzugehen. Grund: Gesundheitsgefahren. Die Stiftung Warentest fasste neulich alle verfügbaren wissenschaftlichen Untersuchungen zu 5G zusammen: „Die Forschungserkenntnisse liefern kaum einen Grund zur Sorge.“

Ein Gallimarkt-Lehrstück

Samstag, September 5th, 2020

Ein Virus stellt die Welt auf den Kopf. Es zwingt sogar den Gallimarkt in die Knie. Wie zuletzt im Krieg. Aber gleichzeitig sorgt es für einen Ersatz-Gallimarkt. Zwar nennt er sich   Freizeitpark, aber dafür öffnet er nicht nur fünf Tage, sondern fast einen Monat vom 11. Oktober bis 14. November. Mittwochs bis sonntags von 14 bis 21 oder 22 Uhr. Die Alternative beim Viehmarkt ist untauglich.

Ohne Prophet zu sein: So viele Besucher wie sonst werden nicht kommen. Zwei Herzen schlagen in ihrer Brust: Die Sorge, sich ausgerechnet bei einem Vergnügen Covid-19 einzufangen, quält sich mit dem Bedürfnis, Karussell zu fahren, in eine Glitzerwelt einzutauchen, Bratwurst und Berliner zu essen oder Bekannte zu treffen. Alkohol wird verboten. Wirkung? Nur bei Kontrolle. Man könnte ihn ja mitbringen.

Den Gallimarkt hat die Stadt wegen der Corona-Verordnungen abgeblasen. Entsprechend neuerer Regeln erlaubt sie jetzt den Ersatz-Rummel. Es war eine schwere Geburt – und ein Lehrstück für Kommunalpolitik.

Die Entscheidung birgt Punkte, die sich beißen. Sie zeigen, dass es nicht die eine, sondern mehrere Wahrheiten gibt. Dem verantwortlichen Verwaltungsausschuss blieb nur, alle wirtschaftlichen, gesundheitlichen und gesellschaftlichen Punkte abzuwägen, sie mit Seuchen-Vorschriften abzugleichen und dann zu entscheiden. Das hat er mit knappster Mehrheit getan, quer durch die Parteien.

Fest steht: Bei den Anwohnern rund um den Marktplatz („Blinke“) haben die Politiker sich keine Freunde gemacht. Den Gallimarkts-Lärm dulden die Leute aus Gewohnheit. Aber jetzt haben sie vier Wochen Halli-Galli um die Ohren. Und Parkplätze sind belegt – für sie, für unzählige Berufsschüler, Firmenbesucher und andere. Etliche Anwohner sorgen sich zudem über einen Corona-Hotspot vor der Haustür.

Dem gegenüber steht der Wunsch von Bürgern nach geselligem Trubel. Den Ausschlag gegeben haben dürfte jedoch die wirtschaftliche Not der Schausteller. Ihnen dreht Corona fast völlig den Hahn ab. Die Großen unter ihnen müssen ihre Investitionen in irrsinnig teure Fahrgeschäfte finanzieren, die Kleinen sind für ihren direkten Lebensunterhalt auf Einnahmen angewiesen.  

Nebenbei: Der VA handelt keineswegs undemokratisch, weil er die Türen hinter sich schließt, wie gelegentlich kritisiert wird. Der Gesetzgeber, der niedersächsische Landtag, widerstand schon 2011 dem Modetrend und ließ Verwaltungsausschüsse (VA) weiterhin nicht öffentlich tagen, jedoch dürfen alle Ratsmitglieder zuhören. Er folgte damit der Empfehlung einer unabhängigen Sachverständigen- und Enquete-Kommission. Das zeugt von einem Mittelschott in der Nase.  VA-Mitglieder sollen frei von Auswirkungen reden und entscheiden, die ihre Aussagen und Entscheidungen in der Öffentlichkeit haben können. Beim Gallimarkt-Ersatz lassen sich die Folgen leicht ausmalen.

Ein VA ist politisch ein Spiegelbild des Rates. Seine Hauptaufgabe ist, Ratsbeschlüsse vorzubereiten, außerdem Personal- und Vertragsangelegenheiten zu regeln, die die Öffentlichkeit ohnehin nichts angehen.

Der VA in Leer als demokratisch legitimiertes Gremium hat entschieden. Einzelne müssen sich öffentlich nicht rechtfertigen oder sich dämlichen Facebook-Shitstorms aussetzen. Unsere repräsentative Demokratie lebt auch von Vertrauen. Das ist gut so.