Selbst ist der Bürger

Nicht auf den Staat warten, sondern selbst Gutes für die Allgemeinheit tun. Freiwillig, ohne die Hand aufzuhalten. Das ist, kurz gesagt, bürgerschaftliches Engagement. „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt“, rief einst US-Präsident Kennedy seinen Landsleuten zu. Man muss dazu gar nicht nach Amerika fahren. Bürgerschaftliches Engagement spiegelt sich auffällig in der Stadt Leer, sogar im Ortsbild.

Anlass dieser Betrachtung ist der aktuelle kleinliche Ärger um ein „nationales Kulturdenkmal“ – den historischen Dampfer „Prinz Heinrich“, erbaut 1909 als Post- und Transportschiff. Er rottete vor sich hin, ehe der Leeraner Zahnarzt Dr. Wolfgang Hofer es sich zur Aufgabe seines Lebens machte, den Dampfer wieder flott zu machen und als einziges Schiff seiner Art als fahrendes Denkmal zu erhalten. Dafür gewann er ehrenamtliche Helfer, die über Jahre bis heute Hand anlegen, und wohlhabende Unterstützer und Stiftungen, die ihre Taschen öffneten.

Ein Verein betreibt das Schiff. Wegen Corona fehlen zurzeit Einnahmen, um die Kosten zu decken. Mit der Bürgermeisterin kommt der Verein nicht auf einen Nenner, was in Leer kein Einzelfall ist. Dabei geht es vorrangig nur um Liegegebühren. Neuester Stand: Es zeichnet sich eine politische Lösung ab.

Hoffentlich klappt es, denn die „Prinz Heinrich“ ist längst über den Status eines Hobbys hinausgewachsen. Sie ist ein bedeutendes Stück Schifffahrtsgeschichte und ein Juwel im Leeraner Hafen – mit dem sich auch Papenburg gern schmücken würde.

Ohnehin prägt bürgerschaftliches Engagement die Altstadt. Beispielsweise unterm Dach des „Vereins für Heimatschutz und Heimatgeschichte“, kurz Heimatverein. Er verantwortet das Heimatmuseum, das Klottje-Huus, zwei auch stadtbildnerisch bedeutende Häuser, und das Spööler-Klottje (plattdeutsches Theater).  Der Verein leistet anerkannte wertvolle kulturelle Arbeit. Aber es fehlt ein mit dem Rathaus abgestimmtes Konzept, das ihm die nötige Bewegungsfreiheit ermöglicht.

Er steht deshalb an einem Scheideweg. Symbolisch dafür ist der Fortgang seines fortschrittlichen Museumsleiters, der in Meppen bessere Arbeitsmöglichkeiten fand. Wie kann der Heimatverein seine vielfältige Arbeit fortsetzen, nämlich Traditionen erhalten und der Nachwelt, vor allem auch Kindern, lebendig vermitteln? Sei es Stadtentwicklung, Umwelt- und Naturschutz, Denkmalschutz, Plattdeutsch, Volkskunst oder Heimatgeschichte. Vieles stockt. Auch die Zusammenarbeit mit dem Rathaus.

Auf bürgerschaftlichem Engagement ruht auch die „Waage“, das meist fotografierte Objekt in Leer. Der Heimatverein legte das niederländisch-klassizistische Barock-Gebäude aus dem 18. Jahrhundert vor einigen Jahren in die Hände einer Stiftung, die ehrenamtlich geführt wird. Einen Teil der Kosten deckt die Pacht des gleichnamigen Restaurants.

Das Konto bürgerschaftlichen Engagements bilanziert noch mehr Attraktionen. Das „Schipper-Klottje“ bringt Leben in die Altstadt. Stichworte: Museumshafen, Traditionsschiffstreffen, Maibaum und nicht zuletzt der „Wiehnachtsmarkt achter d`Waag“. Altstadtprägend wirkt auch die Wolff-Stiftung. Allesamt Zeugen eines bemerkenswerten bürgerschaftlichen Engagements. Sie verdient die Hege und Pflege der Stadt.

Comments are closed.