Leben ohne Dusche

Am Rande treibt Corona auch so seine Blüten, von denen zum Glück keine Gefahr ausgeht. Sie verleiten lediglich dazu, den Blick zurückschweifen zu lassen in längst vergangen geglaubte Zeiten. Die nicht mehr so ganz Jungen unter uns, sagen wir die Rentnerjahrgänge, erinnern sich noch daran.

Jüngere mögen es nicht glauben, aber es gab ein Leben ohne Dusche. Das ist noch gar nicht so lange her. Wie kommen wir darauf? Der Landrat, der Kreissportbund- und der ostfriesische Fußballverbands-Vorsitzer empfehlen den aktiven Vereins-Sportlern, sich wegen Corona zum Training und zum Spiel zu Hause umzuziehen und nach dem Sport auf die übliche Dusche in der Halle zu verzichten. Die meisten Duschräume werden deshalb verschlossen bleiben.

Nichts Neues unter der Sonne – das gilt zumindest für die Dusche, die erst spät Einzug hält in den dörflichen Teilen Ostfrieslands. Im Rheiderland startet die zentrale Wasserversorgung aus dem Wasserwerk Weener erst in den späten 50er Jahren. Die meisten Leute lehnen damals Wasser aus dem Hahn ab. Sie schwören auf die gewohnte Handpumpe, mit der sie Wasser aus der „Pütte“ oder der „Regenbacke“ drücken.

Erst die Natur sorgt für den Durchbruch: Ein heißer Sommer mit ungewöhnlicher Dürre und Wassermangel zwingt zum Umdenken. Dann geht es ruck, zuck. Die Firma Wildeboer aus Weener, mit dem Verlegen der Leitungen beauftragt, kommt mit den Arbeiten kaum nach.  Aber das nur nebenbei.

Als die Leitungen liegen, bauen die Rheiderländer nach und nach Badezimmer in ihre Häuser und damit auch Duschen. Sportler, damals fast ausschließlich Fußballer, müssen noch bis weit in die 60er, teils 70er Jahre warten, ehe sie sich unter der Dusche von Dreck und Schweiß befreien können. Die einzelnen Termine in den Orten kann man mit dem Bau der Turnhallen gleichsetzen.

Üblich sind Holzbaracken, in denen die Fußballer sich umziehen. In manchen Orten, wo es passt, stellen Gastwirte eine Kammer zur Verfügung. So Mertens in Ditzum, „Lüttje Schröder“ in Bingum oder ganz früh Poppinga in Stapelmoorerheide, wo der Sportplatz von Teutonia Stapelmoor lag.

Am Spielfeldrand steht meistens eine ausrangierte Badewanne oder ein Trog mit kaltem Wasser. Ein Schlag Wasser fürs Gesicht, eine Handvoll für das Gröbste auf den Fußballschuhen – und ab geht es in die Vereinskneipe. Verschwitzt, teils noch in Fußballschuhen. Heute undenkbar.

Selbst in der Stadt sieht es lange Zeit kaum anders aus. Das zeigt ein Blick auf Leer. Der VfL Germania spielt damals in hohen Amateurklassen, aber am Platz an der Straße Hoheellern hat er keine Umkleidekabinen oder gar Duschen. Deshalb ziehen sich die Spieler bei „Bubi“ Harms im „Bahnhofshotel“ am Bahnübergang Bremer Straße die Trikots und Fußballschuhe an, marschieren dann die mindestens 500 Meter über Hoheellern zum Stadion – und nach dem Spiel verschwitzt und verdreckt zurück. Daran erinnert sich heute noch der zum SV Werder gewechselte Sepp Piontek, der dort Nationalverteidiger und danach dänischer Nationaltrainer wurde.

Viele Jugendliche begleiteten die Spieler. Bis heute haben sie das Klackern der Aluminium-Stollen auf dem Hoheellern-Pflaster in den Ohren. Eine Dusche gab es bei „Bubi“ Harms nicht. Dafür wurden am Tresen die Kehlen umso intensiver gespült. Spieler und Zuschauer genossen die oft ausgiebige dritte Halbzeit.

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