Kochende Gemüter

Über Für und Wider eines Ersatz-Gallimarkts in Leer lässt sich streiten. Das hat der Verwaltungsausschuss gemacht und mit Mehrheit nein gesagt. Was steckt dahinter?

Für beide Seiten gibt es Argumente. Sie wiegen schwer. Es ist ein Knäuel, das nur mühsam zu entwirren ist. Erschwerend: Es ist viel Emotion im Spiel. Gemüter kochen. Einerseits Angst und Sorge wegen Ansteckung mit dem Corona-Virus und der nötige Schutz davor, andererseits viele Schausteller, die um ihre Existenz fürchten. Hinzu kommt der Verdruss von Menschen, die rings um den Rummelplatz wohnen. Sie haben keine Lust auf vier lärmige Wochen und lästige Parkplatzsuche, auf Unannehmlichkeiten, die den Alltagstrott aus dem Tritt bringen.

Das alles müssen Rat und Verwaltung berücksichtigen – natürlich im Rahmen staatlicher Corona-Verordnungen, die sich dynamisch entsprechend dem Infektionsgeschehen verändern.

Ein Patentrezept, die Kuh vom Eis zu bringen, gibt es nicht. Sicher ist nur: Gerade emotionsgeladene Probleme in der Politik verlangen kühlen Verstand. Erst dann können Politiker und Beamte gegenteilige Interessen nüchtern abwägen und die Corona-Verordnungen auf Möglichkeiten abklopfen – ehe sie schließlich entscheiden. Das kann nicht jedem Bürger schmecken, er sollte es jedoch zumindest nachvollziehen können.

Vom Rathaus in Leer ist eine nachvollziehbare nüchterne Entscheidung in schwierigen Fällen kaum noch zu erwarten. Das Seil zwischen größeren Teilen des Rates und Bürgermeisterin Beatrix Kuhl, CDU, ist seit langem zerschnitten. Von Vertrauen keine Spur. Wenn Verhältnisse brechen, ist nie nur eine Seite verantwortlich, deshalb ist die Suche nach Schuldigen müßig.

Wie in anderen Fällen fehlt auch beim Freizeitpark eine allseits geachtete Führungsperson, die Konflikte moderiert und Interessen ausgleicht. Das wäre Sache der Bürgermeisterin, die dazu jedoch nicht in der Lage ist.

Keine rühmliche Rolle spielt in diesem Fall auch die Gruppe SPD/Linke, die vor einigen Wochen einem Freizeitpark mehrheitlich zustimmte, jetzt aber auf ein Nein umschwenkte. Ohne dass sich das Infektionsgeschehen in Leer großartig verändert hat. Im Gegensatz zum Bundesdurchschnitt.

In Papenburg funktioniert ein Ersatzmärkte bis jetzt. Der Publikumszuspruch hält sich in Grenzen, doch das ist nicht Sache der Politik. Jetzt meldet sich Emden, den Gallipark zu übernehmen. Damit wäre zumindest den Schaustellern gedient.

Ob das Konzept der Schausteller für Leer, das die Stadtverwaltung zugrunde legt, vom Kreisgesundheitsamt akzeptiert worden wäre, ist eine nicht entschiedene Frage. Aber selbst ein Ja des Gesundheitsamtes wäre erst einmal vorläufig, weil die aktuelle Corona-Verordnung nur bis zum 8. Oktober datiert. Ohnehin tragen die Schausteller ein hohes Risiko: Der Markt würde geschlossen, wenn die Infektionszahlen wieder klettern.

Auch die Ankündigung der Bürgermeisterin, den Weihnachtsmarkt zu kippen, offenbart das allgemeine Rathaus-Destaster. Ihr Nein zum Weihnachtsmarkt ist eine Retourkutsche auf das Nein des Verwaltungsausschusses zum Freizeitpark. Doch das letzte Wort ist nicht gesprochen sein. Es würde wundern, wenn die Bürgermeisterin den Weihnachtsmarkt in ihre alleinige Zuständigkeit packen könnte. Der Verwaltungsausschuss könnte den Vorgang an sich ziehen und in seinem Sinn beschließen.    

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