Atom: Eemshaven liegt nahe

Stellen die Niederlande den Ostfriesen ein Atomkraftwerk (AKW) vor die Haustür? Zumindest schmiedet ihre Regierung erste Pläne für ein AKW in Eemshaven an der Außenems. Dazu gehört die Studie einer Beratungsfirma, die Atomtechnik befürwortet. Der Wirtschaftsminister fährt darauf ab.

In Ostfriesland rührt sich schon Protest – auf Borkum, in Emden und der Krummhörn sowie im Kreishaus Aurich. Umweltminister Olaf Lies, Landtags-Fraktionsvorsitzende Hanne Modder aus Bunde, beide SPD, und Landtags-Vizepräsidentin Meta Janssen-Kucz, Borkum, von den Grünen wehren sich gegen AKW-Pläne. Jusos demonstrieren bereits dagegen.

Wie sind die AKW-Absichten der Niederländer einzuschätzen? Panik ist nicht geboten, aber Obacht. Zunächst will das Parlament in Den Haag gemäß einem Antrag des Wirtschaftsministers von der VVD klären lassen, unter welchen Bedingungen Unternehmen bereit wären, in neue AKW zu investieren. Auch die Frage staatlicher Subventionen soll beantwortet werden.

Die VVD, vergleichbar der deutschen FDP, stellt als stärkste Fraktion mit Mark Rutte den Regierungs-Chef und mit Eric Wiebes den Minister für Wirtschaft und Klima. Beteiligt an der Regierung sind noch die christdemokratische CDA, die linksliberale D66 und die calvinistische ChristenUnie. Sie hat rechnerisch keine Mehrheit, braucht immer mindestens eine Stimme der Opposition. Im Parlament vertreten sind 13 Fraktionen und zwei unabhängige Abgeordnete.

Warum will die Regierung die Atomkraft in den Niederlanden neu beleben? Zurzeit läuft drüben noch ein AKW in Borssele (Provinz Zeeland). Es soll 2034 abgeschaltet werden, ist aber nach Ansicht der Betreiber gerüstet für eine Verlängerung. Die Regierung fürchtet, ohne Atomstrom ihre Klimaziele nicht zu erreichen.

Die VVD hält Atomstrom sogar für „unverzichtbar“ im Kampf gegen den Klimawandel. AKW-Befürworter in aller Welt weisen darauf hin, dass ein Atommeiler kein Treibhausgas (CO2) ausstößt. Das führt auch die Studie an und betont, dass die Laufzeitverlängerung bestehender AKW die wirtschaftlichste Art der Stromerzeugung sei. Logisch, denn mit abgeschriebenen Anlagen ist immer am meisten Geld zu verdienen.

Ins Auge fassen die Niederlande mehrere neue AKW aus kleinen modularen Reaktoren, was auch die Finanzierung erleichtern soll. Bisher wurden diese kleinen Reaktoren nur für Forschungszwecke gebaut.

Unterm Strich: Die Studie sagt, dass Atomstrom nicht teurer sei als Strom aus Wind und Sonne, wenn sie auf gleiche Weise abgerechnet würde.

AKW-Gegner widersprechen. Abgesehen von geologisch ungeklärter, superteurer Endlagerung und bekannten Risiken der Atomkraft ist diese nicht CO2-neutral. So weist das deutsche Umweltbundesamt darauf hin, dass der CO2-Ausstoß der Atomstrom-Produktion vor- und nachgelagert ist – beim Uranabbau, der Brennelemente-Herstellung, dem Kraftwerksbau und -rückbau bis zur Endlagerung.

Ein AKW-Bau in Eemshaven ist noch vage, zumal die Regierung in Den Haag keine eigene  Mehrheit hat. Zur Opposition zählen die Rechtspopulisten von Geert Wilders, Sozialdemokraten (PvdA) und Grüne (GroenLinks).

Aber keiner sollte sich etwas vormachen: Die Atomdebatte wird auch in Deutschland aufflammen. Denn hier hinkt die Regierung den selbst erklärten Klimazielen ebenfalls hinterher – und Strom ist (zu) teuer.   

Comments are closed.