Archive for November, 2020

Mätzchen

Samstag, November 21st, 2020

Manchmal wirkt Corona wie eine Lupe. Sie rückt kaum sichtbare Dinge ins Licht. So die Tatsache, dass mehrere Mitglieder der Versammlung der Ostfriesischen Landschaft zu Hause nicht mit dem Internet verbunden sind.

Landschaftsdirektor Dr. Rolf Bärenfänger plauderte es – mehr oder weniger gezwungen – vor einigen Tagen aus, als er rechtfertigte, dass die Herbsttagung der Landschaftsversammlung am 28. November in Anwesenheitsform erfolgen müsse. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann, Mitglied der Versammlung, fordert wegen Corona eine so genannte Hybrid-Versammlung. Persönliche Teilnahme oder Online-Zuschaltung hieße die Wahlmöglichkeit.    

Die Internet-Abstinenz einiger Mitglieder spielt hier nur nebenbei eine Rolle. Aber sie ist peinlich. Wer will, kommt zwar (noch) ohne Internet glücklich durchs Alter. Aber ist er in einem Kulturparlament mit modernem Anspruch wie die Ostfriesische Landschaft richtig aufgehoben?

Zurück zur Hauptsache: Bärenfänger hält den technischen und finanziellen Aufwand einer Hybrid-Tagung für zu groß. Er zweifelt außerdem an einer stabilen rechtlichen Grundlage und fürchtet mögliche Einsprüche. Schließlich gehe es um die Wahl des Landschaftspräsidenten und um Haushaltsbeschlüsse, die nötig seien, um den Betrieb in Gang zu halten. Juristin Connemann hingegen argumentiert, das Wahlgeheimnis könne „durch entsprechende persönliche Erklärungen im Vorfeld gewahrt“ werden.

Online-Abstimmungen in Körperschaften öffentlichen Rechts, wie es die Ostfriesische Landschaft als Höherer Kommunalverband ist, stehen auf juristisch schwankendem Boden. Bärenfänger und das leitende Landschaftskollegium wollen deshalb kein Risiko eingehen. Außerdem haben sie noch einen Punkt auf ihrer Seite, der in der aktuellen Corona-Debatte schwer wiegt. Denn getagt wird nicht wie üblich im engen Ständesaal in Aurich, sondern im Hotel „Alte Schmiede“ in Middels, wo auch der Auricher Kreistag zusammentritt.

Das Haus ist auf Tagungen eingestellt, bietet dafür moderne Technik und vor allem sehr viel Platz. Der Saal ist für 400 Tagungspersonen ausgelegt. Da lassen sich die 49 Mitglieder der Landschafts-Versammlung und einige Mitarbeiter bequem mit reichlich Abstand platzieren. Maske und Hygiene sind selbstverständlich.

Frau Connemanns Vorstoß erstaunt. Denn so ganz eng betrachtet sie sonst das Leben unter Corona-Bedingungen nicht. Im Bundestag hat sie bisher nicht gefordert, doch bitte hybrid oder ganz per Videokonferenz zu tagen. Auch nicht im Wirtschaftsausschuss des Kreistags in Leer, dem sie vorsitzt.

In Erinnerung bleibt ein Video, das sie neulich ohne Maske mit drei weiteren Personen in einer Riesenradgondel in Emden zur Eröffnung eines Rummels zeigt. Jüngst war sie auch Gast eines CDU-Parteitags zur Wahl einer Bundestagskandidatin in Wittmund mit 400 Teilnehmern, viele ohne Maske.

Die Ostfriesische Landschaft hat über Jahrhunderte schon viele Stürme überstanden, erst recht diesen im Wasserglas. Unbeantwortet bleibt die Frage, warum sich Frau Connemann zu einem populistischen Mätzchen wie die Forderung einer ansteckungstechnisch überflüssigen Hybrid-Versammlung hinreißen lässt. Nötig hat sie es nicht, denn sie sitzt politisch fest im Sattel. Um ihre Wiederwahl in den Bundestag im nächsten Herbst braucht sie sich keine Gedanken zu machen.

So genannte Querdenker

Freitag, November 13th, 2020

Immer mehr Menschen auch in Ostfriesland stecken sich mit dem Corona-Virus Covid-19 an und die Intensivstationen der Krankenhäuser laufen langsam voll mit infizierten Schwerstkranken. Aber in Aurich und anderswo gehen an diesem Sonnabend heute wieder so genannte Querdenker auf die Straße und demonstrieren mit Aufmarsch, Plakaten, Reden und Musik gegen geltende Infektionsschutzregeln.

Normalerweise kein Problem. In unserem Staat kann jeder denken und kundtun, was er will. Sei es noch so absurd. Es gibt nur eine Einschränkung: Er muss sich an Gesetze und Verordnungen halten. Das jedoch vermeiden die allermeisten „Querdenker“. Sie melden eine Demo beim zuständigen Ordnungsamt an, dieses genehmigt sie, weil das Versammlungsrecht ein hohes Gut ist.

Gleichzeitig erteilt die Behörde die Auflage, sich an die Regeln zu halten: Masken tragen und Abstand halten. Die Antragsteller, verantwortlich für den ordnungsgemäßen Ablauf der Demo, nicken brav – und anschließend kümmern sie sich einen feuchten Kehricht darum, ob die Teilnehmer eine Maske tragen und Abstand halten.

Polizei und Ordnungsbehörden greifen nicht ein, um Gewalt zu vermeiden. Oberes Ziel: Die Demo soll möglichst friedlich über die Bühne gehen. Die Hüter des Rechtsstaats schauen zu, wie eine Menschenmenge die Vorteile des Rechtsstaats mit kaltem Kalkül ausnutzt und von vornherein Verstöße gutheißt, zumindest stillschweigend in Kauf nimmt.

In Aurich meldet sich gegen die Demo erfreulich Widerstand. Das Motto ist „Aurich trägt Maske. Für mehr Respekt und Solidarität“. Die Gegendemonstranten sind „entsetzt über die Ignoranz der Leugner“. In der Tat ist es geistig grenzwertig, das Corona-Virus als „Hirngespinst“ und Schutzmaßnahmen als „Diktatur“ zu bezeichnen. Aber Kindern versuchen beizubringen, wie man Krankheits-Symptome vortäuscht, um die Schule zu schwänzen und so der verteufelten Maskenpflicht zu entgehen. Das ist nichts anderes als Erziehung zu Lug und Betrug. Zu beobachten in Chat-Foren im Internet.

Bundesweit organisieren diese Leute sich unter der Bewegung „Querdenken 711“, regional unter „Querdenken 494 Ostfriesland“. Der Name deutet auf Querdenken als Denkmethode hin, die es tatsächlich gibt. Ein Merkmal des Querdenkens ist, Informationen und Tatsachen subjektiv zu bewerten und selektiv zu verwenden, also nur das zu beachten, was gerade in den Kram passt. Außerdem erfassen Querdenker die Fakten nicht analytisch, sondern intuitiv. Anders gesagt: Sie wägen eine Sache nicht vom Verstand her ab. Sie lösen nicht das Problem, sondern leugnen es.

Ausflüsse dieser gedanklichen Geisterfahrt sind Verschwörungstheorien oder die feste Meinung, dass eine Atemschutzmaske die bürgerlichen Freiheitsrechte einschränkt und in Deutschland eine Diktatur herrscht.

Die allermeisten Menschen nehmen diesen „Querdenkern“ den zweiten Teil ihres Namens nicht ab, messen höchstens dem ersten eine gewisse Berechtigung zu. Deshalb gehen sie ihnen nicht auf den Leim, sondern halten sich an die Regeln und tragen dazu bei, diese Plage möglichst bald einzudämmen.

„Querdenker“ bieten sich als erstrebenswerte Alternative nicht an. Sie sind leicht zu durchschauen. Man muss kein Virologe oder Epidemie-Fachmann sein, um zu erkennen, dass eine Maske gegen ein hoch ansteckendes und gefährliches Virus besser ist als keine Maske.  

Virus, Trump und Inzidenz

Samstag, November 7th, 2020

Kraftvoll im Trend des lebenslangen Lernens mitschwimmen – aus Wunsch wird Wirklichkeit. Manchmal jedenfalls. Wer wusste vor einem Jahr schon, was ein Inzidenzwert ist? Heute redet jeder mit und wirft mit dem Fremdwort herum. Corona dringt sogar vor ins Gehirn, wo das Langzeitgedächtnis untergebracht ist.

Dieses biologische Wunderwerk speichert noch aus dem Schulunterricht, dass einst in grauer Vorzeit das riesige Römische Reich untergegangen ist. Naja, die alten Römer. Was gehen sie uns schon an, dachten Schüler damals. Heute sehen sie live und in Farbe auf dem heimischen Sofa, wie eine einstige politische und kulturelle Weltmacht auf der anderen Seite des Atlantiks selbstzerstörerisch weitere Teile des Sockels zertrümmert, der über Jahrhunderte ihr Fundament war. Dabei dachten wir vor 20 Jahren noch, dass der Zerfall einer Weltmacht wie die Sowjetunion ausschließlich etwas mit Kommunismus zu tun hat.

Doch zurück zum ostfriesischen Alltag. Corona ist überall. Aber mit fallendem Laub im Herbst hat das Virus – jedenfalls soweit bekannt – nichts zu tun. Sicher ist nur: Blätter machen Corona den Rang als Thema eins bei den Leuten streitig. Tatsächlich gibt es schöneres, als Blätter zu harken. Andererseits: So schlimm ist es auch nicht. Und sie einfach mal in Ruhe zu lassen, ist doch eine bedenkenswerte Alternative.

Dieser Ratschlag birgt natürlich ein Risiko. Denn die Erfahrung lehrt: Der Ostfriese als solcher mag keine Blätter, sobald sie Busch und Baum verlassen haben. Steckt wohl in den Genen. Das wiederum freut die Hersteller von Laubsaugern und -pustern, die hierzulande guten Absatz verzeichnen. Doch Mitbürger, die in den Dingern nur Krachmacher und eine Gefahr für Insekten sehen, tun etwas fürs gute Gewissen: Sie können sich ökologisch auf der korrekten Seite fühlen.

Dieser gedankliche Ausflug in die Welt der Natur und speziell des Laubs ist doch hier erlaubt. Oder? Den ganzen Tag von Corona zu lesen und zu hören macht irgendwie mürbe, und obendrein noch tagelang nichts als Trump im Fernsehen. Furchtbar.

Trotzdem: An Corona kommt nun wirklich keiner vorbei. Nicht mal Libuda, wenn er noch leben würde – um hier einen Uralt-Kalauer aus der Welt des Fußballs zu bemühen, als einst im Ruhrgebiet ein Witzbold unter die Reklame einer christlichen Sekte „An Jesus kommt keiner vorbei“ handschriftlich kritzelte „Außer Libuda“. Wer ihn nicht kennt: Er war ein begnadeter Rechtsaußen bei Schalke 04 und Borussia Dortmund.

Was wir eigentlich sagen wollten: Der Inzidenzwert, der die wöchentliche Zahl der Infizierten im Vergleich zu 100.000 Einwohnern angibt, verlässt auch im Landkreis Leer die Kuschelecke und erreicht 50. Das ist zwar noch entfernt von Emden und Aurich und erst recht von Cloppenburg und dem Emsland, aber er gibt Anlass, die Schutzvorschriften streng einzuhalten. Nicht ohne Grund bittet Landrat Groote, vom Martini-Singen am nächsten Dienstag Abstand zu nehmen und die Kipp-Kapp-Kögels in der Schublade zu lassen. So schade es für die Kinder sein mag.

Denn Kontakte können gefährlich sein. Deshalb folgt die Regierung dem Rat der Fachleute, dass man jeweils nur eine Person aus einer anderen Familie treffen darf. Nicht wenige legen diese Vorschrift so aus, ihre Bekannten nacheinander einzeln zu treffen. Ob das im Sinne der Erfinder ist?