Virus, Trump und Inzidenz

Kraftvoll im Trend des lebenslangen Lernens mitschwimmen – aus Wunsch wird Wirklichkeit. Manchmal jedenfalls. Wer wusste vor einem Jahr schon, was ein Inzidenzwert ist? Heute redet jeder mit und wirft mit dem Fremdwort herum. Corona dringt sogar vor ins Gehirn, wo das Langzeitgedächtnis untergebracht ist.

Dieses biologische Wunderwerk speichert noch aus dem Schulunterricht, dass einst in grauer Vorzeit das riesige Römische Reich untergegangen ist. Naja, die alten Römer. Was gehen sie uns schon an, dachten Schüler damals. Heute sehen sie live und in Farbe auf dem heimischen Sofa, wie eine einstige politische und kulturelle Weltmacht auf der anderen Seite des Atlantiks selbstzerstörerisch weitere Teile des Sockels zertrümmert, der über Jahrhunderte ihr Fundament war. Dabei dachten wir vor 20 Jahren noch, dass der Zerfall einer Weltmacht wie die Sowjetunion ausschließlich etwas mit Kommunismus zu tun hat.

Doch zurück zum ostfriesischen Alltag. Corona ist überall. Aber mit fallendem Laub im Herbst hat das Virus – jedenfalls soweit bekannt – nichts zu tun. Sicher ist nur: Blätter machen Corona den Rang als Thema eins bei den Leuten streitig. Tatsächlich gibt es schöneres, als Blätter zu harken. Andererseits: So schlimm ist es auch nicht. Und sie einfach mal in Ruhe zu lassen, ist doch eine bedenkenswerte Alternative.

Dieser Ratschlag birgt natürlich ein Risiko. Denn die Erfahrung lehrt: Der Ostfriese als solcher mag keine Blätter, sobald sie Busch und Baum verlassen haben. Steckt wohl in den Genen. Das wiederum freut die Hersteller von Laubsaugern und -pustern, die hierzulande guten Absatz verzeichnen. Doch Mitbürger, die in den Dingern nur Krachmacher und eine Gefahr für Insekten sehen, tun etwas fürs gute Gewissen: Sie können sich ökologisch auf der korrekten Seite fühlen.

Dieser gedankliche Ausflug in die Welt der Natur und speziell des Laubs ist doch hier erlaubt. Oder? Den ganzen Tag von Corona zu lesen und zu hören macht irgendwie mürbe, und obendrein noch tagelang nichts als Trump im Fernsehen. Furchtbar.

Trotzdem: An Corona kommt nun wirklich keiner vorbei. Nicht mal Libuda, wenn er noch leben würde – um hier einen Uralt-Kalauer aus der Welt des Fußballs zu bemühen, als einst im Ruhrgebiet ein Witzbold unter die Reklame einer christlichen Sekte „An Jesus kommt keiner vorbei“ handschriftlich kritzelte „Außer Libuda“. Wer ihn nicht kennt: Er war ein begnadeter Rechtsaußen bei Schalke 04 und Borussia Dortmund.

Was wir eigentlich sagen wollten: Der Inzidenzwert, der die wöchentliche Zahl der Infizierten im Vergleich zu 100.000 Einwohnern angibt, verlässt auch im Landkreis Leer die Kuschelecke und erreicht 50. Das ist zwar noch entfernt von Emden und Aurich und erst recht von Cloppenburg und dem Emsland, aber er gibt Anlass, die Schutzvorschriften streng einzuhalten. Nicht ohne Grund bittet Landrat Groote, vom Martini-Singen am nächsten Dienstag Abstand zu nehmen und die Kipp-Kapp-Kögels in der Schublade zu lassen. So schade es für die Kinder sein mag.

Denn Kontakte können gefährlich sein. Deshalb folgt die Regierung dem Rat der Fachleute, dass man jeweils nur eine Person aus einer anderen Familie treffen darf. Nicht wenige legen diese Vorschrift so aus, ihre Bekannten nacheinander einzeln zu treffen. Ob das im Sinne der Erfinder ist?

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