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Vom Zuckerwasser mit Weingeschmack

Die Welt-Kommerzwochen sind bald vorbei. Dazu zwei Anmerkungen: Gut, dass sie vorbei sind. Gut, dass es sie gibt. Wie Advent und Weihnachten begangen werden, hängt vor allem von den Geldbeuteln einer Gesellschaft ab. Sorgen ums tägliche Brot lassen Menschen zusammenrücken, weil sie allein nicht klar kommen. Weihnachten erhält dann einen anderen Sinn. Wohlstandsmenschen verhalten sich anders. Individualistisch. Sie verprassen ihr Geld eher in aufwändigen Geschenken und Festen - und verklären die gar nicht so gute alte Zeit zur Idylle, als sich alle lieb hatten.

Kritiker unserer kommerziellen Weihnacht gibt es viele. Auch Kirchen kämpfen im Wettstreit mit dem großen Konsum-Event darum, Weihnachten als Fest der Liebe zu verkünden. Doch die Botschaft dieser Tage lautet anders: Weihnachtsfeier, Jahresabschluss, Glühwein, Hauptumsatzzeit, Essen, Geschenke, Boni und Weihnachtsmärkte.

Die meisten Bundesbürger äußern sich in Umfragen genervt über Konsum-Weihnachten. Aber die Ladenkassen registrieren mit hohen Umsätzen die Wahrheit. Kommerz und Weihnachten hängen eng zusammen. Eine Minderheit entzieht sich diesem Zusammenhang und geht eigene Wege. Manche suchen einen Sinn in Traditionen oder lassen Kindheits-Erinnerungen wach werden. Andere beschwören die Familienbande - und wundern sich, dass verstärktes Harmoniebedürfnis im Streit endet und Bande auch anders gedeutet werden kann.

In Leer spielt sich ein allerdings nur scheinbarer Zweikampf zwischen kommerzieller und nicht-kommerzieller Weihnacht ab. In der Innenstadt präsentiert sich ein Weihnachtsmarkt wie viele, etwas süßlich, kalorienstark, süßer die Glocken nie klingen. Mittig ein verkleideter Gallimarkt mit XXL-Glühweinhalle, röhrendem Elch und singendem Wirt. Im hinteren Bereich einer benachbarten Glühweinbude gröhlen Männer auch schon mal sonntagmittags unschickliche Lieder. Aber der Markt kommt an. Echt, praktisch, ehrlich.

Erfolg feiert auch der Weihnachtsmarkt an der Waage. Handgemachte Musik, Chöre, nicht so viel Alkohol, mehr Stände mit wohltätigem Hintergrund. Kein Gedudel aus der Konserve, kein Zuckerwasser mit Weingeschmack. Obendrein gibt es kostenlos das wohlige Gefühl des Nicht-Kommerziellen. „Nicht-kommerzieller Weihnachtsmarkt“ – selbst in der Begrüßung taucht der Begriff wie ein Gütezeichen auf. Der Laie grübelt, während er Bücher, Blechspielzeug, Grog, Mutzenmandeln oder andere ehrenwerte Waren kauft. Ihm gelingt der Sprung vom unappetitlichen Kommerz zum edlen Nichtkommerz einfach nicht. Vielleicht müssen erst Jahrzehnte erfolgreichen Kommerzes hinter einem liegen, ehe das Nicht-Kommerzielle den Kommerz in die Tiefen des Bewusstseins verdrängt. Vielleicht genügt auch ein Blick ins Buch Matthäus. Aber lassen wir das. Es ist Weihnachten.

 

Der Beitrag wurde am Samstag, den 19. Dezember 2009 um 19:43 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Buntes Leben abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

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