Archive for the ‘Buntes Leben’ Category

Virus, Trump und Inzidenz

Samstag, November 7th, 2020

Kraftvoll im Trend des lebenslangen Lernens mitschwimmen – aus Wunsch wird Wirklichkeit. Manchmal jedenfalls. Wer wusste vor einem Jahr schon, was ein Inzidenzwert ist? Heute redet jeder mit und wirft mit dem Fremdwort herum. Corona dringt sogar vor ins Gehirn, wo das Langzeitgedächtnis untergebracht ist.

Dieses biologische Wunderwerk speichert noch aus dem Schulunterricht, dass einst in grauer Vorzeit das riesige Römische Reich untergegangen ist. Naja, die alten Römer. Was gehen sie uns schon an, dachten Schüler damals. Heute sehen sie live und in Farbe auf dem heimischen Sofa, wie eine einstige politische und kulturelle Weltmacht auf der anderen Seite des Atlantiks selbstzerstörerisch weitere Teile des Sockels zertrümmert, der über Jahrhunderte ihr Fundament war. Dabei dachten wir vor 20 Jahren noch, dass der Zerfall einer Weltmacht wie die Sowjetunion ausschließlich etwas mit Kommunismus zu tun hat.

Doch zurück zum ostfriesischen Alltag. Corona ist überall. Aber mit fallendem Laub im Herbst hat das Virus – jedenfalls soweit bekannt – nichts zu tun. Sicher ist nur: Blätter machen Corona den Rang als Thema eins bei den Leuten streitig. Tatsächlich gibt es schöneres, als Blätter zu harken. Andererseits: So schlimm ist es auch nicht. Und sie einfach mal in Ruhe zu lassen, ist doch eine bedenkenswerte Alternative.

Dieser Ratschlag birgt natürlich ein Risiko. Denn die Erfahrung lehrt: Der Ostfriese als solcher mag keine Blätter, sobald sie Busch und Baum verlassen haben. Steckt wohl in den Genen. Das wiederum freut die Hersteller von Laubsaugern und -pustern, die hierzulande guten Absatz verzeichnen. Doch Mitbürger, die in den Dingern nur Krachmacher und eine Gefahr für Insekten sehen, tun etwas fürs gute Gewissen: Sie können sich ökologisch auf der korrekten Seite fühlen.

Dieser gedankliche Ausflug in die Welt der Natur und speziell des Laubs ist doch hier erlaubt. Oder? Den ganzen Tag von Corona zu lesen und zu hören macht irgendwie mürbe, und obendrein noch tagelang nichts als Trump im Fernsehen. Furchtbar.

Trotzdem: An Corona kommt nun wirklich keiner vorbei. Nicht mal Libuda, wenn er noch leben würde – um hier einen Uralt-Kalauer aus der Welt des Fußballs zu bemühen, als einst im Ruhrgebiet ein Witzbold unter die Reklame einer christlichen Sekte „An Jesus kommt keiner vorbei“ handschriftlich kritzelte „Außer Libuda“. Wer ihn nicht kennt: Er war ein begnadeter Rechtsaußen bei Schalke 04 und Borussia Dortmund.

Was wir eigentlich sagen wollten: Der Inzidenzwert, der die wöchentliche Zahl der Infizierten im Vergleich zu 100.000 Einwohnern angibt, verlässt auch im Landkreis Leer die Kuschelecke und erreicht 50. Das ist zwar noch entfernt von Emden und Aurich und erst recht von Cloppenburg und dem Emsland, aber er gibt Anlass, die Schutzvorschriften streng einzuhalten. Nicht ohne Grund bittet Landrat Groote, vom Martini-Singen am nächsten Dienstag Abstand zu nehmen und die Kipp-Kapp-Kögels in der Schublade zu lassen. So schade es für die Kinder sein mag.

Denn Kontakte können gefährlich sein. Deshalb folgt die Regierung dem Rat der Fachleute, dass man jeweils nur eine Person aus einer anderen Familie treffen darf. Nicht wenige legen diese Vorschrift so aus, ihre Bekannten nacheinander einzeln zu treffen. Ob das im Sinne der Erfinder ist?

Maske und App

Samstag, Oktober 31st, 2020

Es ist wie es ist. Die Erde dreht sich weiter und kümmert sich nicht um Corona und Covid19. Aber das ist kein Grund, dem Geschehen tatenlos zuzuschauen. Zum Glück haben wir Regierungen in Deutschland, die sich auch unpopuläre Entscheidungen zutrauen, und Ämter, die ihre Arbeit machen. Beides ist nötig, um einen Kontrollverlust zu vermeiden.

Davon sind einige Gegenden nicht mehr weit entfernt. Das ist kein Zufall. Wer Bekannte in Großstädten hat, kennt aus ihren Schilderungen schon lange die drohende Gefahr: Viele Menschen scheren sich einen Deut um Maske und Abstand. Aber auf den Fähren zu den Inseln war es im Sommer hier nicht besser.

Und Niederländer haben sich schlapp gelacht über deutsche Corona-Regeln. Maske? Freiheitsberaubung. Nicht wenige Ostfriesen sind bewusst nach drüben zum Einkaufen gefahren, weil sie dort keine Maske tragen mussten. Das Virus dürfte sich über den möglichen Export nach Ostfriesland gefreut haben. Jetzt haben die Niederländer den Salat und die Kontrolle über das Virus verloren. Ämter sind teilweise überfordert, Kontakte der Infizierten zu verfolgen. Ein Blick nicht nur ins niederländische Ausland kann als Abschreckung und Warnung dienen.

Eigenverantwortung ist der Schlüssel zum Erfolg. „Maske, Maske, Maske“, sagt der Ärztliche Direktor des Klinikums Leer, Dr. Hans-Jürgen Wietoska. Der in Midlum aufgewachsene Mediziner freut sich im Moment noch über leere Intensiv-Betten. Er weiß, dass dies nicht selbstverständlich ist. Die Bürger haben es weitgehend selbst in der Hand, dass es so bleibt.

Noch hat das Kreisgesundheitsamt die Lage im Griff. Seine 60 Mitarbeiter verfolgen von morgens bis abends die Kontakte infizierter Menschen. 20 Freiwillige aus der Kreisverwaltung unterstützen sie. Fünf Bundeswehr-Soldaten sind jetzt eingearbeitet worden, nächste Woche folgen fünf weitere. 45 Minuten dauert im Schnitt das Telefongespräch mit dem Erstkontakt, weitere Zeit geht drauf für Information und Suche weiterer Kontakte. Zweimal täglich ruft das Gesundheitsamt bei Menschen in Quarantäne an, wie es ihnen geht.

Die Corona-Warn-App der Bundesregierung hilft ihnen zurzeit wenig – obwohl sie technisch funktioniert. Jeder vierte Bundesbürger hat die App auf sein Smartphone geladen, aber nur 60 Prozent der positiv Getesteten teilen dies anderen Nutzern der App mit. Das heißt: Kontaktpersonen gehen nicht in Quarantäne, wenn sie nichts erfahren. Das Virus breitet sich weiter aus. Datenschützer verhindern, dass die Gesundheitsämter die Daten automatisch weiterleiten. Es geschieht nur freiwillig.

Die Corona-Warn-App ist gut, aber darf ihre Möglichkeiten nicht ausspielen. Und so funktioniert sie: Sie misst mit Bluetooth-Technik den Abstand und die Begegnungsdauer zwischen Personen mit der App. Das Smartphone merkt sich alle Begegnungen – und wenn die vom Robert-Koch-Institut festgelegten Kriterien zu Abstand und Zeit erfüllt sind, tauschen die Geräte Zufallscodes aus.

Jetzt kommt’s: Werden Personen mit der Warn-App positiv getestet, können sie andere Nutzer darüber informieren. Denn alle Warn-Apps speichern die Zufallscodes des Infizierten. Die jeweilige App prüft dann, ob ihr Nutzer die positiv auf Corona getestete Person getroffen hat – und warnt den Nutzer. Technisch ist sie kompliziert, für Nutzer aber einfach. Und sie hilft.

Corona und das Schachbrett

Sonntag, Oktober 11th, 2020

Was hat das Corona-Virus mit Schachbrett und Reiskörnern zu tun? Natürlich nichts. Andererseits eine ganze Menge, wenn man verstehen will, warum Virologen und Politiker seit Tagen Alarm schlagen wegen der schnell steigenden Zahl von Corona-Ansteckungen.

Sie beschränken sich nicht auf Berlin-Mitte oder Kreuzberg. Dann könnten wir es abtun als Problem eines durchgeknallten Völkchens außerhalb der normalen Betrachtungsweise. Nein, Ostfriesland ist umzingelt von Corona-Hochburgen, so im Emsland, im Landkreis Cloppenburg und in der niederländischen Provinz Groningen.

Aber das Virus ist auch mitten unter uns. Am vorigen Freitag meldete das Gesundheitsamt des Landkreises Leer zehn neue Infektionen für einen Tag. Aktuell waren zu dem Zeitpunkt im Landkreis Leer 40 Menschen infiziert und 460 durften vorsichtshalber die Wohnung nicht verlassen. An der Grundschule Jemgum gibt es einen bestätigten Corona-Fall, der 37 Menschen in Quarantäne zwingt. Auch die Kicker und Trainer der Bezirksligamannschaft des TV Bunde müssen zu Hause die Füße ruhig halten.

Um das Geschehen besser begreifen zu können, helfen Schachbrett und Reiskörner – und was die gelernte Physikerin Angela Merkel meint, wenn sie die Zahl der möglichen täglichen Virus-Infektionen bis Weihnachten auf mehr als 19.000 hochrechnet. Sie sagt, dass dies etwas mit Exponentialrechnung zu tun hat.

Selbst wer es in der Schule gelernt hat, vergisst es schnell wieder. Dabei ist die Exponentialrechnung ein Teil des Alltags. Doch dummerweise ist das Gehirn des Menschen darauf ausgerichtet, linear zu denken. Wissenschaftler haben, kurz gesagt, herausgefunden, dass exponentielles Wachstum die Vorstellungskraft übersteigt. Das mache es für viele so schwer, die Gefahr des Virus richtig einzuschätzen.   

Schachbrett und Reiskörner können Zweifel am exponentiellen Wachstum verscheuchen. Dabei hilft eine uralte Legende, die verschieden erzählt wird, aber im Kern gleich ist: Ein König will dem Erfinder des Schachspiels ein Geschenk machen. Dieser sagt, lege auf das erste Feld des Schachbretts ein Korn, auf das zweite das Doppelte, auf das dritte wieder die doppelte Menge, und so weiter, bis Feld 64. Der König, weil er keine Ahnung von der Exponentialfunktion hat, lobt die Bescheidenheit des Mannes. Das Ende vom Lied: Auf Platz 64 kommt man auf mehr als die ganze Welternte.

Rechnen wir nur für die ersten zehn Felder die Körner zusammen, ergibt sich diese Reihe: 1, 2, 4, 8, 16, 32, 64, 128, 256, 512. Es fällt auf, dass die Zahl immer schneller zunimmt. Insgesamt zählen wir schon 1.024 Körner. Man mag es kaum glauben, aber allein auf Feld 64 liegen weit mehr als 9 Trillionen Körner, auf allen Feldern zusammen mehr als 18 Trillionen.

Das Muster trifft auch für das exponentielle Wachstum des Corona-Virus zu. So gesehen können zehn Neuinfektionen im Landkreis Leer schon Sorgen bereiten. Das Virus breitet sich rasant aus. Die Exponentialkurve lässt sich nur abflachen durch die bekannten Einschränkungen. Nur so kommt unser Gesundheitssystem damit zu Rande. Am besten verstehen lässt es sich durch das Schachbrett-Reiskorn-Beispiel.

Kleiner Trost zum Schluss: Sollte das Virus eines Tages eingedämmt sein und es – ganz anderes Thema – fürs Sparbuch wieder Zinsen geben, können sich Sparer über die Exponentialrechnung freuen. Denn auch der Zinseszins wird mit dieser Formel berechnet.

Kochende Gemüter

Montag, Oktober 5th, 2020

Über Für und Wider eines Ersatz-Gallimarkts in Leer lässt sich streiten. Das hat der Verwaltungsausschuss gemacht und mit Mehrheit nein gesagt. Was steckt dahinter?

Für beide Seiten gibt es Argumente. Sie wiegen schwer. Es ist ein Knäuel, das nur mühsam zu entwirren ist. Erschwerend: Es ist viel Emotion im Spiel. Gemüter kochen. Einerseits Angst und Sorge wegen Ansteckung mit dem Corona-Virus und der nötige Schutz davor, andererseits viele Schausteller, die um ihre Existenz fürchten. Hinzu kommt der Verdruss von Menschen, die rings um den Rummelplatz wohnen. Sie haben keine Lust auf vier lärmige Wochen und lästige Parkplatzsuche, auf Unannehmlichkeiten, die den Alltagstrott aus dem Tritt bringen.

Das alles müssen Rat und Verwaltung berücksichtigen – natürlich im Rahmen staatlicher Corona-Verordnungen, die sich dynamisch entsprechend dem Infektionsgeschehen verändern.

Ein Patentrezept, die Kuh vom Eis zu bringen, gibt es nicht. Sicher ist nur: Gerade emotionsgeladene Probleme in der Politik verlangen kühlen Verstand. Erst dann können Politiker und Beamte gegenteilige Interessen nüchtern abwägen und die Corona-Verordnungen auf Möglichkeiten abklopfen – ehe sie schließlich entscheiden. Das kann nicht jedem Bürger schmecken, er sollte es jedoch zumindest nachvollziehen können.

Vom Rathaus in Leer ist eine nachvollziehbare nüchterne Entscheidung in schwierigen Fällen kaum noch zu erwarten. Das Seil zwischen größeren Teilen des Rates und Bürgermeisterin Beatrix Kuhl, CDU, ist seit langem zerschnitten. Von Vertrauen keine Spur. Wenn Verhältnisse brechen, ist nie nur eine Seite verantwortlich, deshalb ist die Suche nach Schuldigen müßig.

Wie in anderen Fällen fehlt auch beim Freizeitpark eine allseits geachtete Führungsperson, die Konflikte moderiert und Interessen ausgleicht. Das wäre Sache der Bürgermeisterin, die dazu jedoch nicht in der Lage ist.

Keine rühmliche Rolle spielt in diesem Fall auch die Gruppe SPD/Linke, die vor einigen Wochen einem Freizeitpark mehrheitlich zustimmte, jetzt aber auf ein Nein umschwenkte. Ohne dass sich das Infektionsgeschehen in Leer großartig verändert hat. Im Gegensatz zum Bundesdurchschnitt.

In Papenburg funktioniert ein Ersatzmärkte bis jetzt. Der Publikumszuspruch hält sich in Grenzen, doch das ist nicht Sache der Politik. Jetzt meldet sich Emden, den Gallipark zu übernehmen. Damit wäre zumindest den Schaustellern gedient.

Ob das Konzept der Schausteller für Leer, das die Stadtverwaltung zugrunde legt, vom Kreisgesundheitsamt akzeptiert worden wäre, ist eine nicht entschiedene Frage. Aber selbst ein Ja des Gesundheitsamtes wäre erst einmal vorläufig, weil die aktuelle Corona-Verordnung nur bis zum 8. Oktober datiert. Ohnehin tragen die Schausteller ein hohes Risiko: Der Markt würde geschlossen, wenn die Infektionszahlen wieder klettern.

Auch die Ankündigung der Bürgermeisterin, den Weihnachtsmarkt zu kippen, offenbart das allgemeine Rathaus-Destaster. Ihr Nein zum Weihnachtsmarkt ist eine Retourkutsche auf das Nein des Verwaltungsausschusses zum Freizeitpark. Doch das letzte Wort ist nicht gesprochen sein. Es würde wundern, wenn die Bürgermeisterin den Weihnachtsmarkt in ihre alleinige Zuständigkeit packen könnte. Der Verwaltungsausschuss könnte den Vorgang an sich ziehen und in seinem Sinn beschließen.    

Leben ohne Dusche

Samstag, September 26th, 2020

Am Rande treibt Corona auch so seine Blüten, von denen zum Glück keine Gefahr ausgeht. Sie verleiten lediglich dazu, den Blick zurückschweifen zu lassen in längst vergangen geglaubte Zeiten. Die nicht mehr so ganz Jungen unter uns, sagen wir die Rentnerjahrgänge, erinnern sich noch daran.

Jüngere mögen es nicht glauben, aber es gab ein Leben ohne Dusche. Das ist noch gar nicht so lange her. Wie kommen wir darauf? Der Landrat, der Kreissportbund- und der ostfriesische Fußballverbands-Vorsitzer empfehlen den aktiven Vereins-Sportlern, sich wegen Corona zum Training und zum Spiel zu Hause umzuziehen und nach dem Sport auf die übliche Dusche in der Halle zu verzichten. Die meisten Duschräume werden deshalb verschlossen bleiben.

Nichts Neues unter der Sonne – das gilt zumindest für die Dusche, die erst spät Einzug hält in den dörflichen Teilen Ostfrieslands. Im Rheiderland startet die zentrale Wasserversorgung aus dem Wasserwerk Weener erst in den späten 50er Jahren. Die meisten Leute lehnen damals Wasser aus dem Hahn ab. Sie schwören auf die gewohnte Handpumpe, mit der sie Wasser aus der „Pütte“ oder der „Regenbacke“ drücken.

Erst die Natur sorgt für den Durchbruch: Ein heißer Sommer mit ungewöhnlicher Dürre und Wassermangel zwingt zum Umdenken. Dann geht es ruck, zuck. Die Firma Wildeboer aus Weener, mit dem Verlegen der Leitungen beauftragt, kommt mit den Arbeiten kaum nach.  Aber das nur nebenbei.

Als die Leitungen liegen, bauen die Rheiderländer nach und nach Badezimmer in ihre Häuser und damit auch Duschen. Sportler, damals fast ausschließlich Fußballer, müssen noch bis weit in die 60er, teils 70er Jahre warten, ehe sie sich unter der Dusche von Dreck und Schweiß befreien können. Die einzelnen Termine in den Orten kann man mit dem Bau der Turnhallen gleichsetzen.

Üblich sind Holzbaracken, in denen die Fußballer sich umziehen. In manchen Orten, wo es passt, stellen Gastwirte eine Kammer zur Verfügung. So Mertens in Ditzum, „Lüttje Schröder“ in Bingum oder ganz früh Poppinga in Stapelmoorerheide, wo der Sportplatz von Teutonia Stapelmoor lag.

Am Spielfeldrand steht meistens eine ausrangierte Badewanne oder ein Trog mit kaltem Wasser. Ein Schlag Wasser fürs Gesicht, eine Handvoll für das Gröbste auf den Fußballschuhen – und ab geht es in die Vereinskneipe. Verschwitzt, teils noch in Fußballschuhen. Heute undenkbar.

Selbst in der Stadt sieht es lange Zeit kaum anders aus. Das zeigt ein Blick auf Leer. Der VfL Germania spielt damals in hohen Amateurklassen, aber am Platz an der Straße Hoheellern hat er keine Umkleidekabinen oder gar Duschen. Deshalb ziehen sich die Spieler bei „Bubi“ Harms im „Bahnhofshotel“ am Bahnübergang Bremer Straße die Trikots und Fußballschuhe an, marschieren dann die mindestens 500 Meter über Hoheellern zum Stadion – und nach dem Spiel verschwitzt und verdreckt zurück. Daran erinnert sich heute noch der zum SV Werder gewechselte Sepp Piontek, der dort Nationalverteidiger und danach dänischer Nationaltrainer wurde.

Viele Jugendliche begleiteten die Spieler. Bis heute haben sie das Klackern der Aluminium-Stollen auf dem Hoheellern-Pflaster in den Ohren. Eine Dusche gab es bei „Bubi“ Harms nicht. Dafür wurden am Tresen die Kehlen umso intensiver gespült. Spieler und Zuschauer genossen die oft ausgiebige dritte Halbzeit.

Sirenen, Katwarn und 5G

Samstag, September 12th, 2020

Sirenen heulten am bundesweiten Warntag – nicht überall, aber jedenfalls im Landkreis Leer. Die App „Katwarn“ (Katastrophenwarnung) auf Smartphones hingegen blieb oft ruhig. Auch sie sollte Alarm schlagen, wie sie es bei Orkan- oder Flutwarnungen und Schulunterrichtsausfällen zuverlässig tut.

Doch diesmal mussten viele Nutzer den „Katwarn“ manuell auslösen, wenn sie feststellen wollten, ob ihre App funktioniert. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn sprach kleinlaut von „Systemüberlastung“. Ein Symbol für die digitale Misere.

Deswegen auf die Politik zu schimpfen, wäre ungerecht. Sie ist nur ein Spiegelbild der Gesellschaft, die das digitale Zeitalter verschlafen hat. Die Corona-Krise macht es auch im Alltag deutlich. So haben nur wenige Schulen, als sie wegen Corona schließen mussten, einen geordneten Fernunterricht per Videokonferenz („Home-Schooling“) auf die Reihe bekommen – sei es mangels Technik oder Lehrerkompetenz oder beidem.

Bezeichnend neulich auch eine bizarre Diskussion im Rathaus von Leer. Es ging darum, ob die Stadt Grundschülern aus ärmeren Familien für den Teleunterricht ein Tablet leihen könne.  Rats-Mitglieder konnten nur mit Mühe die Verwaltung zur Hilfe drängen. Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland beim Fernunterricht dramatisch schlecht ab. Das ist auch eine Frage der Einstellung. So halten 20 Prozent der Eltern Online-Unterricht generell schlecht für Kinder.

Aber manchmal ist auch Lob angebracht. So ordnete die Leitung des Johannes-Althusius-Gymnasiums in Emden in dieser Woche für das gesamte 100-köpfige Kollegium eine ganztägige schulinterne Fortbildung an, um bei künftigen Schließungen gewappnet zu sein. Thema: Einsatz digitaler Medien im Unterricht. Damit naht zumindest dort das Ende der Kreidezeit.

Wie ein Wimpernschlag: So blitzschnell müssen Daten sich bewegen. Die Voraussetzung dafür heißt 5G. Hinter dieser Ziffer und dem Buchstaben steckt die fünfte Generation der Mobilfunktechnik. Weltweit rennen Länder wegen dieser Zukunftstechnik um die Wette. Um wirtschaftlich konkurrenzfähig zu bleiben, geht kein Weg an 5G vorbei. Führende Ausbaufirmen sind Telekom und Vodafone.

Für 5G sind viele neue Mobilfunk-Masten nötig. Das hat technische Gründe: Frequenzen, die schnell viele Daten transportieren können, haben eine geringere Reichweite. Deshalb bieten sich neben bestehenden Antennen neue Sendeanlagen in Straßenlaternen oder auf Dächern öffentlicher Gebäude an.

5G hängt auch mit dem Breitbandausbau zusammen. Internetverbindungen mit Glasfaser sind schnell und haben die höchsten Kapazitäten. Das gilt für Verbindungen in Firmen oder Wohnungen. Aber auch ein Mobilfunkstandort mit 5G-Anschluss braucht Glasfaser. Stattdessen Richtfunk zu nutzen, um teure Kabel zu sparen, ist halber Kram, weil störungsanfällig. 

Übrigens haben Verschwörungserzähler den 5G-Funk längst für sich entdeckt. In Norden forderten in einer Rats-Ausschusssitzung das Bündnis 90/Die Grünen und zuhörende Bürger die Stadt auf, gegen den geplanten 5G-Ausbau vorzugehen. Grund: Gesundheitsgefahren. Die Stiftung Warentest fasste neulich alle verfügbaren wissenschaftlichen Untersuchungen zu 5G zusammen: „Die Forschungserkenntnisse liefern kaum einen Grund zur Sorge.“

Ein Gallimarkt-Lehrstück

Samstag, September 5th, 2020

Ein Virus stellt die Welt auf den Kopf. Es zwingt sogar den Gallimarkt in die Knie. Wie zuletzt im Krieg. Aber gleichzeitig sorgt es für einen Ersatz-Gallimarkt. Zwar nennt er sich   Freizeitpark, aber dafür öffnet er nicht nur fünf Tage, sondern fast einen Monat vom 11. Oktober bis 14. November. Mittwochs bis sonntags von 14 bis 21 oder 22 Uhr. Die Alternative beim Viehmarkt ist untauglich.

Ohne Prophet zu sein: So viele Besucher wie sonst werden nicht kommen. Zwei Herzen schlagen in ihrer Brust: Die Sorge, sich ausgerechnet bei einem Vergnügen Covid-19 einzufangen, quält sich mit dem Bedürfnis, Karussell zu fahren, in eine Glitzerwelt einzutauchen, Bratwurst und Berliner zu essen oder Bekannte zu treffen. Alkohol wird verboten. Wirkung? Nur bei Kontrolle. Man könnte ihn ja mitbringen.

Den Gallimarkt hat die Stadt wegen der Corona-Verordnungen abgeblasen. Entsprechend neuerer Regeln erlaubt sie jetzt den Ersatz-Rummel. Es war eine schwere Geburt – und ein Lehrstück für Kommunalpolitik.

Die Entscheidung birgt Punkte, die sich beißen. Sie zeigen, dass es nicht die eine, sondern mehrere Wahrheiten gibt. Dem verantwortlichen Verwaltungsausschuss blieb nur, alle wirtschaftlichen, gesundheitlichen und gesellschaftlichen Punkte abzuwägen, sie mit Seuchen-Vorschriften abzugleichen und dann zu entscheiden. Das hat er mit knappster Mehrheit getan, quer durch die Parteien.

Fest steht: Bei den Anwohnern rund um den Marktplatz („Blinke“) haben die Politiker sich keine Freunde gemacht. Den Gallimarkts-Lärm dulden die Leute aus Gewohnheit. Aber jetzt haben sie vier Wochen Halli-Galli um die Ohren. Und Parkplätze sind belegt – für sie, für unzählige Berufsschüler, Firmenbesucher und andere. Etliche Anwohner sorgen sich zudem über einen Corona-Hotspot vor der Haustür.

Dem gegenüber steht der Wunsch von Bürgern nach geselligem Trubel. Den Ausschlag gegeben haben dürfte jedoch die wirtschaftliche Not der Schausteller. Ihnen dreht Corona fast völlig den Hahn ab. Die Großen unter ihnen müssen ihre Investitionen in irrsinnig teure Fahrgeschäfte finanzieren, die Kleinen sind für ihren direkten Lebensunterhalt auf Einnahmen angewiesen.  

Nebenbei: Der VA handelt keineswegs undemokratisch, weil er die Türen hinter sich schließt, wie gelegentlich kritisiert wird. Der Gesetzgeber, der niedersächsische Landtag, widerstand schon 2011 dem Modetrend und ließ Verwaltungsausschüsse (VA) weiterhin nicht öffentlich tagen, jedoch dürfen alle Ratsmitglieder zuhören. Er folgte damit der Empfehlung einer unabhängigen Sachverständigen- und Enquete-Kommission. Das zeugt von einem Mittelschott in der Nase.  VA-Mitglieder sollen frei von Auswirkungen reden und entscheiden, die ihre Aussagen und Entscheidungen in der Öffentlichkeit haben können. Beim Gallimarkt-Ersatz lassen sich die Folgen leicht ausmalen.

Ein VA ist politisch ein Spiegelbild des Rates. Seine Hauptaufgabe ist, Ratsbeschlüsse vorzubereiten, außerdem Personal- und Vertragsangelegenheiten zu regeln, die die Öffentlichkeit ohnehin nichts angehen.

Der VA in Leer als demokratisch legitimiertes Gremium hat entschieden. Einzelne müssen sich öffentlich nicht rechtfertigen oder sich dämlichen Facebook-Shitstorms aussetzen. Unsere repräsentative Demokratie lebt auch von Vertrauen. Das ist gut so.

Geld ist nicht alles

Sonntag, August 30th, 2020

Alle Nase lang taucht eine Studie auf, in der Regionen vergleichen werden. Mal geht es um Einkommen, um die Zahl der Ärzte pro Einwohner oder die Industriedichte. Und fast immer hinkt Ostfriesland statistisch hinterher.

Jetzt stellte das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock fest, dass Ostfriesen ein paar Jahre früher sterben als zum Beispiel die Menschen um München herum. Statistisch gesehen. Dabei ist Ostfriesland seit je her bekannt für seine Hundertjährigen.

Früher sterben und hundertjährig – wie passt das zusammen? Richtig ist beides. Aber nur statistisch. In der Realität liegt es daran, dass in Ostfriesland mehr arme Leute leben als in manchen anderen Gegenden. Anders gesagt: Wer sein Leben lang auf Hartz-4 oder lange arbeitslos ist, läuft Gefahr, früher zu sterben als jemand, der nicht unbedingt viel verdient, aber Arbeit hat. 

In der Studie heißt es: „Maßnahmen, die die Lebensstandards für ärmere Teile der Bevölkerung verbessern, sind am ehesten geeignet, die Unterschiede in der Lebenserwartung zu reduzieren.“ Deshalb ist Strukturpolitik der Hebel, die Lage zum Guten zu wenden.  

Denn ob Menschen sich wohlfühlen und deshalb länger leben, hängt nicht vorrangig von der Höhe der Einkommen oder der Arztzahl ab, sondern ob sie Arbeit haben. Um nicht missverstanden zu werden: Diese Feststellung ist kein Plädoyer für niedrige Löhne.  

Viele Ostfriesen hängen an ihrer Heimat. Dafür tun sie einiges. So wundern sich Auswärtige häufig über die schmucken Dörfer und Städte. Im Kopf das Bild des armen Ostfrieslands, vor Augen die gepflegten und oft großen Einfamilienhäuser – darauf finden sie keinen Reim.

Aber woran liegt es, dass Ostfriesen oft besser wohnen als viele Menschen in reicheren Regionen? Das war nicht immer so. Ältere Ostfriesen, die bis 1950, 55 geboren wurden, kennen noch die kleinen ärmlichen Behausungen, Landarbeiterhäuser, Katen mit Löchern im Dach, Regenfangbecken fürs Teewasser (plattdeutsch: „Regenbakken“), Hausbrunnen und Plumps-Klos.

Die meisten Frauen versorgten den Haushalt, verdienten also nichts – was sie bis heute bei der Rente spüren. Viele Männer arbeiteten beim Bauern, in Ziegeleien oder Gärtnereien, andere als Maurer – und waren im Winter ohne Arbeit. Sie stempelten, wie es damals hieß, wenn sie die wenigen Deutschen Mark vom Arbeitsamt holen mussten.

Nach und nach änderten sich die Arbeitsstrukturen. Industrie und Gewerbe wuchsen. Das VW-Werk in Emden 1964 war ein Meilenstein. Werften hatten eine gute Zeit, in Leer spielte Olympia als Schreibmaschinen-Hersteller eine starke Rolle. Heute sind es Windkraft, maritime Wirtschaft und Tourismus. 

Und beim Hausbau packen viele selbst an. Er beruht auch auf Verzicht, der mit der Mentalität der Ostfriesen zu tun hat. Fürs eigene Haus arbeiten sie sich notfalls einen Buckel. Verschulden sich über eine Generation.

Ostfriesland geht es heute besser, auch wenn das Einkommens-Gefälle zu reicheren Gebieten geblieben ist. Dafür lässt es sich hier günstiger leben. Und sogar angenehmer. So hat ein wissenschaftlicher Vergleich zwischen den Arbeitsamtsbezirken Leer und Balingen bei Stuttgart schon 1990 ergeben, dass Schwaben zwar mehr verdienen, Ostfriesen aber zufriedener sind. Geld ist nicht alles – nur etwas anders verteilt sein könnte es schon.

Pioniere hoch über uns

Sonntag, August 23rd, 2020

Der technische Fortschritt lässt sich von Corona nicht bremsen. Das belegt ein bahnbrechendes Ereignis, dessen geschichtliches Ausmaß wir gar nicht hoch genug einschätzen können: Am 1. September landet auf Norderney ein elektrisch angetriebenes Flugzeug. Vorbehalten Wind und Wetter.

Es ist das erste behördlich zugelassene Passagier-E-Flugzeug der Welt, eine Velis Electro, gebaut von Pipistrel Aircraft in Slowenien. Der Jungfernflug startet in Zürich und erreicht Ostfriesland in zehn Etappen. Eine fünfköpfige Pioniergruppe aus der Schweiz will beweisen, dass sie trotz immer noch schwacher Batterien elektrisch eine 700 Kilometer lange Strecke relativ schnell zurücklegen kann.

Es wird ein Weltrekordflug in mehrfacher Hinsicht: Geringster Energieverbrauch, längste elektrisch geflogene Strecke, höchste Durchschnittsgeschwindigkeit (über 100 km/h), so hoch wie nie zuvor mit Strom (über 3.000 Meter). Die Propeller drehen sich bis zu 2.350-mal pro Minute. Das alles mit einem 57,6 kw-Motor (78 PS), zwei Lithium-Ionen-Batterien mit einer Leistung von 345 Volt und einer Kapazität von je elf Kilowattstunden. Damit bleibt die Maschine 50 Minuten in der Luft, plus zehn Minuten Reserve.

Das bedeutet: Sie muss alle 100 Kilometer landen, um Strom zu zapfen. Dafür fahren zwei Bodenteams in Autos mit mobilen Ladestationen zu den Flugplätzen voraus. Das ist umständlich, aber Pioniertaten eigen. So dampfte anno 1835 die erste Lokomotive mit nur knapp 30 km/h über die sechs Kilometer lange Strecke von Nürnberg nach Fürth.

Der erste E-Flug kommt dem Rekordflug von Charles Lindbergh nahe, der 1927 allein als erster nonstop den Atlantik von New York nach Paris überquerte. Ein Alleinflug ist es am 1.September nicht. Die Velis Electro fasst zwei Personen – ein Koffer passt nicht mehr rein. Lindbergh kassierte damals 25.000 Dollar als Honorar. Die Schweizer müssen bis zu 80.000 Euro aufbringen, über Sponsoren, um einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde zu erreichen.

Ohne zu „tanken“ schaffen Flugzeuge mit Strom bisher nur kurze Strecken. Der Grund: Batterien haben eine geringe Energiedichte. Deshalb werden sie bei größeren Energiemengen zu groß und zu schwer.

Einer der Vorzüge von E-Flugzeugen: Ihre Betriebskosten für den Energieeinsatz sind vergleichsweise gering. Wartung und Kontrolle für Öl, Kühlwasser, Treibstoff- und Luftfilter, Auspuffanlage und Getriebe entfallen. Was auch für E-Autos gilt. Vom leisen Motor und dem Null-Schadstoffausstoß ist dabei noch gar nicht die Rede.  

Um lange Strecken fliegen zu können, forschen Wissenschaftler weltweit an Brennstoffzellen. Doch die Velis Electro ist Realität. Ihre Musterzulassung durch die Agentur der Europäischen Union für Flugsicherheit (EASA; englisch: European Union Aviation Safety Agency) ist der erste Schritt zur gewerblichen Nutzung.  Drei Jahre dauerte die Zertifizierung.

E-Flugzeuge drängen sich in Ostfriesland für Insel-Flüge geradezu auf.  Ohne Motorenlärm und Abgase übers Wattenmeer – das hat Zukunft. So sieht es auch die Frisia-Luftverkehr Norddeich (FLN), eine Tochter der Reederei Frisia. Sie hat sich beim Münchner Flugzeugbau-Start-up Skylax eingekauft – mit dem Ziel, E-Flugzeuge für Kurzflüge zu entwickeln. Aktueller Favorit: Eine viersitzige Zwei-Propeller-Maschine.

Tja

Samstag, August 15th, 2020

Corona schlägt weiter zu. Nach dem Landkreis Aurich und der Stadt Emden und überall in Deutschland tauchen jetzt im Landkreis Leer nach längerer Pause wieder Personen auf, die sich mit dem Covid19 angesteckt haben. Auftauchen ist hier durchaus wörtlich zu nehmen, denn nicht wenige haben sich die Seuche beim Auslandsurlaub eingefangen. Teils in bekannten Risikogebieten.

Was verleitet angeblich vernunftbegabte Menschen dazu, aus freien Stücken in ein Risikogebiet zu reisen? Was treibt sie, bei Bullenhitze an einen Strand zu fahren, obwohl sie von vornherein wissen, schon vorher im Stau zu stehen oder bestenfalls hautnah mit anderen in der Sonne zu braten.

Psychologen wissen darauf sicher eine Antwort. Doch schon ein kurzer Blick in die Bibel kommt der Sache näher. In Psalm 91 denkt ein weiser Schreiber über Schutz und Zuflucht nach, die der Herr biete. Er kommt zur Erkenntnis, dass „du nicht erschrecken musst … vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt. Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen“.

Heute wähnt sich nicht mehr jeder „unter dem Schirm des Höchsten und unter dem Schatten des Allmächtigen“, wie es im Psalm heißt. Aber selbst jene, die es glauben, wissen, dass sie den Herrn nicht versuchen sollten. Für nicht christlich orientierte Menschen heißt dies: Nicht darauf bauen, dass der Kelch des Virus schon an ihnen vorbeigeht.

Der Volksmund weiß es schon ewig: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.“ Das zu beachten ist ein guter Schutz gegen Corona – und die meisten handeln auch so. Denn was sind schon ein Lappen vor Nase und Mund, Abstand und Party-Abstinenz gegen ein Virus, das Leib und Leben gefährdet? Und – zu Ende gedacht – ganze Volkswirtschaften und somit den Wohlstand in den Abgrund reißen kann.

Vielleicht hilft ein Blick über die Grenze zu den Niederländern. Sie gingen zuletzt ziemlich lässig mit Maske und anderem Schutz um. Für etliche Ostfriesen sogar ein Grund, um drüben einzukaufen. „In Holland muss ich nirgends eine Maske tragen“, wird eine Frau in der Zeitung zitiert. Mittlerweile erhalten unsere Nachbarn die Quittung und müssen die Zügel wieder anziehen. Im Süden des Landes gilt sogar draußen die Maskenpflicht. Ein Alarmzeichen: Ministerpräsident Rutte brach wegen steigender Infektionszahlen seinen Urlaub ab.  Es ist nicht mehr alles „leuk“ in Holland.

Bei uns lässt die Politik die Leine vorsichtig länger. Sozusagen auf Sichtweite. Mal sehen, wie sich Massentourismus und Wiederöffnung der Schulen auswirken.

Die meisten Menschen halten sich an die Regeln, sei es in Läden, Post, beim Frisör oder in Restaurants. Das gilt natürlich besonders für Krankenhäuser, Pflegeheime und Arztpraxen. Obwohl: Für Ärzte gibt es in ihren Praxen keine behördliche Maskenpflicht. Doch in der Regel fühlen sie sich verpflichtet.

Abgesehen von Ausnahmen. So offenbarte ein niedergelassener Arzt aus Leer auf Facebook, was er von Masken hält. Seinen Text, innerhalb kurzer Zeit von 29 Nutzern gelikt, von zwölf kommentiert und von einem geteilt, hat er inzwischen gelöscht. Doch lässt er tief blicken. Wörtlich: „Sehr geehrte Damen u. Herren, geehrte Regierung, verehrte Kassenärztliche Vereinigung, ab morgen werde ich keine Maske tragen. Gruß Dr.med.  ….“  Tja.