Archive for the ‘Buntes Leben’ Category

Sirenen, Katwarn und 5G

Samstag, September 12th, 2020

Sirenen heulten am bundesweiten Warntag – nicht überall, aber jedenfalls im Landkreis Leer. Die App „Katwarn“ (Katastrophenwarnung) auf Smartphones hingegen blieb oft ruhig. Auch sie sollte Alarm schlagen, wie sie es bei Orkan- oder Flutwarnungen und Schulunterrichtsausfällen zuverlässig tut.

Doch diesmal mussten viele Nutzer den „Katwarn“ manuell auslösen, wenn sie feststellen wollten, ob ihre App funktioniert. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn sprach kleinlaut von „Systemüberlastung“. Ein Symbol für die digitale Misere.

Deswegen auf die Politik zu schimpfen, wäre ungerecht. Sie ist nur ein Spiegelbild der Gesellschaft, die das digitale Zeitalter verschlafen hat. Die Corona-Krise macht es auch im Alltag deutlich. So haben nur wenige Schulen, als sie wegen Corona schließen mussten, einen geordneten Fernunterricht per Videokonferenz („Home-Schooling“) auf die Reihe bekommen – sei es mangels Technik oder Lehrerkompetenz oder beidem.

Bezeichnend neulich auch eine bizarre Diskussion im Rathaus von Leer. Es ging darum, ob die Stadt Grundschülern aus ärmeren Familien für den Teleunterricht ein Tablet leihen könne.  Rats-Mitglieder konnten nur mit Mühe die Verwaltung zur Hilfe drängen. Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland beim Fernunterricht dramatisch schlecht ab. Das ist auch eine Frage der Einstellung. So halten 20 Prozent der Eltern Online-Unterricht generell schlecht für Kinder.

Aber manchmal ist auch Lob angebracht. So ordnete die Leitung des Johannes-Althusius-Gymnasiums in Emden in dieser Woche für das gesamte 100-köpfige Kollegium eine ganztägige schulinterne Fortbildung an, um bei künftigen Schließungen gewappnet zu sein. Thema: Einsatz digitaler Medien im Unterricht. Damit naht zumindest dort das Ende der Kreidezeit.

Wie ein Wimpernschlag: So blitzschnell müssen Daten sich bewegen. Die Voraussetzung dafür heißt 5G. Hinter dieser Ziffer und dem Buchstaben steckt die fünfte Generation der Mobilfunktechnik. Weltweit rennen Länder wegen dieser Zukunftstechnik um die Wette. Um wirtschaftlich konkurrenzfähig zu bleiben, geht kein Weg an 5G vorbei. Führende Ausbaufirmen sind Telekom und Vodafone.

Für 5G sind viele neue Mobilfunk-Masten nötig. Das hat technische Gründe: Frequenzen, die schnell viele Daten transportieren können, haben eine geringere Reichweite. Deshalb bieten sich neben bestehenden Antennen neue Sendeanlagen in Straßenlaternen oder auf Dächern öffentlicher Gebäude an.

5G hängt auch mit dem Breitbandausbau zusammen. Internetverbindungen mit Glasfaser sind schnell und haben die höchsten Kapazitäten. Das gilt für Verbindungen in Firmen oder Wohnungen. Aber auch ein Mobilfunkstandort mit 5G-Anschluss braucht Glasfaser. Stattdessen Richtfunk zu nutzen, um teure Kabel zu sparen, ist halber Kram, weil störungsanfällig. 

Übrigens haben Verschwörungserzähler den 5G-Funk längst für sich entdeckt. In Norden forderten in einer Rats-Ausschusssitzung das Bündnis 90/Die Grünen und zuhörende Bürger die Stadt auf, gegen den geplanten 5G-Ausbau vorzugehen. Grund: Gesundheitsgefahren. Die Stiftung Warentest fasste neulich alle verfügbaren wissenschaftlichen Untersuchungen zu 5G zusammen: „Die Forschungserkenntnisse liefern kaum einen Grund zur Sorge.“

Ein Gallimarkt-Lehrstück

Samstag, September 5th, 2020

Ein Virus stellt die Welt auf den Kopf. Es zwingt sogar den Gallimarkt in die Knie. Wie zuletzt im Krieg. Aber gleichzeitig sorgt es für einen Ersatz-Gallimarkt. Zwar nennt er sich   Freizeitpark, aber dafür öffnet er nicht nur fünf Tage, sondern fast einen Monat vom 11. Oktober bis 14. November. Mittwochs bis sonntags von 14 bis 21 oder 22 Uhr. Die Alternative beim Viehmarkt ist untauglich.

Ohne Prophet zu sein: So viele Besucher wie sonst werden nicht kommen. Zwei Herzen schlagen in ihrer Brust: Die Sorge, sich ausgerechnet bei einem Vergnügen Covid-19 einzufangen, quält sich mit dem Bedürfnis, Karussell zu fahren, in eine Glitzerwelt einzutauchen, Bratwurst und Berliner zu essen oder Bekannte zu treffen. Alkohol wird verboten. Wirkung? Nur bei Kontrolle. Man könnte ihn ja mitbringen.

Den Gallimarkt hat die Stadt wegen der Corona-Verordnungen abgeblasen. Entsprechend neuerer Regeln erlaubt sie jetzt den Ersatz-Rummel. Es war eine schwere Geburt – und ein Lehrstück für Kommunalpolitik.

Die Entscheidung birgt Punkte, die sich beißen. Sie zeigen, dass es nicht die eine, sondern mehrere Wahrheiten gibt. Dem verantwortlichen Verwaltungsausschuss blieb nur, alle wirtschaftlichen, gesundheitlichen und gesellschaftlichen Punkte abzuwägen, sie mit Seuchen-Vorschriften abzugleichen und dann zu entscheiden. Das hat er mit knappster Mehrheit getan, quer durch die Parteien.

Fest steht: Bei den Anwohnern rund um den Marktplatz („Blinke“) haben die Politiker sich keine Freunde gemacht. Den Gallimarkts-Lärm dulden die Leute aus Gewohnheit. Aber jetzt haben sie vier Wochen Halli-Galli um die Ohren. Und Parkplätze sind belegt – für sie, für unzählige Berufsschüler, Firmenbesucher und andere. Etliche Anwohner sorgen sich zudem über einen Corona-Hotspot vor der Haustür.

Dem gegenüber steht der Wunsch von Bürgern nach geselligem Trubel. Den Ausschlag gegeben haben dürfte jedoch die wirtschaftliche Not der Schausteller. Ihnen dreht Corona fast völlig den Hahn ab. Die Großen unter ihnen müssen ihre Investitionen in irrsinnig teure Fahrgeschäfte finanzieren, die Kleinen sind für ihren direkten Lebensunterhalt auf Einnahmen angewiesen.  

Nebenbei: Der VA handelt keineswegs undemokratisch, weil er die Türen hinter sich schließt, wie gelegentlich kritisiert wird. Der Gesetzgeber, der niedersächsische Landtag, widerstand schon 2011 dem Modetrend und ließ Verwaltungsausschüsse (VA) weiterhin nicht öffentlich tagen, jedoch dürfen alle Ratsmitglieder zuhören. Er folgte damit der Empfehlung einer unabhängigen Sachverständigen- und Enquete-Kommission. Das zeugt von einem Mittelschott in der Nase.  VA-Mitglieder sollen frei von Auswirkungen reden und entscheiden, die ihre Aussagen und Entscheidungen in der Öffentlichkeit haben können. Beim Gallimarkt-Ersatz lassen sich die Folgen leicht ausmalen.

Ein VA ist politisch ein Spiegelbild des Rates. Seine Hauptaufgabe ist, Ratsbeschlüsse vorzubereiten, außerdem Personal- und Vertragsangelegenheiten zu regeln, die die Öffentlichkeit ohnehin nichts angehen.

Der VA in Leer als demokratisch legitimiertes Gremium hat entschieden. Einzelne müssen sich öffentlich nicht rechtfertigen oder sich dämlichen Facebook-Shitstorms aussetzen. Unsere repräsentative Demokratie lebt auch von Vertrauen. Das ist gut so.

Geld ist nicht alles

Sonntag, August 30th, 2020

Alle Nase lang taucht eine Studie auf, in der Regionen vergleichen werden. Mal geht es um Einkommen, um die Zahl der Ärzte pro Einwohner oder die Industriedichte. Und fast immer hinkt Ostfriesland statistisch hinterher.

Jetzt stellte das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock fest, dass Ostfriesen ein paar Jahre früher sterben als zum Beispiel die Menschen um München herum. Statistisch gesehen. Dabei ist Ostfriesland seit je her bekannt für seine Hundertjährigen.

Früher sterben und hundertjährig – wie passt das zusammen? Richtig ist beides. Aber nur statistisch. In der Realität liegt es daran, dass in Ostfriesland mehr arme Leute leben als in manchen anderen Gegenden. Anders gesagt: Wer sein Leben lang auf Hartz-4 oder lange arbeitslos ist, läuft Gefahr, früher zu sterben als jemand, der nicht unbedingt viel verdient, aber Arbeit hat. 

In der Studie heißt es: „Maßnahmen, die die Lebensstandards für ärmere Teile der Bevölkerung verbessern, sind am ehesten geeignet, die Unterschiede in der Lebenserwartung zu reduzieren.“ Deshalb ist Strukturpolitik der Hebel, die Lage zum Guten zu wenden.  

Denn ob Menschen sich wohlfühlen und deshalb länger leben, hängt nicht vorrangig von der Höhe der Einkommen oder der Arztzahl ab, sondern ob sie Arbeit haben. Um nicht missverstanden zu werden: Diese Feststellung ist kein Plädoyer für niedrige Löhne.  

Viele Ostfriesen hängen an ihrer Heimat. Dafür tun sie einiges. So wundern sich Auswärtige häufig über die schmucken Dörfer und Städte. Im Kopf das Bild des armen Ostfrieslands, vor Augen die gepflegten und oft großen Einfamilienhäuser – darauf finden sie keinen Reim.

Aber woran liegt es, dass Ostfriesen oft besser wohnen als viele Menschen in reicheren Regionen? Das war nicht immer so. Ältere Ostfriesen, die bis 1950, 55 geboren wurden, kennen noch die kleinen ärmlichen Behausungen, Landarbeiterhäuser, Katen mit Löchern im Dach, Regenfangbecken fürs Teewasser (plattdeutsch: „Regenbakken“), Hausbrunnen und Plumps-Klos.

Die meisten Frauen versorgten den Haushalt, verdienten also nichts – was sie bis heute bei der Rente spüren. Viele Männer arbeiteten beim Bauern, in Ziegeleien oder Gärtnereien, andere als Maurer – und waren im Winter ohne Arbeit. Sie stempelten, wie es damals hieß, wenn sie die wenigen Deutschen Mark vom Arbeitsamt holen mussten.

Nach und nach änderten sich die Arbeitsstrukturen. Industrie und Gewerbe wuchsen. Das VW-Werk in Emden 1964 war ein Meilenstein. Werften hatten eine gute Zeit, in Leer spielte Olympia als Schreibmaschinen-Hersteller eine starke Rolle. Heute sind es Windkraft, maritime Wirtschaft und Tourismus. 

Und beim Hausbau packen viele selbst an. Er beruht auch auf Verzicht, der mit der Mentalität der Ostfriesen zu tun hat. Fürs eigene Haus arbeiten sie sich notfalls einen Buckel. Verschulden sich über eine Generation.

Ostfriesland geht es heute besser, auch wenn das Einkommens-Gefälle zu reicheren Gebieten geblieben ist. Dafür lässt es sich hier günstiger leben. Und sogar angenehmer. So hat ein wissenschaftlicher Vergleich zwischen den Arbeitsamtsbezirken Leer und Balingen bei Stuttgart schon 1990 ergeben, dass Schwaben zwar mehr verdienen, Ostfriesen aber zufriedener sind. Geld ist nicht alles – nur etwas anders verteilt sein könnte es schon.

Pioniere hoch über uns

Sonntag, August 23rd, 2020

Der technische Fortschritt lässt sich von Corona nicht bremsen. Das belegt ein bahnbrechendes Ereignis, dessen geschichtliches Ausmaß wir gar nicht hoch genug einschätzen können: Am 1. September landet auf Norderney ein elektrisch angetriebenes Flugzeug. Vorbehalten Wind und Wetter.

Es ist das erste behördlich zugelassene Passagier-E-Flugzeug der Welt, eine Velis Electro, gebaut von Pipistrel Aircraft in Slowenien. Der Jungfernflug startet in Zürich und erreicht Ostfriesland in zehn Etappen. Eine fünfköpfige Pioniergruppe aus der Schweiz will beweisen, dass sie trotz immer noch schwacher Batterien elektrisch eine 700 Kilometer lange Strecke relativ schnell zurücklegen kann.

Es wird ein Weltrekordflug in mehrfacher Hinsicht: Geringster Energieverbrauch, längste elektrisch geflogene Strecke, höchste Durchschnittsgeschwindigkeit (über 100 km/h), so hoch wie nie zuvor mit Strom (über 3.000 Meter). Die Propeller drehen sich bis zu 2.350-mal pro Minute. Das alles mit einem 57,6 kw-Motor (78 PS), zwei Lithium-Ionen-Batterien mit einer Leistung von 345 Volt und einer Kapazität von je elf Kilowattstunden. Damit bleibt die Maschine 50 Minuten in der Luft, plus zehn Minuten Reserve.

Das bedeutet: Sie muss alle 100 Kilometer landen, um Strom zu zapfen. Dafür fahren zwei Bodenteams in Autos mit mobilen Ladestationen zu den Flugplätzen voraus. Das ist umständlich, aber Pioniertaten eigen. So dampfte anno 1835 die erste Lokomotive mit nur knapp 30 km/h über die sechs Kilometer lange Strecke von Nürnberg nach Fürth.

Der erste E-Flug kommt dem Rekordflug von Charles Lindbergh nahe, der 1927 allein als erster nonstop den Atlantik von New York nach Paris überquerte. Ein Alleinflug ist es am 1.September nicht. Die Velis Electro fasst zwei Personen – ein Koffer passt nicht mehr rein. Lindbergh kassierte damals 25.000 Dollar als Honorar. Die Schweizer müssen bis zu 80.000 Euro aufbringen, über Sponsoren, um einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde zu erreichen.

Ohne zu „tanken“ schaffen Flugzeuge mit Strom bisher nur kurze Strecken. Der Grund: Batterien haben eine geringe Energiedichte. Deshalb werden sie bei größeren Energiemengen zu groß und zu schwer.

Einer der Vorzüge von E-Flugzeugen: Ihre Betriebskosten für den Energieeinsatz sind vergleichsweise gering. Wartung und Kontrolle für Öl, Kühlwasser, Treibstoff- und Luftfilter, Auspuffanlage und Getriebe entfallen. Was auch für E-Autos gilt. Vom leisen Motor und dem Null-Schadstoffausstoß ist dabei noch gar nicht die Rede.  

Um lange Strecken fliegen zu können, forschen Wissenschaftler weltweit an Brennstoffzellen. Doch die Velis Electro ist Realität. Ihre Musterzulassung durch die Agentur der Europäischen Union für Flugsicherheit (EASA; englisch: European Union Aviation Safety Agency) ist der erste Schritt zur gewerblichen Nutzung.  Drei Jahre dauerte die Zertifizierung.

E-Flugzeuge drängen sich in Ostfriesland für Insel-Flüge geradezu auf.  Ohne Motorenlärm und Abgase übers Wattenmeer – das hat Zukunft. So sieht es auch die Frisia-Luftverkehr Norddeich (FLN), eine Tochter der Reederei Frisia. Sie hat sich beim Münchner Flugzeugbau-Start-up Skylax eingekauft – mit dem Ziel, E-Flugzeuge für Kurzflüge zu entwickeln. Aktueller Favorit: Eine viersitzige Zwei-Propeller-Maschine.

Tja

Samstag, August 15th, 2020

Corona schlägt weiter zu. Nach dem Landkreis Aurich und der Stadt Emden und überall in Deutschland tauchen jetzt im Landkreis Leer nach längerer Pause wieder Personen auf, die sich mit dem Covid19 angesteckt haben. Auftauchen ist hier durchaus wörtlich zu nehmen, denn nicht wenige haben sich die Seuche beim Auslandsurlaub eingefangen. Teils in bekannten Risikogebieten.

Was verleitet angeblich vernunftbegabte Menschen dazu, aus freien Stücken in ein Risikogebiet zu reisen? Was treibt sie, bei Bullenhitze an einen Strand zu fahren, obwohl sie von vornherein wissen, schon vorher im Stau zu stehen oder bestenfalls hautnah mit anderen in der Sonne zu braten.

Psychologen wissen darauf sicher eine Antwort. Doch schon ein kurzer Blick in die Bibel kommt der Sache näher. In Psalm 91 denkt ein weiser Schreiber über Schutz und Zuflucht nach, die der Herr biete. Er kommt zur Erkenntnis, dass „du nicht erschrecken musst … vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt. Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen“.

Heute wähnt sich nicht mehr jeder „unter dem Schirm des Höchsten und unter dem Schatten des Allmächtigen“, wie es im Psalm heißt. Aber selbst jene, die es glauben, wissen, dass sie den Herrn nicht versuchen sollten. Für nicht christlich orientierte Menschen heißt dies: Nicht darauf bauen, dass der Kelch des Virus schon an ihnen vorbeigeht.

Der Volksmund weiß es schon ewig: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.“ Das zu beachten ist ein guter Schutz gegen Corona – und die meisten handeln auch so. Denn was sind schon ein Lappen vor Nase und Mund, Abstand und Party-Abstinenz gegen ein Virus, das Leib und Leben gefährdet? Und – zu Ende gedacht – ganze Volkswirtschaften und somit den Wohlstand in den Abgrund reißen kann.

Vielleicht hilft ein Blick über die Grenze zu den Niederländern. Sie gingen zuletzt ziemlich lässig mit Maske und anderem Schutz um. Für etliche Ostfriesen sogar ein Grund, um drüben einzukaufen. „In Holland muss ich nirgends eine Maske tragen“, wird eine Frau in der Zeitung zitiert. Mittlerweile erhalten unsere Nachbarn die Quittung und müssen die Zügel wieder anziehen. Im Süden des Landes gilt sogar draußen die Maskenpflicht. Ein Alarmzeichen: Ministerpräsident Rutte brach wegen steigender Infektionszahlen seinen Urlaub ab.  Es ist nicht mehr alles „leuk“ in Holland.

Bei uns lässt die Politik die Leine vorsichtig länger. Sozusagen auf Sichtweite. Mal sehen, wie sich Massentourismus und Wiederöffnung der Schulen auswirken.

Die meisten Menschen halten sich an die Regeln, sei es in Läden, Post, beim Frisör oder in Restaurants. Das gilt natürlich besonders für Krankenhäuser, Pflegeheime und Arztpraxen. Obwohl: Für Ärzte gibt es in ihren Praxen keine behördliche Maskenpflicht. Doch in der Regel fühlen sie sich verpflichtet.

Abgesehen von Ausnahmen. So offenbarte ein niedergelassener Arzt aus Leer auf Facebook, was er von Masken hält. Seinen Text, innerhalb kurzer Zeit von 29 Nutzern gelikt, von zwölf kommentiert und von einem geteilt, hat er inzwischen gelöscht. Doch lässt er tief blicken. Wörtlich: „Sehr geehrte Damen u. Herren, geehrte Regierung, verehrte Kassenärztliche Vereinigung, ab morgen werde ich keine Maske tragen. Gruß Dr.med.  ….“  Tja.   

Wertvolle Gäste

Samstag, August 8th, 2020

Spontan Urlaub machen oder ein paar Tage verreisen? Gar nicht so einfach. Man telefoniert oder surft lange herum. Alles ausgebucht. Corona kurbelt aktuell den Tourismus in Deutschland an. Ein Segen für die gebeutelte Gastronomie.

Auslandsreisen bergen Risiken, schlimmstenfalls sitzen Reisende bei einem Virusausbruch über Wochen fest. Das könnte eine Trendwende im Reiseverhalten einläuten. Motto: „Mein Hawaii ist Norderney“. Oder: Auch in Leer, Ditzum oder Weener ist es schön. 

Die Binsenweisheit von den schönen Ecken in Deutschland stimmt – und Urlauber entdecken, dass neben den Alpen und dem Schwarzwald auch die Küste einiges zu bieten hat. Das bestätigt die Contor-GmbH aus Hünxe (NRW) in einer Standortuntersuchung. Sie hat knapp 600 Städte und Gemeinden mit mehr als 20.000 Einwohnern abgeklopft, wie es dort mit dem Tourismus aussieht. 

Nicht verwunderlich liegt Garmisch-Partenkirchen ganz vorn, gefolgt von bekannten Touristenhochburgen. Deshalb schneidet Norden bestens ab, Aurich und Wittmund beachtlich. Aber auch abseits der Hochburgen blüht der Tourismus.

Aufgeführt sind – ziemlich abgeschlagen, aber immerhin – Moormerland und Westoverledingen. Natur pur ist dort die Devise. Das Rheiderland fehlt, weil keine der drei Gemeinden die 20.000-Einwohner-Marke übertrifft. Aber weder Weener noch Bunde würden nennenswert gut abschneiden, Jemgum würde vom Sonderfall Ditzum profitieren.

Der alte Fischerort mit Hafen und Kuttern, ansehnlicher Gastronomie, Hotel, Ferienhäusern und -wohnungen sowie großem Wohnmobilplatz ist der touristische Leuchtturm des Rheiderlands. Besucher kommen auch außerhalb der Hauptsaison. Und weil es an dieser Stelle passt: Erwähnung verdienen persönliche Initiativen wie das Café am Bingumer Deich oder das Melkhuske in Hatzum.

Weener fehlt es an Hotels und Gastronomie, hat mit dem alten Hafen und umzu aber einen Stern, der mehr zum Funkeln gebracht werden könnte. Bunde setzt mit dem Steinhaus einen kulturellen und am Dollart einen naturnahen Akzent.

Papenburg belegt den beachtlichen Platz 54. Die Erklärung: Das Besucherzentrum der Meyer-Werft. Auf Platz 242 im oberen Mittelfeld rangiert Leer – ein sehenswerter Rang für eine Stadt, die sich nicht unbedingt als Touristenort versteh. Sie ist ein Beispiel dafür, dass sich Tourismus lohnt.

Was lockt Besucher aus der Ferne (und aus dem Umland) nach Leer? Die Fußgängerzone ist attraktiv – wobei sich Besucher zurzeit fragen, warum man das Pflaster dort mitten im Sommer und nicht im Winter aufreißt, den es ja in alter frostiger Form kaum noch gibt. Unabhängig davon: Weitere Hotspots sind die Altstadt, der Hafen mitten in der Stadt, die Evenburg und im Winter die Weihnachtsmärkte. Anziehungspunkt Nummer eins für Touristen jedoch, man lese und staune, ist das Miniaturland.

Tourismus ist kein Selbstzweck, sondern ein Wirtschaftsfaktor, der den Ort auch für Einheimische lebenswerter machen kann. Er sorgt neben Vollzeit-Arbeitsplätzen für Nebenerwerbs-Jobs, erhöht das verfügbare Einkommen und steigert die Bettenbelegung in Hotels und Pensionen. Touristenorte halten oft die Einwohnerzahl stabil, während sie anderswo eher sinkt. Kurz und gut: Sie bieten vielen Menschen ein Ziel und Einheimischen willkommene Arbeit. 

Sprechstunde im Video

Freitag, Juli 17th, 2020

Für Lehrer und Schüler ist es das Lernen am Bildschirm zu Hause, für Arbeitnehmer das Arbeiten im Home-Office – und für Ärzte und Patienten die Videosprechstunde. Wie so vielem anderen gibt die Coronakrise der Telemedizin einen kräftigen Schub, auch hier bei uns.

Viele Ärzte, geschätzt die meisten, tun sich schwer damit, dass die Digitalisierung vor ihrem Beruf nicht Halt macht. Aber ihre Zahl bröckelt. Von den 40.000 niedergelassenen Ärzten in Niedersachsen boten im vorigen Jahr lediglich 75 eine Videosprechstunde an. Im ersten Quartal 2020, es ging gerade los mit Corona, waren es schon 2.111. Von ihnen praktizieren 147 in Ostfriesland.

Die Zahl wird steigen, schätzt Dieter Krott, Geschäftsführer der für Ostfriesland zuständigen Bezirksstelle Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Im Augenblick geht es darum, das Corona-Virus einzudämmen. Weniger Arztbesuche helfen dabei. Wer nicht im Wartezimmer sitzt, kann keinen anstecken und sich selbst das Virus nicht einfangen.

Videosprechstunden verringern Besuche in Arztpraxen. Technisch sind sie kein Problem.  Gerade in der Coronakrise skypen viele Großeltern mit ihren Enkeln oder nutzen den Videodienst Zoom. Das geht natürlich auch mit der Hausarztpraxis – sofern der Arzt mitspielt.

Videosprechstunden sind aber nicht nur in Epidemie-Zeiten praktisch. Der Ärztemangel, schon heute örtlich spürbar, wird sich in den nächsten Jahren verstärken. Gerade auf dem Lande mit oft großen Entfernungen zum Arzt bietet sich das Videosystem an.

Erste niedergelassene Ärzte in Leer weisen auf ihrer Homepage auf ihre Videosprechstunden hin. Das Klinikum in Leer ist mit seinen Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin, Innere Medizin und Psychosomatische Medizin sowie dem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) des Inselkrankenhauses Borkum mit dabei. Das Borromäus-Hospital weist Videosprechstunden für die Neurologie und Psychiatrie und für die Neurochirurgie aus.

Nützlich erweist sich die Videosprechstunde bei Erstberatung, Verlaufskontrolle von Wunden, Beurteilung von Bewegungsstörungen, langfristiger Begleitung von chronisch Kranken, Patienten mit Krankenhauskeimen (MRSA), schmerztherapeutischer Versorgung und nicht zuletzt in der Psychotherapie. Grundsätzlich gilt natürlich immer: Die Videosprechstunde ersetzt nicht den Arzt, aber sie hilft ihm, Zeit für seine eigentliche Arbeit zu gewinnen.

Ermutigt durch die guten Erfahrungen in der Coronakrise treibt die Kassenärztliche Vereinigung das digitale Instrument der Videosprechstunde voran und hat sie sogar schon auf den Bereitschaftsdienst ausgedehnt – unter Telefon 116117. Sie hat die Voraussetzungen für den Datenschutz für Patienten und die Finanzierung geregelt.

Beste Erfahrungen sammelten Augenärzte mit dem zweijährigen Telemedizin-Projekt „Opthamet-Telenet“ für die Insel Borkum. Im Inselkrankenhaus wurden die Bilder von den Augen gemacht, auf dem Festland stellten Augenfachärzte einen ersten Befund, empfahlen Therapien oder weitere Untersuchungen. Dadurch wurden auch Grunderkrankungen für Sehschwächen wie Diabetes erkannt. Abgesehen davon ersparten sich Borkumer eine Tagesreise aufs Festland. Ein Beitrag, den Fachärztemangel zu mildern, war es auch. Leider kostete das Projekt viel Geld. Zurzeit wird deshalb mit Krankenkassen über eine Fortsetzung verhandelt.

Das Virus und der Hund

Samstag, Juni 13th, 2020

Kaum jemand hätte es für möglich gehalten, dass ein Virus aus China den Alltag auch bis in den letzten Winkel Ostfrieslands verändert. Es beherrscht fast jede Unterhaltung. Das wäre zu verkraften – aber es wirbelt die Wirtschaft durcheinander, vernichtet zumindest zeitweilig Arbeitsplätze, gefährdet die Existenz kleiner Unternehmer wie Gastwirte und drängt eine Weltfirma wie die Meyer-Werft in Seenot.

Das Virus beschleunigt Vorgänge im Alltag, die sonst eher gemütlich über die Bühne gegangen wären. So rächt es sich schon seit Beginn des Corona-Ausbruchs, dass Schulen nur sehr zaghaft auf die Möglichkeiten der Digitalisierung vorbereitet worden sind. Schüler sind längst soweit, aber Kultusminister und der Großteil der Lehrerschaft hinken hinterher.

Um ein Beispiel aus der Schweiz zu nennen, wie es laufen kann: Dort lernen Schüler auch bei Seuchenalarm. Sie sitzen zu den gewohnten Schulzeiten mit dem Tablet zu Hause am Küchentisch und machen mit beim Unterricht. Nach einer Stunde ruft die Lehrerin zur Pause, und anschließend geht es weiter. Hierzulande sind den Kindern in vielen Fällen kopierte Lernzettel ins Haus geschickt worden, die sie dann wieder zurückschicken oder -bringen mussten. Steinzeit.

Noch ein Beispiel: Home-Office. Bis vor kurzem ein Fremdwort, heute gängige Praxis. Kaum ein Betrieb, in dem nicht Teile der Mitarbeiter zu Hause arbeiten, so lange Corona es erfordert. Alles, was normalerweise im Büro erledigt wird, lässt sich auch von zu Hause regeln. Jetzt Home-Office unbefangen zu praktizieren ist in Ordnung. Aber es wirft Fragen des Arbeitsrechts und des Datenschutzes auf, die noch zu regeln sind.

Geschäftliche Videokonferenzen statt aufwändiger und zeitraubender Treffen mit Anwesenheit kommen wegen Corona schwer in Mode. Und in Familien entpuppen sich Digitalmuffel plötzlich zu Fans moderner Technik. „Skype“ oder noch besser „Zoom“ werden Allgemeingut. Oma und Opa treffen sich mit den Enkeln am Bildschirm, auch Freundeskreise oder Stammtische verabreden sich zum Plaudern per „Zoom“. Das ist zwar nur Behelf, aber besser als nichts, wenn man sich sonst nicht sehen kann.

Corona bringt noch mehr Erfreuliches. So regt eine Leserbrief-Schreiberin aus Moormerland an, dass Kinder wieder mehr mit dem Fahrrad zur Schule fahren sollten – statt sich und andere in überfüllten Bussen anzustecken.

Nicht mit Corona zu tun hat eine Geschichte aus Norddeich, wo die Hundepromenade verlegt werden soll – mit der Folge, dass Hunde dort nicht mehr in der Nordsee baden können. Das führt zu Protesten und Demonstrationen ihrer Halter. Und verleitete die Süddeutsche Zeitung zu einem „Streiflicht“, eher nicht gedacht für eingefleischte Hundefans:

„Die Kurdirektorin will den Strand in den Masterplan Wasserkante einbinden und unter anderem eine künstliche Lagune anlegen, wo dann sterbensbleiche Holländer Südsee spielen, während die Hunde in die Röhre schnüffeln. Deren Strandleben soll auf einer eingezäunten Wiese stattfinden, ohne Zugang zum Meer, ohne Möglichkeit, Bälle aus dem Wasser zu apportieren, vor schlafenden Badegästen das nasse Fell auszuschütteln oder einen Flirt mit dem Seehund zu beginnen.“ Stammgäste mit Hund in Norddeich haben eben so ihre Probleme. Wenn es die einzigen wären: Corona könnte bleiben.     

Damit es glimpflich bleibt

Sonntag, Mai 24th, 2020

Bislang ist Ostfriesland vergleichsweise glimpflich durch die Corona-Krise gekommen. Das ist aber kein Grund, diesen erfreulichen Zustand aufs Spiel zu setzen. Zum Beispiel den Schlaumeiern auf die Leimrute zu gehen, die Virologie mit dem Einmaleins verwechseln.

Sie rechnen mit Blick auf die Corona-Statistik vor, dass die Gefahr, sich anzustecken, hierzulande lächerlich gering sei. Schutzmasken könne man deshalb in den Müll werfen und Abstandsregeln seien Freiheitsberaubung. Damit verkennen sie Ursache und Wirkung.

Ostfriesland kommt bisher einigermaßen über die Runden, weil die meisten Leute sich an die Regeln halten. Und weil zum Beispiel der Großbetrieb VW über Wochen geschlossen blieb (wegen Material-Lieferengpässen und Absatzflaute). Und weil frühzeitig der Großbetrieb Meyer-Werft entschlossen und präzise die Arbeitsabläufe den Corona- Erfordernissen anpasste. Und weil Handel und andere Dienstleister nach den Lockerungen deutlich die Wege und Abstände in den Läden markieren.   

Noch etwas spielt eine Rolle: Ostfriesland ist dünn besiedelt, es gibt keine Großstädte mit U- und Straßenbahnen und großen Bahnhöfen. Außerdem reisen nur wenige Ostfriesen zum Skifahren in die Alpen, so dass sie von dort keine Covid19-Viren einschleppen konnten. Die hier registrierten Fälle hatten fast alle dort ihre Ursprünge.

Corona ist nicht die erste weltweite Seuche (Pandemie), die Ostfriesland zu schaffen macht. Bekannt ist die „Spanische Grippe“, an der allein 1918 in Deutschland fast ein Viertel der Menschen erkrankt waren und 350.000 starben. Die Seuche wurde damals von der Heeresleitung und zivilen Behörden verschleiert – um die Kampfmoral von tausenden infizierten Soldaten nicht zu schwächen. Außerdem war das Gesundheitssystem mit der Seuche überfordert. Es gab keine Intensivbetten oder Notlazarette, kaum Krankenwagen und keine Atemschutzmasken. Die Seuche grassierte ungebremst. Es gibt nur wenig Literatur über die „Spanische Grippe“ in Ostfriesland.

Unsere Vorfahren im 16. Jahrhundert hatten die Pest am Hals. So schreibt Martin Tielke von der Ostfriesischen Landschaft über den damaligen Arzt Jacobus Cornicius:

„Als große und übervölkerte Hafenstadt war Emden für die Pest in besonderer Weise anfällig. Und diese erwies sich hier in der Tat als der apokalyptische Reiter, als den Dürer sie darstellt: Die Pest hat die ostfriesische Stadt in der Mitte des 16. Jahrhunderts in mehreren großen Wellen heimgesucht und forderte … zahlreiche Opfer; eine anonyme Quelle nennt beispielsweise für die Epidemie des Jahres 1575 … die Zahl von 6000 Toten. So ist es kein Wunder, daß der von der Stadt bestellte Arzt sich Gedanken über Verhütung und Bekämpfung dieser Seuche macht. Neigten die Pastoren dazu, sie als „Heimsuchung“ und „Strafe Gottes“ anzusehen, so war Cornicius Humanist und Naturwissenschaftler genug, um derartige Bangemachereien beiseite zu lassen und nüchtern die gegebenen Möglichkeiten abzuwägen…. Selbstverständlich konnte Cornicius nicht die wahre Ursache der Seuche kennen…Aber er weist auf die Bedeutung der Hygiene hin.“

Was lehrt uns das? Besonders in Seuchenzeiten ist Hygiene das Gebot der Stunde. Übersetzt in Corona-Deutsch: Hände waschen und desinfizieren, Schutzmaske anlegen und Abstand halten. 

Warten auf bessere Zeiten

Samstag, Mai 9th, 2020

War eigentlich was? Vor ein paar Tagen noch war fast alles zu, nichts los auf den Straßen. Heute reden alle von Öffnungen. Wie vorher soll es sein. Nur die Kanzlerin und einige Virologen mahnen unverdrossen zur Besonnenheit und erinnern daran, dass Covid-19 sich so leicht und schnell nicht geschlagen gibt.

Unsereins gibt zu, von Viren und Epidemien wenig Ahnung zu haben und auf Wissen und Rat der Fachleute angewiesen zu sein. Er hat in seinem Beruf gelernt, nicht alles zu glauben, aber alles für möglich zu halten – und die Dinge so zu betrachten, wie sie sind. Es ist, wie es ist. Aber wie ist es?

So nährt ein Blick auf die reichen Volkswirtschaften die Hoffnung, dass es mit etwas Glück keinen wirtschaftlichen Niedergang zu geben braucht, wie ihn Unkenrufer herbeischwören. Regierungen trotzen mit Billionensummen der Krise. Im Gegensatz zur Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren gibt es heute funktionierende Sozialstaaten.

Dazu gehört unser Land. Doch wie die Regierung das Geld ausgibt, ist nicht in jedem Fall unstrittig. Ein Beispiel, das auch Ostfriesland angeht: Prämien für den Autokauf, ja oder nein? Größter Arbeitgeber hier ist das VW-Werk Emden. Noch hat die Regierung die Kaufprämie nicht beschlossen. Das ist gut so. Denn nach Ansicht der meisten Fachleute bringt sie nicht viel, wie schon 2009 die Abwrackprämie bewiesen hat. Sie würde vor allem ausländischen Autofabriken helfen.

Ohnehin ist offen, ob die Autoindustrie es überhaupt nötig hat. So hocken VW, Daimler oder BMW auf milliardenschweren Polstern. Trotzdem greifen sie Kurzarbeitergeld ab. VW zahlte noch vor wenigen Wochen seinen Mitarbeitern Boni von je 6.000 Euro, von Manager-Boni und Dividenden nicht zu reden. Mit einer Kaufprämie würde der Staat dem Konzern einen Teil der Entschädigungen und vermutlich anstehenden Geldstrafen wegen Betrugs an Autokäufern (Dieselskandal) indirekt teilweise gegenfinanzieren.

Deshalb ist es eine Überlegung wert, nicht die Autokonzerne mit Prämien zu pampern, sondern den Tourismus direkt zu unterstützen, der mehr Menschen beschäftigt als die Autobauer. Oder das Gastgewerbe. Oder die Bauwirtschaft und ihre Neben-Handwerke. Das Geld bleibt praktisch in der Nachbarschaft. Oder Kommunen unter die Arme greifen, damit sie den Digitalpakt schnell umsetzen können – sprich, die Schulen für digitales Lernen fit zu machen. Ein Manko, das sich in der Coronakrise schmerzlich bemerkbar macht.

Auch im Kleinen bietet sie Chancen. Blicken wir nach Leer in die Fußgängerzone, die dringend saniert werden muss. Die Stadt möchte jetzt mit dem ersten Bauabschnitt beginnen. Doch ausgerechnet die Werbegemeinschaft bremst. Sie sagt, das werfe den Handel gerade in der Krise noch weiter zurück.

Doch betroffene Kaufleute sehen das ganz anders: Die Stadt solle den Umbau sofort in der ohnehin flauen Zeit durchziehen – damit nach überstandener Krise alles gut und schön ist. Das klingt logisch, denn die Leute kaufen zurzeit nur das Nötigste. Kurzarbeit, Virusangst und Maskenpflicht dämpfen die Kauflust.

Erst müssen die Zeiten sich wieder bessern. Um die Strecke bis dahin einigermaßen zu überstehen, der Tipp von Bernhard Kroon aus Beschotenweg, der in Shanghai lebt und arbeitet: „Je mehr Leute sich an die Regelungen halten, desto schneller geht die Krise vorbei.“