Archive for the ‘Kultur’ Category

Kluge Entscheidung

Sonntag, Mai 17th, 2020

Weltgeschichte ist manchmal auch Dorfgeschichte. Dann bekommt sie plötzlich ein Gesicht, das man kennt. Es kann ein schönes sein, aber genauso eine Fratze. So geschehen in den vergangenen Monaten in Völlen. Was im Dorf kaum jemand wusste: Ihr einstiger Mitbürger Johann Niemann ist ein Massenmörder, verantwortlich für den Tod von hunderttausenden Menschen in SS-Vernichtungslagern in Polen während des zweiten Weltkriegs und vorher in Behinderten-Einrichtungen in Deutschland.

Ein Heimatforscher und professionelle Historiker enttarnen ihn. 75 Jahre nach Kriegsende erscheint darüber ein Buch: „Fotos aus Sobibor – Die Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus“.  Ein eher harmlos klingender Titel, ein Zeugnis der Banalität des Bösen.  

Eine spezielle Völlener Geschichte? Eigentlich könnte sie überall spielen, denn die Massenmorde in der Nazizeit wurden ja nicht von Hitler oder Himmler persönlich verübt, sondern von Menschen wie du und ich, die ganz normale Verwandte, Nachbarn, Freunde oder Arbeitskollegen waren. So wie Johann Niemann in Völlen.

Er lernt Maler, meldet sich zur Schutzstaffel (SS) der NSDAP, macht Karriere bis zum SS-Untersturmführer. Zunächst arbeitet er als Wächter im KZ Esterwegen, später in Krankenheimen, wo er Behinderte vergast und verbrennt (Euthanasie). Das qualifiziert ihn für eine neuartige Aufgabe im Vernichtungslager Belzec in Polen, 1941 eingerichtet als Folge des Hitler-Befehls, alle polnischen Juden umzubringen. Im September 1942 wird Niemann ins nahe Lager Sobibor versetzt. In Belzec ist er bei 250.000, in Sobibor bei 185.000 vergasten und verbrannten Juden, Sinti und Roma dabei. Als stellvertretender Lagerkommandant. Am 14. Oktober 1943, bei einem Aufstand im Lager, schlägt ihm ein Zwangsarbeiter mit einer Axt den Schädel ein.

Die Völlener gravieren nach dem Krieg seinen Namen auf ein Denkmal, das die Gefallenen und Vermissten beider Weltkriege aufführt. Es steht neben der Kirche und gehört dem Bürgerverein Völlen, der es auch pflegt.

Was tun mit dem Namen Johann Niemann auf dem Denkmal? Auf diese Frage fand der Bürgerverein mit seinem Vorsitzenden Günther Eden eine Antwort. Die Rheiderland-Zeitung berichtete gestern darüber. Mit Hammer und Meißel den Namen einfach herauskappen, wie nicht wenige Völlener vorschlagen? Auch der von Eden angefragte Zentralrat der Juden rät, den Namen zu tilgen. Verständliche Reaktionen.

Doch der Bürgerverein, der sich eng mit dem Völlener Pastoren Heino Dirks abstimmte, entschied anders. Er stellt sich offen der Geschichte. Aus dem Denkmal macht er ein Mahnmal. „Unseren gefallenen Helden“ ersetzte er bereits durch ein „Nie wieder“ über den Namen der Toten. Ein meilenweiter Unterschied.

Niemanns Name wird demnächst durch Plexiglas bedeckt, mit Hinweis auf eine Info-Tafel neben dem Denkmal. Deren Text skizziert die Lage der toten Soldaten, „über deren Überzeugungen und Schuldverstrickungen wir wenig wissen“. Doch Niemann sei nachweislich ein „überzeugter Täter“ gewesen, „direkt für den Tod von unzähligen Juden, Sinti und Roma und behinderten Menschen verantwortlich“. Niemanns Name bleibt stehen, so Eden, „weil man die Erinnerung an seine unsäglichen Verbrechen nicht einfach auslöschen darf“.  Eine geschichtsbewusste, verantwortungsvolle, kluge, auch mutige Entscheidung.

Schwer zu verstehen

Samstag, März 21st, 2020

Sprechen und verstehen ist komplizierter als man denkt. Der eine sagt etwas und der andere versteht etwas ganz anderes. Zwischen Sender und Empfänger gibt es Störquellen.

Das Problem benennt der Verhaltensforscher Konrad Lorenz – ja, der Mann mit den Graugänsen- mit diesen Worten: „Gesagt heißt nicht immer gesagt, gesagt heißt nicht immer gehört, gehört heißt nicht immer verstanden, verstanden heißt nicht immer einverstanden, einverstanden heißt nicht immer angewendet, angewendet heißt nicht immer beibehalten.“

Das muss man erst mal sacken lassen – ehe man sich der Frage nähert, die sich in Zeiten des Corona-Virus aufdrängt. „Zu Hause bleiben“ – was ist daran eigentlich schwer zu verstehen? Hochqualifizierte Wissenschaftler, die sich mit Viren auskennen, im Gegensatz zu uns Normalsterblichen, sagen gebetsmühlenartig: „Bleibt zu Hause.“ Und malen Konsequenzen aus, wenn man sich unter Leute mischt. Verantwortungsbewusste Politiker nehmen die Wissenschaftler zum Glück ernst. Sperren Schulen, Kitas und Läden, machen Milliarden-Hilfen locker – um Menschen zu schützen und zu helfen.

Doch relativ viele kümmern sich einen feuchten Kehricht um Verordnungen und Appelle. So wundert sich der mittlerweile bekannte Top-Virologe Christian Drosten aus Berlin, dass noch immer   Menschen in Gruppen zusammenhocken, fröhlich Eis essen oder Partys feiern.  Zwar drückt der Wissenschaftler sich vornehm-zurückhaltend aus, aber er meint: Diese Leute haben nicht alle Latten am Zaun.

Man muss gar nicht bis nach Berlin gehen. Der Gästeansturm vor einigen Tagen in Ditzum war bemerkenswert. Oder Tausende fahren auf die Inseln, um Betriebs- und Schulschließungen als Corona-Urlaub zu genießen. Oder Menschen drängeln sich in Leer in Cafés. Der Emder Oberbürgermeister muss gar mit Ausgangssperre drohen, um Leute zur Besinnung zu bringen.

Abstand halten im Supermarkt? Keine Spur. Der Verkäuferin oder Kassiererin ins Gesicht husten? Keine Seltenheit. „Sie glauben gar nicht, was sich hier abspielt“, sagt eine Verkäuferin in Leer. Kein Wunder, dass die Regierung wohl bald die Notbremse zieht. Sie heißt Ausgangssperre. Dann ist Schluss mit lustig.

Einen Vorgeschmack liefert Italien. Der deutsche Journalist Walther Lücker, der seit Jahren in Südtirol lebt, schreibt in Facebook, was sich in Italien tut, vergleicht es mit Deutschland. Denn Ähnliches droht auch hier.

Einige Auszüge: „Fast drei Wochen sind wir schon daheim geblieben. Fürchterliche Szenen spielen sich in den Krankenhäusern ab… Derweil diskutiert man in Deutschland immer noch darüber, wie weitreichend Maßnahmen denn überhaupt gehen sollen.“

Lücker lobt die Disziplin der sonst so lebenslustigen Italiener in der Ausgangssperre: „Undenkbar, Corona-Partys wie in Deutschland. Undenkbar diese irrsinnigen Hamsterkäufe und Sturmläufe voller Aggressivität auf die Supermärkte.“ Und weiter: „Nicht vorstellbar diese Ignoranz der Tatsachen wie in Deutschland. Den Italienern und uns hier in Südtirol wurde früh und sehr deutlich erklärt, was auf dem Spiel steht und wie wir das bewältigen können. Das haben die Menschen binnen Stunden verstanden. Und das lag am Willen der Menschen. Sie wollten verstehen.“

Womit wir wieder bei der Frage gelandet sind. „Zu Hause bleiben“ – was ist daran so schwer zu verstehen?

Der Massenmörder

Sonntag, Februar 2nd, 2020

Nichts Ungewöhnliches: In Völlen, einem Dorf zwischen Leer und Papenburg, steht vor der Kirche ein Denkmal mit den Namen getöteter Soldaten des II. Weltkriegs. Eingemeißelt heißt es dort „Zu Ehren unserer gefallen Helden 1939-1945“. Der Begriff Helden ist in der ersten Nachkriegszeit noch üblich. Später setzt sich der Gedanke durch, dass es damit wohl doch nicht so weit her ist. Aber das ist Geschichte.

Seit Jahrzehnten legen die Völlener am Volkstrauertag ihre Kränze am Denkmal nieder und gedenken der Toten. Ohne zu wissen oder, wer vielleicht doch etwas wusste, ohne zu sagen, dass ein Name dort nicht hingehört: Johann Niemann, kein Soldat, sondern Untersturmführer der „Schutzstaffel“ (SS) der NSDAP. Gegründet 1923 als Leibgarde Adolf Hitlers, kommandiert sie im Nazi-Reich die Polizei und die Geheimdienste. Sie verantwortet die Ermordung von Millionen Menschen in Vernichtungslagern und zahlreiche Kriegsverbrechen.

Johann Niemann aus Völlen, geboren 1913, meldet sich 1934 freiwillig zur SS, als Wächter im Konzentrationslager (KZ) Esterwegen. Der Malergeselle macht Karriere. 1939 wird er in die Kanzlei Hitlers nach Berlin bestellt, wo er und andere erfahren, was die Nazis unter „lebensunwertem Leben“ verstehen: die „Aktion T4“. Sie sieht die Ermordung vor allem geistig Behinderter vor. Niemann arbeitet zwei Jahre in drei Krankenheimen, die zu Mordanstalten umgebaut werden. Er holt Leichen aus Gaskammern und schiebt sie in Verbrennungsöfen.

Mit diesem „Fachwissen“ qualifiziert er sich für eine neuartige Aufgabe im Vernichtungslager Belzec in Polen, 1941 eingerichtet als Folge des Hitler-Befehls, alle polnischen Juden umzubringen. Im September 1942 wird Niemann ins nahe Lager Sobibor versetzt. In Belzec ist er bei 250.000, in Sobibor bei 185.000 vergasten und verbrannten Juden, Sinti und Roma dabei. Als stellvertretender Lagerkommandant.

Am 14. Oktober 1943 stirbt Niemann, weil ihm bei einem Aufstand im Lager ein Zwangsarbeiter mit einer Axt den Schädel einschlägt.

Mehr als 60 Jahre bleibt Niemann eine Randnotiz der NS-Zeit. Bis vor wenigen Jahren dem Heimatforscher Hermann Adams aus Ihrhove in einem Buch über Sobibor der Name Johann Niemann auffällt. Er macht sich kundig über dessen NS-Leben und stößt auf den Nachlass von Niemann im Haus eines Enkels in Völlen. Dieser überlässt dem Bildungswerk Stanislaw Hantz den Nachlass, darunter Fotos. Historiker veröffentlichten darüber jetzt ein Buch.

Dass die Fotos überhaupt vorhanden sind, liegt am frühen Todesdatum. Später hätte Niemann sie vermutlich vernichtet.  Doch die SS schickt seine Sachen der 22-jährigen Witwe nach Völlen, darunter Sparbücher, die er sich unter den Nagel gerissen hat, zwei Fotoalben und lose Bilder. Insgesamt 361. Sie zeigen, wie Niemann privat in den Lagern lebt. Keine Spur von Häftlingen. Historiker sprechen von einem „Sensationsfund“. Von einem „ausführlichen und einzigartigen Einblick in Lebensweg und Selbstdarstellung eines NS-Täters, für dessen Taten das Wort Massenmörder verharmlosend erscheint“.

Das Buch findet weltweit Beachtung – auch weil zwei Fotos den verurteilten Massenmörder John Demjanuk zeigen, von dem es sonst keine Bilder gibt. Er streitet vor Gericht alle Vorwürfe ab und stirbt vor Rechtskraft des Urteils.

Viele Völlener fragen sich jetzt, was sie mit dem Namen Johann Niemann auf dem Denkmal machen sollen.

Keiner kommt daran vorbei

Sonntag, Dezember 8th, 2019

„An Jesus kommt keiner vorbei“, stand mal auf der Werbewand einer Sekte im Ruhrgebiet. Das wollte ein Fußballfan mit Witz so nicht gelten lassen. Er malte darunter „Außer Libuda“. In Fußballerkreisen bis heute eine beliebte Geschichte. Wer sich nicht so auskennt: Dem begnadeten Dribbler „Stan“ Libuda lagen einst die Fans in Dortmund und auf Schalke zu Füßen.

Um im Bild zu bleiben: An Weihnachten kommt garantiert keiner vorbei. Nicht mal Libuda.   Spätestens Mitte November wirft der Handel die Werbemaschine an. Es ist nur eine Frage der Zeit, wie lange der Totensonntag und der Volkstrauertag vom Weihnachtsrummel verschont bleiben. Dann ist der Weihnachtsmarkt entfesselt.

Bevor wir hier falsch verstanden werden: Gemeint sind nicht die vielen kleinen Weihnachtsmärkte, die von Vereinen, Gruppen oder Kirchen mit ehrenamtlichem Eifer und Idealismus ausgerichtet werden, meistens für gute Zwecke. Sei es in Weener, Bunde, Stapelmoor, Ditzum, Möhlenwarf, Jemgum oder der „Wiehnachtsmarkt achter d`Waag“ in Leer.

Gemeint ist der Jahrmarkts-Rummel hinter Tannenfassaden in den Zentren großer und mittlerer Städte. Ohne zu sehr in Kulturkritik zu verfallen, lässt sich eines feststellen: Dem Handel ist es gelungen, die Sehnsucht der Menschen nach Weihnachten voll für seine Zwecke zu nutzen und das Fest zu kommerzialisieren. Ja, Kaufrausch zu erzeugen.

Ganz schlaue Kaufleute gehen offen damit um. Bei Lebkuchen Schmidt aus Nürnberg, einem der besten und größten Lebkuchenbäcker Deutschlands, lesen wir: „Mit Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu Christi und damit die Ankunft Gottes in der Welt. Die kurze Antwort auf die Frage, wem wir Weihnachten verdanken ist also: Jesus.“ Die frohe Botschaft als Appetitanreger fürs große Geschäft.  

Die Werbegemeinschaft Leer stimmt die Kunden irdischer auf die langen Einkaufsnächte im Advent ein. „Voll, voller, am vollsten“ lockt sie. Demnach ist der Mensch ein geselliges Wesen – und kauft gern dort ein, wo – Zitat – „mächtig viel los“ ist. Um es mit Werbegemeinschafts-Chef Johannes Poppen zu sagen: „Auf dem Weihnachtsmarkt herrscht immer großes Gedränge.“ Trotzdem: Nach seinen Worten „lässt es sich wunderbar auf dem Weihnachtsmarkt verweilen“. Wer sich überzeugen möchte: Heute Abend ist es wieder „voll, voller, am vollsten“.

Der Weihnachtsmarkt in der Innenstadt von Leer sorgt für (nötige) gute Umsätze. Aber er wirft auch Schatten. Gastwirte können ein Lied davon singen. Sie stellen an Adventswochenenden sogar Türsteher ein, die Betrunkene abweisen und Rücksäcke und Taschen nach mitgebrachtem Bier, Cola und Schnaps kontrollieren.

 „Das Benehmen lässt nach, die Aggressivität wächst“, sagt ein Wirt. Gäste versauen Toiletten, zerstören Sitzbänke, sind übergriffig zu weiblichen Servicekräften, zertrümmern oder stehlen Gläser. „Von 40 Kölsch-Stangen hatte ich bald nur noch drei“, erzählt ein Wirt. Ein Gast, der mitgebrachtes Bier trinkt, spuckt ihm ins Gesicht.

Eine Frau wirft dem Wirt eine Kippe vor die Füße und tritt sie aus: „Ist ja gefliest unten.“ Andere Gäste zerdeppern ein Glas und bleiben bewusst in den Scherben stehen, als die Bedienung dort fegen will. Ein anderer reißt in der Toilette Kabel aus der Wand, schließt sie kurz, im dunklen Lokal liegen auf den Tischen Bierdeckel voller Verzehrstriche. Frohe Weihnachten.

Borkums schwere Last

Samstag, September 7th, 2019

Borkum ist eine schöne Insel, wo viele Urlaub machen. Aber auf Borkum lastet auch eine Hypothek, die aus dem auslaufenden 19. Jahrhundert datiert und formal 1945 mit dem Untergang des Nazi-Reichs endet. Nachfahren tragen die Hypothek langsam ab. Sichtbares Zeichen ist ein Mahnmal aus dem Jahr 2014.

Borkum steht für den „Bäder-Antisemitismus“. Die Insel setzt sich früh mit aktiver Judenfeindschaft an die Spitze. Sie rühmt sich als erste in Deutschland gleich nach dem 1. Weltkrieg als „judenfrei“ und macht damit Reklame. Der Hamburger Historiker Frank Bajohr dokumentiert dies in einem Buch über den Bäder-Antisemitismus. Wegen aktueller  Übergriffe gegen Juden in Deutschland findet es wieder Aufmerksamkeit.

Borkum war ein Synonym für Judenfeindlichkeit. Der Kurort Zinnowitz eiferte den Ostfriesen als „Borkum der Ostsee“ nach. Laut Bajohr „mutierte die Insel zeitweise zum antisemitischen Tollhaus, das reichsweit Aufsehen erregte“. 1935 wirbt sie gar mit ihrer “rasseformenden Nordseeheilkraft“. Ausnahme unter den „judenfreien“ Inseln Ostfrieslands ist nur Norderney.

Als Ursache des Bäder-Antisemitismus beschreibt Bajohr den Sozialneid. Borkum mit damals schwacher touristischer Infrastruktur hebt sich damit bewusst von Seebädern wie Norderney ab, wo Adlige und weltoffenes höheres Bürgertum sich aufhalten, darunter wohlhabende Juden. „Arme“ Bäder nutzen die Judenfeindschaft ihrer Gäste aus dem Milieu der kleinen und mittleren Beamtenschaft gezielt aus und kitzeln deren Sozialneid. Judenfeindschaft als Wirtschaftsfaktor. Ein Erfolg.

Die Judenfeindschaft Borkums geht auch in die Justizgeschichte ein. Der Borkumer Gemeinderat spricht sich 1919 gegen ein Verbot des „Borkum-Liedes“ aus, das Gäste damals jeden Tag singen:  „An Borkums Strand nur Deutschtum gilt, nur deutsch ist das Panier//..// Doch wer dir naht mit platten Füßen, mit Nasen krumm und Haaren kraus, / der soll nicht deinen Strand genießen. Der muß hinaus, der muß hinaus! Hinaus“. Die kommunale Kurkapelle spielt die Melodie.

Der Regierungspräsident in Aurich lässt die Borkumer gewähren. Doch Gustav Noske, SPD, Oberpräsident der preußischen Provinz Hannover,  weist 1920 das Rathaus an, der Kapelle das Abspielen der Melodie zu verbieten. Das kümmert die Borkumer nicht. Der Emder Landrat Bubert, SPD, geht dann polizeilich gegen die Kapelle vor und entlässt den Kurdirektor, der dagegen klagt. Das Amtsgericht Emden sieht im Verbot und in der Entlassung eine „vollendete Rechtsbeugung“. In einer einstweiligen Verfügung untersagt es dem Staat Preußen bei Androhung von 100.000 Goldmark Strafe, das Musizierverbot durchzusetzen. Das Preußische Oberverwaltungsgericht bestätigt das Urteil.

Das ist Wasser auf die Mühlen des Borkumer lutherischen Pastors Ludwig Münchmeyer, eines antisemitischen Hasspredigers. 1926 entlässt ihn die Landeskirche. Das Schöffengericht Emden bestätigt in einem Urteil sexuelle Übergriffe des Pastors, später erfolgreicher NSDAP-Redner und Mitglied des Reichstags. 

Ganz großes Kino

Montag, August 19th, 2019

Zwei Festivals für klassische Musik gleichzeitig im Sommer im kleinen Ostfriesland – die „Gezeitenkonzerte“ und der „Musikalische Sommer“. Jeweils mit mehr als 30 Konzerten. Einmalig. Und beide strahlen weit über die Grenzen, der NDR und der Deutschlandfunk schneiden einige Konzerte mit und senden sie, gelegentlich sogar direkt. Mit solch einem Angebot wartet kaum eine andere ländliche Region vergleichbarer Größe auf.

Veranstalter der „Gezeitenkonzerte“ ist die Ostfriesische Landschaft, den „Musikalischen Sommer“ trägt eine gemeinnützige GmbH unter Führung der Musikerfamilie König aus Aurich. Seit 1983 gibt es den „Musikalischen Sommer“, gegründet und künstlerisch geleitet von Wolfram König in Aurich, mittlerweile gestorben.

2008 schließen König und die Landschaft einen Vertrag zur Zusammenarbeit, um das Festival auf stabilere Füße zu stellen. König kümmert sich um die Kunst, die Landschaft um die Organisation. Aber das Glück endet schnell. 2011 kommt es zum erbitterten Streit um Geld und Kompetenzen, der vor Land- und Oberlandesgerichten ausgefochten wird. Das Ende vom Lied: Familie König macht allein weiter mit ihrem „Musikalischen Sommer“, die Landschaft gründet die „Gezeitenkonzerte“, die jetzt zum achten Mal über die Bühne gingen.

Die wichtigsten Förderer unterstützen die „Gezeitenkonzerte“. Hauptsponsor ist die Ostfriesische Landschaftliche Brandkasse. Mit von der Partie sind die Ostfriesischen Volksbanken, EWE-Stiftung, Stiftung Niedersachsen, Aloys-Wobben-Stiftung, Dirks Group, Enova, Elektrotechnische Werke Rolf Janssen, Frisia Möbelteile oder Thiele Tee. VW stellt Fahrzeuge bereit, das Land  Niedersachsen und der NDR fehlen nicht.

Hauptförderer des „Musikalischen Sommers“ ist die Aloys-Wobben-Stiftung. Dahinter steht der Windenergie-Konzern Enercon. Außerdem zählen  Unternehmen wie Upstalsboom-Hotels, Silomon-Mode, Fenster- und Türentechnik Schüt-Duis, Apotheker Russell, der NDR und das Land zu den Förderern oder Partnern. Schon der Vergleich der Förderer lässt ahnen, dass der „Musikalische Sommer“ für die Familie König ein finanzieller Kraftakt ist, der schwer zu stemmen ist. Sie hat dies sogar öffentlich anklingen lassen.

Die „Gezeitenkonzerte“ haben schon wegen der größeren Zahl potenter Sponsoren finanziell mehr im Rücken. Außerdem trägt das Eintrittsgeld zur Finanzierung der Konzerte bei. Die Landschaft stellt ihre Infrastruktur und das Personal zur Verfügung.

Beide Veranstalter haben Fördervereine an ihrer Seite. Die Landschaft zählt mehr als 700 Fördervereinsmitglieder, die ein Vorkaufsrecht haben. Das führt bereits zum Verdruss mancher Musikfreunde, die nur noch schwer an Karten kommen. Hält der Zulauf zum Verein  an, besteht die Gefahr einer geschlossenen Gesellschaft. Das kann sich eine Körperschaft öffentlichen Rechts wie die Landschaft nicht erlauben.

Wie auch immer: Ostfriesland kann sich der ungewöhnlichen Fülle hochklassiger Konzerte glücklich schätzen. Auch das Rheiderland profitiert in diesem Jahr wieder durch Konzerte in Kirchen in Weener und Ditzum sowie im Steinhaus Bunderhee. Nicht zu vergessen das grandiose Abschlusskonzert in Bunderhee auf dem „Polderhof“ von Helmuth Brümmer (Enova), der den Reitstall für 1.400 Zuhörer wieder zu einem hervorragenden Musiksaal umfunktioniert hat. Ganz großes Kino.

Konfliktherde

Samstag, Juni 8th, 2019

Die Vergangenheit vor der Zukunft retten – das misslingt meistens, und ist auch gut so. Doch schade ist es dann, wenn etwas aus dem Ruder läuft und man es nicht herumreißen kann. Wie bei markanten Häusern, die einst Dörfern ein Gesicht gaben, das Leben der Menschen mitprägten und plötzlich nutzlos schienen.  

Jan Brandt aus Ihrhove, erfolgreicher Schriftsteller in Berlin, schrieb darüber ein Buch. Er schildert minutiös, wie er scheitert, das Haus seines Urgroßvaters in Ihrhove vor dem Abriss zu retten. Der neue Eigentümer, ein Bauunternehmer, hat kein Interesse, den früheren Gulfhof zu erhalten – und Brandt nicht genug Geld, es zu kaufen. Mit einem Neubau lässt sich eben mehr Rendite machen. Das Ende vom Lied: Wo einst der ortsprägende Gulfhof stand, steht jetzt eines dieser hässlichen Schuhkartons, die sich Wohnhäuser nennen.

Brandt fühlt es als „Verlust der Heimat“. Das Haus, mit dem er seine Jugend verbindet, war für ihn „ein  Anker, etwas Unverrückbares“. Auf den ersten Blick könnte man es als nostalgische Zuckung eines Schriftstellers werten, den es nach Berlin gezogen hat – wo er wie tausende anderer Zuwanderer riesige Schwierigkeiten hat, überhaupt eine Wohnung zu finden. Dies beschreibt er im zweiten Teil des Buches.

Was der Schriftsteller in seiner Heimat Ihrhove erlebt, ist kein Einzelfall. Es lässt sich auf viele Dörfer übertragen. Ein ähnlicher Klassiker über den Wandel eines Dorfes spielt sich zurzeit direkt auf der alten Gemeindegrenze von Möhlenwarf und Beschotenweg ab – mit der früheren Bäckerei und dem Kolonialwarenhandel Lokers und dem Wirtshaus „Zum alten Bahnhof“ im Mittelpunkt. Kneipe, Vereinslokal der Sportfreunde Möhlenwarf, Viehwaage, Bäckerei und Laden – ein vergangenes kleines Zentrum dörflichen Lebens.

Die beiden Häuser stehen seit Jahren leer, die Umgebung sieht alles andere als schön aus. Verkommen eben. Doch jetzt droht die moderne Zeit. Verlockend sieht sie nicht aus. Das Haus Lokers soll angeblich saniert, das Wirtshaus abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Zweck der Investition: Wohnungen für 44 Monteure der Meyer-Werft. Der Kreisverwaltung liegt eine Bauanfrage vor, auch das Rathaus beschäftigt sich damit. Die Kommunalpolitik ist alarmiert.

Der Fall ähnelt dem von Brandt in Ihrhove, nur sind die Folgen einschneidender. Dr. Jan Lokers, Archivar in Lübeck, dessen Ur-Ur-Großeltern das Haus 1898 gebaut haben, möchte es gern erhalten und kaufen. Neulich jedoch schrieb er auf Facebook von „einem Fass ohne Boden, jedenfalls für meine Verhältnisse“. Schon im Januar meldete er sich dort zu Wort: „Warte noch auf einen Lottogewinn, um es zurückzukaufen und zu sanieren.“

Die Sache nimmt ihren unguten Lauf. Es sei denn, die Baugenehmigungsbehörden denken noch einmal nach. 44 Wohnungen für Monteure aus Rumänien oder Bulgarien, in einem Dorf ohne Infrastruktur für die freie Zeit, alle fremdsprachig, ohne Familie – da sind Konflikte programmiert.

In Stapelmoor, wo ebenfalls Monteure konzentriert untergebracht sind, gibt es bereits Ärger, der nicht unbedingt mit Fremdenfeindlichkeit gleichzusetzen ist. Missmut entsteht wie von selbst, wenn zu viele Menschen ohne kulturelle oder familiäre Bindung auf engem Raum in ein fremdes Umfeld verpflanzt werden. Ein Konfliktherd, der schon glimmt. 

Mannomann

Montag, Mai 20th, 2019

Das wär’s doch: Greta Thunberg wird Präsidentin der EU-Kommission. Sie ist jung, eine Frau und vor allem kein alter weißer Mann. Schon lösen sich die Probleme.  Das ist natürlich erkennbarer Unsinn, andererseits nicht mehr als ein grober Keil auf einem groben Klotz.

Als ob es keine anderen Sorgen gibt, bricht die Grünen-Kommunalpolitikerin Christine  Schmidt aus Emden in Ostfriesland eine Feminismus-Debatte vom Zaun – am Beispiel der Ostfriesischen Landschaft, deren Versammlung (Parlament) sie angehört. Richtig ist, dass dem achtköpfigen „Kollegium“ der Landschaft, dem Führungsgremium, nur Männer (Landschaftsräte) angehören. Nominiert von den freigewählten  ostfriesischen Kreistagen und dem Stadtrat Emden.

Das passt Frau Schmidt nicht, die nach eigenem Bekunden selbst gern Landschaftsrätin werden möchte. Sie vermisst die Gleichberechtigung, spricht von einer „Demaskierung der Männer“ und greift Landschaftspräsident Rico Mecklenburg persönlich an.  

Man kann die alt-ehrwürdige Landschaft sicher punktuell kritisieren, aber ihr bewusste Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen, ist weit überzogen. Denn dieses historische Vorbild an politischer Mitbestimmung und Selbstverwaltung hat sich von einer Ständeversammlung zu einem demokratisch-parlamentarisch verfassten Kommunalverband für Kultur, Wissenschaft und Bildung entwickelt. Vier ihrer sieben Abteilungen werden hauptamtlich von Frauen geleitet. Den zahlreichen Arbeitskreisen stehen fast ausschließlich Frauen vor.

Der Landkreis Leer zum Beispiel besetzt vier seiner sechs Sitze im Kulturausschuss mit Frauen, im Bildungsausschuss die Hälfte. Ohnehin ist in der Politik die Gleichberechtigungs-Diskussion langsam überholt. So nehmen im Landkreis Leer mit Gitta Connemann, CDU, und Hanne Modder, SPD, unangefochten zwei Frauen führende Positionen ein. Quote? Lächerlich.

Frau Schmidt zäumt die Mann-Frau-Debatte am falschen Pferd auf. Tatsächlich ist es ein tiefes gesellschaftliches Problem. Gelöst werden kann es nur im Alltag und am Arbeitsplatz.

Es geht schlicht darum, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Dafür müssen jahrhundertealte Rollenbilder verschoben werden. Das stellt auch die Unternehmensberatung BCG fest. Sie ruft, wie es gestern in der Süddeutschen Zeitung stand, Firmen auf, sich in die häusliche Aufgabenverteilung einzumischen. Denn zu oft belastet diese Arbeit nur die Mütter.

Wenn die Wirtschaft ernsthaft mehr Frauen in Führungspositionen bringen will, muss sie sich um die Last der häuslichen Verantwortung kümmern“, heißt es – auch wenn Firmen argumentieren, es gehe sie nichts an, was privat bei den Mitarbeitern geschieht.  Frauen schrecken oft vor anspruchsvolleren Positionen zurück, weil sie die Doppelbelastung aus Beruf und Haus überfordert.

Haus-Aufgaben sind ungleich verteilt.  Arbeitnehmerinnen sind meistens verantwortlich für die Wäsche, fürs Kochen, Saubermachen, Spülen und Einkaufen, selbst für Rechnungen, Finanzen und den Garten. 

Untersuchungen zeigen, dass Frauen weder durch Heirat oder Schwangerschaft beruflich an Ehrgeiz verlieren. Kurzum: Es ist die Doppelbelastung, die sie entmutigt – und eine auf männliche Karrieren fixierte Firmenkultur. Bis sich das ändert, ist auch Greta Thunberg reif für ein Präsidentenamt.

Der Nazi und das Schöne

Samstag, April 20th, 2019

Nolde kam einst nur bis Oldenburg. Erst Henri Nannen holte ihn nach Ostfriesland. Der  Gründer des „stern“ baute in den 1980er Jahren in Emden die Kunsthalle und stiftete ihr seine 650 Bilder-Sammlung, zu der auch ein Dutzend von Noldes Schätzen gehören.

Emil Nolde (1867 – 1956) zählt zu den Großen seiner Kunst. Er malte expressionistisch, was sich durch vereinfachte Formen, starke Pinselstriche und kräftige Farben ausdrückt. Sie sprechen Gefühle an.

Lange war es nur ein Gerücht, jetzt ist es bewiesen: Nolde war Nazi, sogar Parteimitglied, außerdem Antisemit und Rassist. Trotzdem verachteten die Nazis seine Bilder und kennzeichneten sie als „entartete Kunst“, die nirgendwo ausgestellt werden durfte.

Ein bekennender Nazi, der sich sogar bei Hitler und Goebbels einschmeicheln wollte und seinen Kollegen Max Pechstein als Juden denunzierte: Kann ein solcher Typ ein „entarteter Künstler“ gewesen sein? Kann ein Nazi moderne Kunst malen? Muss ein Künstler moralisch sauber sein? Kann man Kunst und Künstler trennen? Schwierige Fragen, auf die seit wenigen Tagen in Berlin die Ausstellung „Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus“ nach Antworten sucht.

Die Sache hat auch eine hochpolitische Seite, denn Kanzlerin Merkel ließ zwei Nolde-Bilder ohne Begründung in ihrem Amtszimmer abhängen und in die Ausstellung bringen – auf Nimmerwiedersehen. Das wirft nebenbei die Frage auf, ob sie richtig handelt oder sich lediglich auf billige Weise einer Diskussion verweigert. Wir sagen: Sie hat richtig gehandelt. Kunst eines Nazis hat im Kanzleramt nichts zu suchen, schließlich kommen dort  auch Staatsgäste zu Besuch. Antisemitismus und Ächtung jeglichen Nazitums jedoch gehören zur Staatsräson, zu den Genen der Bundesrepublik.

Für Museen gilt das nicht. Hier ist Auseinandersetzung mit der Geschichte angesagt. Museen können die Debatten befeuern. Diese Chance nutzen einige. Auch die Emder Kunsthalle denkt nicht im Traum daran, die Noldes im Keller und damit vor der Geschichte zu verstecken.   

Es ist verständlich, wenn Menschen gelegentlich vor den Turbulenzen der Welt fliehen und in Museen das Reine, Wahre und Schöne suchen. Dort finden sie es – möglicherweise auch dann, wenn sie wissen, dass der Künstler nach aktuellen moralischen Maßstäben ein Ekel oder Drecksack war. Verlieren Noldes Gartenbilder ihre Unschuld, wenn im Hinterkopf der Nazi und Judenhasser rumort? Könnte sein, schlimm wäre es nicht.

Das Problem trifft nicht nur die Malerei. Antisemitismus ist ein uraltes Übel. Richard Wagner war davon beseelt. Selbst in Johann Sebastian Bachs großartiger Johannespassion lassen sich im Chor antisemitische Tendenzen erkennen. Oder sollen die protestantischen Kirchen die Luther-Bibeln entsorgen, weil Luther dazu aufgerufen hat, die „Gottesmörder“ zu vernichten?  Auch Fans von Michael Jackson könnte das Gewissen beißen, weil ihr Held kinderschänderisch gehandelt hat.

Sagen wir es so: Kunst stellt sich dem Leben und der Geschichte. Wer über Ostern noch nichts vorhat, könnte sich Bild und Gedanken in der Emder Kunsthalle machen. Und prüfen, ob Goethe Recht hat:  „Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man verknüpft sich mit ihr nicht sicherer als durch die Kunst.“   

Auf ein gutes Neues

Samstag, Dezember 29th, 2018

Heute mal kurz aus dem Nähkästchen eines Journalisten geplaudert, ehe wir es ganz schnell wieder schließen. Themen für einen Kommentar liegen auf der Straße. Kein Problem für den Schreiber. Aber was erwarten die geneigten Leserinnen und Leser von einem Kommentar zwischen den Jahren? Ernstes, Heiteres, Besinnliches, eine Prise Folklore, einen Hauch Wehmut, etwas Beschauliches?

Oder dass früher Speckendicken und Rullerkes aus Omas Eisen viel besser schmeckten als vorgefertigte Waffeln vom Supermarkt, dass böllern mit Karbid mehr Spaß machte als die XXL-Palm-Effekt-Knister-Batterie „Power up“ von Lidl in die Luft zu jagen oder dass früher die Leute reihum durch die Nachbarschaft zogen und Kruiden tranken, während sie heute meistens in den eigenen vier Wänden hocken – alles schöne Themen. Sie berühren Gefühle, erinnern an Kindheit und Jugend, stimmen sentimental. In ihnen ruht der Zauber des Vergangenen.

Junge Journalisten – die RZ-Kollegen natürlich ausgenommen – schreiben mit wachsender Begeisterung über Dinge, die sie persönlich bewegen und deshalb für den Nabel der Welt halten. Daher könnte der Begriff Nabelschau stammen.

Doch die alte Journalisten-Schule lehrt genau das Gegenteil: Hände weg von Ich-Geschichten. „Sagen, was ist“ – dieses Leitmotiv machte das berühmte Magazin  „Spiegel“ einst bärenstark und steht in großen Buchstaben an der Wand des Verlags-Foyers. Was daraus wird, wenn sich Journalisten ihre eigene Welt zusammenreimen, erlebt dieser Tage der „Spiegel“, und mit ihm alle Medien – und es berührt das Rheiderland direkt.

Aber zurück zum Jahresend-Kommentar. Die Frage lautet: Was war 2018 die wahrscheinlich wichtigste Nachricht für Ostfriesland? Darüber lässt sich streiten, je nach Sichtweise. Die Antwort: VW stellt sein Werk in Emden auf Elektro-Autos um. Das geht alle an, ohne es gleich am 2. Januar zu spüren.

Warum steht diese trockene Nachricht hier auf Platz eins? Weil der digitale Wandel Ostfriesland schneller erreicht und radikaler wirken wird, als es sonst der Fall gewesen wäre. VW investiert Milliarden in den Umbau, es geht um Algorithmen, Roboter und – vor allem –  künstliche Intelligenz. Diese technologische Revolution wird nicht auf dem VW-Gelände eingemauert, sondern rollt die gesamte Wirtschaft auf, zunächst Zuliefer-Betriebe wie die Kautex Textron GmbH in Leer, die Tanks herstellt, die man bei einem E-Auto nicht mehr braucht.

Digitalisierung stellt den Arbeitsalltag auf den Kopf. Wie das aussieht, hat die Musikindustrie schon erlebt. CDs, Tonbänder oder andere Tonträger, die man anfassen kann, sind Vergangenheit, Kunden streamen Musik digital. Auch die Zeitungsbranche ist ein Beispiel für den digitalen Wandel. Bald stehen Banken und Versicherungen vor Umbrüchen, die auch Jobs kosten.

Andererseits: Es entstehen auch neue. Aber sie fallen keinem in den Schoß. Fatal wäre zu glauben, dass mit der Digitalisierung alles so weiter geht wie gewohnt – nur mit Internetanschluss.

Sehen wir es optimistisch: Die Milliarden-Investition von VW in Emden ist im Idealfall der Anstoß, dass alle Entscheider aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Kultur sich zusammenraufen und ein strategisches Konzept „Ostfriesland digital“ auf die Beine stellen und umsetzen. In diesem Sinne: Auf ein gutes Neues.