Archive for the ‘Sport’ Category

Gefahr im Pelz

Montag, März 11th, 2019

Sie tragen putzige Pelze und sehen harmlos aus. Aber der Schein trügt. Bisams und Nutrias sind eine Gefahr für die Sicherheit der  Deiche an der deutschen und holländischen Nordseeküste, an Kanälen und Flüssen. Sie wühlen in Deiche und Dämme gefährlich tiefe Löcher, bis in den Sandkern des Deiches – dann braucht nur eine Sturmflut gegen den Deich zu rollen, schon bricht er.

Die Niederländer wollen jetzt klar Schiff machen und Bisams und Nutrias ausrotten. Aus reinem Selbstschutz, denn ein Viertel des Landes liegt unter dem Meeresspiegel. Deiche  sind paradiesische Lebensräume für Bisams und Nutrias.

In Ostfriesland sieht es ähnlich aus. Weite Teile des Rheiderlandes oder der Krummhörn liegen unter null. Das Leda-Jümme-Gebiet oder das Emsland bieten dem Wasser der Flüsse ebenfalls weite Auslaufflächen.

Höhlen im Deich lassen bei Deichachten den Blutdruck steigen. Wer als Laie im Frühjahr und Herbst bei einer Deichschau mitmarschiert, staunt, dass selbst  Maulwurf- und Mäuselöcher protokolliert werden, um sie später zu füllen.

Bisams und besonders Nutrias graben Gänge von noch ganz anderem Kaliber. Momentan sind Bisams die größere Gefahr. Sie leben schon lange in Ostfriesland. Nutrias rücken nach. Bisams zählen zur Art der Mäuse und vermehren sich entsprechend. Bis zu 20 Jungtiere bekommt ein Paar pro Jahr.

Und jede Familie untergräbt die Stabilität der Deiche. In Holland hat man einen großen Bisambau mit Schaum ausgespritzt und ausgegraben – und dabei Gänge bis zu drei Meter in den Deich hinein gemessen. Von einer Familie.

Bisamfänger sind auch in Ostfriesland seit Jahren am Werk. Ihnen gingen 2018 im Landkreis Leer fast 11.000 Tiere in die Fallen. Es waren schon mal annähernd 15.000. Das liegt nicht daran, dass sich die Bisams nicht mehr wie einst vermehren. Der Grund ist Nachwuchsmangel bei den Fängern, die für jedes tote Tier vier Euro erhalten. Der Landkreis Leer und die Entwässerungsverbände teilen sich die Kosten.

Jährlich werden in Niedersachsen etwa 200.000 Bisams gefangen, das ist die Hälfte der Strecke im Bundesgebiet. Die Landwirtschaftskammer erledigt die Bisambekämpfung als Projekt im Auftrag des Niedersächsischen Umweltministeriums. Sechs hauptamtliche Bisamjäger achten auf Tier- und Artenschutz und schulen die insgesamt  1.000 Privatfänger.

Nutrias zu bekämpfen ist Sache der Jäger. Die zu den Stachelratten zählenden Tiere sind fast so groß wie Biber und wiegen bis zu zehn Kilo. In Niedersachsen gelten sie nicht als Schädlinge. Sie werden nicht ausreichend bejagt, beklagen jedenfalls die Holländer. Dort wandern die Tiere, die einst aus Osteuropa eingeschleppt wurden, immer wieder ein.

Nutrias sind für Deiche noch gefährlicher als Bisams. Selbst Naturschützer sehen ihre  Ausbreitung kritisch. Wegen der Höhlen können sogar zum Unterhalt der Deiche eingesetzte Fahrzeuge einbrechen, heißt es beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). „Die Bestandsreduzierung durch Abschuss ist daher zu intensivieren“, sagt in feinstem Behördendeutsch das Landwirtschaftsministerium in Hannover.

Die EU hat die Nutrias – ähnlich wie Waschbären – als eingewanderte fremde Art im Visier. Deswegen sitzen laut Bundesamt für Naturschutz (BfN) Experten an Managementplänen zur Eindämmung. Aber das kann dauern.

Mehr als ein Kreuzbandriss

Sonntag, Januar 7th, 2018

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Friedrich Schiller kannte seine Pappenheimer, als er dies aufschrieb. Es ist aktuell wie eh und je. Blicken wir nach Middels, einem Dorf, das zur Stadt Aurich gehört. So klein, dass praktisch alle Einwohner dort Nachbarn sind. Sie sind nicht alle fromm, aber zumindest ein paar böse leben unter ihnen. Man könnte „paar“ auch groß schreiben, denn Auslöser dieser Geschichte ist ein Elternpaar.

Es gibt schlimmere Geschichten, aber immerhin hat diese es bereits bis in Anwaltskanzleien und ins Amtsgericht gebracht. Das Betrübliche: Sie treibt einen Keil ins Dorf und besitzt gar das Zeug, dem Ehrenamt im ganzen Land einen Stoß in die Magengrube zu versetzen.

Worum geht es? Im August 2016 verletzte sich ein heute 13-jähriges Mädchen beim Handballtraining einer Schülermannschaft der HSG Middels/Plaggenburg. Das Kreuzband im Knie riss. Keine seltene Verletzung, aber schlimm genug. Sie nahm den gewohnten medizinischen Verlauf.

Doch damit endet die Geschichte nicht: Die Eltern des Mädchens verklagten den TSV Middels zivilrechtlich auf Schadensersatz. Begründung: Die Übungsleiterin hatte keine Lizenz. Sie war an dem Tag für die verhinderte eigentliche Übungsleiterin eingesprungen, die übrigens auch ohne Lizenz die Mannschaft trainiert.

Ein vom Amtsgericht angeordneter Gütetermin scheiterte bereits, bald folgt eine zweite. Endet auch sie erfolglos, muss ein Richter urteilen.

Der Fall TSV Middels erregt nicht nur die Gemüter im Dorf, sondern Vorstände, Übungsleiter, Aktive und Fans in Sportvereinen aller Art. Er besitzt Sprengkraft, deren Stärke bisher noch nicht abzuschätzen ist. Tatsache ist: Kaum ein Sportverein kommt ohne nichtlizenzierte Übungsleiter aus. Der Vorsitzende des Kreisfußballverbandes Aurich, Wilfried Neumann, schätzt, dass es 99 Prozent sind. Er fürchtet den „Tod des Jugendfußballs“, wenn die Eltern mit ihrer Klage durchkommen. Entsprechend sein Kommentar zum Verhalten dieses Paares: „Da fehlen mir die Worte.“

Es verhält sich ohne Zweifel im Wortsinne asozial, hochgradig eigennützig. Es schadet dem Gemeinwohl. Denn Sportvereine leisten ehrenamtlich einen wesentlichen Teil für die Volksgesundheit und tragen zur sozialen und gesundheitlichen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen bei.

Wer Sport treibt, verletzt sich gelegentlich. Das ist fast ein Naturgesetz. Egal, ob ein Übungsleiter mit oder ohne Lizenz an der Seite steht. Gerade beim Handball und in Hallen besteht Verletzungsgefahr. Versicherungstechnisch ist das kein Problem. Alle Sportler sind über ihre Vereine und diese über ihre Landessportbünde versichert: Unfall-, Haftpflicht- und Rechtsschutzversicherung.

Trotzdem könnte der Fall TSV Middels es den Vereinen noch schwerer machen,  Übungsleiter zu finden. Erst recht, wenn die Kläger vor Gericht erfolgreich sein sollten – auch wenn der beklagte Verein dann die Haftpflichtversicherung in Anspruch nehmen kann. Die Gefahr droht, dass Übungsleiter sich dem Stress von Klagen nicht aussetzen wollen, wenn diese wie ein Damoklesschwert über ihnen hängen.

Grundsätzlich sind Gütetermine gut. Hier jedoch wäre es besser, wenn auch der zweite scheitert und die Sache vor Gericht entschieden wird – von einem hoffentlich weisen Richter.

 

 

Land der Nichtschwimmer

Mittwoch, August 12th, 2015

Rein rechnerisch gesehen darf jedem vierten Jugendlichen und Erwachsenen eines nicht passieren: Ins tiefe Wasser fallen. Sie würden ertrinken. Denn 25 Prozent der Menschen über 16 können nicht schwimmen. Auch dieser Blick in die Statistik stimmt nicht heiter: Jedes dritte Grundschulkind kann sich nicht über Wasser halten.

„Wir werden ein Land der Nichtschwimmer“, stellt die Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG) fest, die im vorigen Jahr 773 Nicht- oder Schlechtschwimmer vor dem Tod bewahrte. Hinzu kommen einige Hundert, die ihr Leben der Wasserwacht des Roten Kreuzes verdanken.

Die Älteren unter uns mögen solche Zahlen kaum glauben. In ihrer Kindheit waren Nichtschwimmer die Ausnahme. Bademeister gab es nur in Städten, auf dem Lande brachte man sich gegenseitig das Schwimmen bei.

Heute gilt in vielen Familien nicht mehr das ungeschriebene Gebot, dem Kind das Schwimmen beizubringen. Sie schieben es auf die Schule. Doch die setzt nur selten Schwimmunterricht auf den Stundenplan, weil es an ausgebildeten Lehrern oder an Bädern fehlt. Weener mit dem beheizten Freibad ist da eher die Ausnahme, und das Hallenbad in Bunde platzt im Winter zeitlich aus den Nähten.

Kaum eine Kommune leistet sich noch ein Frei- oder gar ein Hallenbad. Zu teuer, sagen die Kassenwarte in den Rathäusern. Ein Bad nach dem anderen ist in den letzten Jahren geschlossen worden. Gebaut in den 60-er und 70-er Jahren und finanziert aus dem damaligen Wirtschaftswachstum, fehlt heute bei knappen Kassen das Geld für Sanierung oder Neubau. Denn Schwimmbäder sind kostspielig wegen aufwändiger Heiz- und Wassertechnik, hohem Stromverbrauch und hohen Personalkosten. Investitionen und laufender Unterhalt belasten die Haushalte stark.

Das Hallen- und Freibad in Leer ist dafür ein gutes Beispiel. Es stammt aus den 60-er Jahren. Die Stadt ließ es nach und nach vor die Hunde gehen, ehe sie es einem Privatbetreiber überließ, der es endgültig in die Grütze fuhr und jetzt aus dem Vertrag herausgekauft werden muss – für eine Summe, die von einer Million Euro nicht weit entfernt ist. Alles in allem ein Paradebeispiel öffentlichen Miss-Managements.

Aber das ist verschüttete Milch. Leer muss handeln. Eine Kreisstadt mit 34.000 Einwohnern stellt sich selbst ein Armutszeugnis aus, wenn sie den Bürgern keine Schwimmgelegenheit bietet und Kindern vorenthält, das Schwimmen zu lernen.

Was tun? Hin und wieder äußern Politiker vorsichtig den Wunsch, jetzt ein großes Rad zu drehen und ein attraktives Spaßbad zu bauen. Das jedoch wäre kommunaler Größenwahn – und würde das Schwimmlern-Problem nicht beheben. In Spaßbädern wird nicht geschwommen, sondern geplanscht und gerutscht.

Die Politik in Leer wagt nicht, sie denkt nicht im Traum daran, sich auf den Bau eines ordentlichen Freibades zu beschränken – beileibe keine Billiglösung. Es gibt kein Recht auf Schwimmen im Winter. Die Menschheit ist lange gut damit zurecht gekommen, nur im Sommer zu schwimmen. Will die Politik als Vertreterin der Bürger jedoch das sündhaft teure Rundum-Schwimmpaket, muss sie eine Priorität setzen: Gibt sie einem Hallen- und Freibad den Vorrang, muss sie anderes kleiner fahren. Straßenbau, Hafenpromenaden, Kultur oder andere schöne Dinge.

Werder in Not: Thomas Schaaf ist am Ende

Samstag, Januar 30th, 2010

An der Weser will es keiner hören. Aber die Misere von Werder Bremen hat einen Namen: Thomas Schaaf. Es geht hier nicht darum, einen Sündenbock für die aktuellen fünf Niederlagen in Folge zu finden. Schon seit mindestens zwei Jahren zeigt Werder große Defensivschwächen. Die Abwehr steht regelmäßig viel zu hoch, wie Fußballer zu sagen pflegen. Dafür ist allein der Trainer verantwortlich. Aber auch Vorstand Klaus Allofs macht  Fehler.

Werder hat gegen keine Mannschaft von den oberen Rängen gewonnen, weder gegen Leverkusen noch gegen München, Schalke, Hamburg oder Dortmund. Und obendrein gegen angeblich schwächere Mannschaften wie Frankfurt oder Mönchengladbach verloren, gegen Köln, Hannover 96 und Nürnberg reichte es nur zu einem Unentschieden.

Die 4:3-Pleite in Mönchengladbach am Sonnabend ist exemplarisch. Auswärts so offensiv zu beginnen wie Werder, liegt taktisch unter Kreisklassenniveau. Die ersten viereinhalb Minuten spielte Werder in der Hälfte der Heimelf. Der erste Angriff der Gladbacher, ein Konter, führte zum 1:0. In Anfangsminuten auf gegnerischem Platz ausgekontert zu werden, ist taktisch unverzeihlich. Dann genau so weiter zu machen und weitere Konter einzufangen, ist amateurhaft. Und einen völlig überforderten Außenspieler wie Abdennour nicht auszuwechseln, ist entweder Sturheit oder Schwäche des Trainers. Magath jedenfalls hätte ihn nach spätestens zehn Minuten auf die Bank beordert.

Eine Woche zuvor gegen Bayern München agierte Werder taktisch ebenfalls fahrlässig. Heimspiel hin oder her: Gegen eine bessere Mannschaft spielt man auch im eigenen Stadion nicht so offen wie Werder. Die Folge: Bayern konterte im Minutentakt, überlief die Bremer Abwehr und gewann nur deshalb nicht höher, weil die Stürmer selbst klarste Chancen versiebten.

Die verfehlte Taktik der Bremer zieht sich durch die vergangenen Jahre – ausgenommen im Herbst vorigen Jahres, als sie plötzlich und unerwartet mehr Wert auf eine stabile Abwehr legten und nicht so offen zu Werk gingen. Doch davon hat Schaaf wieder Abstand genommen. Der verdienstvolle Trainer besitzt offensichtlich nicht mehr die Autorität, die Mannschaft anders einzustellen. Vermutlich hat Jurica Vranjes Recht mit seiner Kritik, dass bei Werder mehrere Spieler im Training nur 70 bis 75 Prozent Leistung zeigen. Das darf ein Trainer nicht dulden.

Neben der Taktik stimmt auch die Einkaufspolitik längst nicht mehr. Allein die linke Außenposition: Seit Jahren versuchten sich mehr oder weniger dilettantisch Van Damme, Schulz, Magnin, Stalteri,  Tosic und jetzt Abdennour. Keiner schlug ein. Van Damme und  Tosic versagten völlig, und vermutlich reiht sich Abdennour ein. Lediglich der seit langem verletzte Boenisch ist akzeptabel, allerdings auch kein Überflieger.

Nebenbei erwähnen wir noch die Fehleinkäufe Carlos Alberto,  Moreno und Tziolis – wobei Letztere zum Glück nur geliehen waren, wenn auch  für viel Geld. Dass Rosenberg und Almeida die Bundesligareife fehlt, ist ebenfalls unstrittig – außer bei Trainer Schaaf und Vorstand Allofs, der für die Einkäufe (und Verkäufe) zuständig ist. Allofs verlängerte Verträge mit Jensen, Vranjes und Pasanen, obwohl sie allesamt über ihren Zenit hinaus sind. Keiner der Drei bereichert die Mannschaft, sofern sie überhaupt spielen. Dann Borowski. Es wird das Geheimnis von Allofs bleiben, warum er ihn für viel Geld aus München zurückgeholt hat. Borowski saß nicht zufällig bei den Trainern Klinsmann und erst recht bei Heynckes auf der Reservebank. Er ist viel zu langsam für die Bundesliga.

Zweifelhaft ist auch, das offensive Mittelfeld mit drei Leichtgewichten und reinen Technikern wie Özil, Hunt und Marin zu bestücken. Fußball ist immer auch ein Kampfspiel, und zumindest auf tiefen Plätzen im Winter ist mit Hacke-Spitze-eins-zwei-drei wenig zu gewinnen.

Alles in allem: Der zehnte Tabellenrang in der vorigen Saison ist kein Zufall. Die Misere zieht sich schon lange hin. Sie ist erst dann zu Ende, wenn Allofs einen ausgewogenen Kader bereitstellt und Thomas Schaaf als Trainer in Bremen ausscheidet. Keiner sollte sich von einem Zwischenhoch täuschen lassen, das vielleicht in den nächsten Monaten gelegentlich aufzieht. Werder steht vor mageren Zeiten, weil in der Mannschaft mehrere Großverdiener spielen, die ohne Champions-Liga nicht zu bezahlen sind:  Wiese, Fritz, Mertesacker, Naldo, Frings, Özil, Pizarro.

Was spricht dagegen, Özil im Sommer gegen viel Geld abzugeben und sich dafür strategisch zu verstärken? Özil ist hochbegabt, wird sich aber nie zu einer Führungskraft entwickeln. Ach ja: Hunt gegen ein hohes Gehalt unbedingt an Werder binden zu wollen, droht als weiterer Fehler.  Allofs und Schaaf halten offensichtlich große Stücke auf ihn – im Gegensatz zum fachkundigen Bremer Publikum, das Hunt keine einzige Träne nachweinen würde. Er hat sein Konto mit schlampigen Pässen, mangelndem Einsatz und nachlässigem Abwehrverhalten längst überzogen.

Bier und Fußball im Widerstreit zwischen Herz und Verstand

Samstag, Januar 16th, 2010

Das Herz sagt ja, aber der Verstand sagt nein – die Fußballerkehle lechzt nach Bier, das Hirn fordert Kelts und Cola. Bier und Fußball sind ein Paar, so lange der Ball rollt. Für Fans bis nach dem Abpfiff, für Kicker in der dritten Halbzeit.

Doch jetzt kommt der Verstand ins Spiel, der ja nahe der Vernunft angesiedelt sein soll. Es lässt sich nicht leugnen, dass Bier den alkoholischen Getränken zuzuordnen ist. Trotzdem haben lederbehoste Menschen aus dem Alpenvorland es sogar hochrichterlich, dass Bier zu den Grundnahrungsmitteln zählt.

Leider können immer mehr Menschen mit Alkohol nicht umgehen und bieten den jungen ein schlechtes Vorbild. Es ist nicht mehr so wie zu längst verlorenen Zeiten, als die Rollen unter Zuschauern beim Fußball klar verteilt waren: Die Flasche Hansa-Export blieb Vater und dem Nachbarn vorbehalten, Sohn und Freund freuten sich über eine Sinalco. Alle waren zufrieden. Eine erregte Diskussion über Bierausschank beim Fußball, wie sie zurzeit im Landkreis Leer tobt, hätte es nicht gegeben.

Das Alkoholverbot in kreiseigenen Sporthallen besteht seit den 80er Jahren, als der Landkreis Leer überhaupt erst Fußball in seinen Hallen erlaubte. Alkoholverbot war grundlegende Bedingung, dass Fußballer überhaupt in den Hallen kicken durften. Ein Verdienst des damaligen Landrats Helmut Collmann, einem einst versierten Fußball-Schiedsrichter.

In einer Sporthalle in Westoverledingen gab es im vorigen Jahr Ärger wegen Zuschauern, die betrunken Krach schlugen. Davon fühlten sich einige belästigt. Und schon geschah, was oft geschieht: Aus einem Einzelfall wird eine Grundsatzangelegenheit. Mittlerweile liegt das Kind im Brunnen. Der TV Bunde als Veranstalter des Kreispokal-Turniers in der Halle beklagt Umsatzverluste von angeblich einem Drittel und sieht künftige Turniere in Gefahr. Fußball ohne Bier rechnet sich nicht, sagt der Verein.

Mag sein. Andererseits hat der Fußball eine wachsende gesellschaftliche Verantwortung, vor allem als Vorbild für junge Menschen. Alkoholtrinken unter Kindern und Jugendlichen ist ein Übel, dem schwer beizukommen ist. Deshalb schlägt jetzt auch die Stunde so manchen Schlaumeiers, der in einem Aufwasch gleich den Sekt aus Theaterfoyers oder Bier aus Feuerwehrräumen verbannen möchte. Der nächste Schritt ist die Prohibition wie einst in den USA.

Die Fußballer stecken in der Zwickmühle. Sie dürfen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, sie sind nicht für das Elend der Welt verantwortlich, müssen andererseits aber auch Vorbild sein. Sie müssen entscheiden, ob sie das Alkoholverbot in Sporthallen beachten oder auf Turniere verzichten. Es ist eine Entscheidung zwischen Herz und Verstand. Unser Tipp, in Prozenten ausgedrückt: Verstand gewinnt mit 51:49.

Mit Feuereifer und ohne Vernunft: Wie Vereine ruiniert werden

Donnerstag, November 19th, 2009

Sie handeln mit Feuereifer, aber ohne Vernunft. Sie führen Vereine mit Umsätzen eines kleinen Unternehmens, aber ohne nüchternes Kalkül. Männer lassen sich ohne Not dazu hinreißen, renommierte Sportvereine wie Germania Leer und Kickers Emden in Schulden zu stürzen und in die Grütze zu fahren. Zwei unrühmliche Kapitel.

Mehr als eine Million Euro Schulden in Emden, fast eine Million in Leer. Ein neuer Vorstand in Emden findet eine desolate Bilanz vor. Kann der Verein gerettet werden oder muss der Vorsitzer den schwarzen Anzug anziehen und die Pleite beim Amtsgericht anmelden? Ausgang offen.

Der neue Kickers-Vorstand macht einen seriösen Eindruck. Er löffelt aus, was Vorgänger Engelbert Schmidt & Co. ihm eingebrockt haben. Schulden ohne Ende. Zum Teil auch ausgelöst durch Sponsoren, die ihre Verträge nicht einhalten und das zugesagte Geld nicht herausrücken – was sie vielleicht gar nicht haben wegen der Wirtschaftskrise. Größenwahnsinnige Vorstände bauen gern auf Sand, kalkulieren ihre Einnahmen auf der Basis von Boomzeiten.

Germania Leer steht dem Rivalen Kickers nicht nach. 930 Mitglieder zählt der Klub, recht wenig im Vergleich zu manchem Dorfverein. Er bewegt einen Haushalt von 304.000 Euro im Jahr, nimmt aber nur 278.000 ein. Für einen 30 Jahre laufenden Kredit muss er jährlich 46.000 Euro Zinsen an die Sparkasse abdrücken. Unklar ist die Abrechnung eines nicht fertigen Tribünenbaus, für den es Zuschüsse vom Sportbund gab. Der Verein bilanziert Miese: Vor zwei Jahren 137.000, im vorigen Jahr sogar 193.000 Euro. Tendenz: Keine Besserung in Sicht. Bis Ende des Jahres braucht der Verein dringend 110.000 Euro, die er bisher aber nicht hat. Die Gesamtschulden: 890.000 Euro.

Ein Grund: Germania leistet sich eine Oberligamannschaft – fünfte Liga – , die Monat für Monat 15.000 Euro verschlingt. Sechs von zehn eingenommenen Euro gehen an die Fußballer.

Einige Vorstandsmitglieder setzten sich jüngst aus der Verantwortung ab, als die Schulden ruchbar wurden. Was ihnen aber nur vordergründig mit ihren Rücktritten gelang, denn entlastet hat sie die Mitgliederversammlung am Montag nicht. Die erneute Kandidatur scheiterte an der Mehrheit der Mitglieder.

Vereinschef Helmer Stecker hält den Verein nicht für überschuldet – mit Hinweis auf die vereinseigenen Sportplätze am Hoheellernweg, deren Baulandwert er mit zwei Millionen Euro taxiert. Diese zweifellos wirtschaftlich korrekte Aussage ist aber blanker Zynismus. Denn mehr als zynisch ist es nicht. Er weiß genau, dass er vermutlich eine Rettungsaktion aus dem Rathaus provozieren würde, wenn Gläubiger die Immobilien meistbietend verscherbeln würden.

Um zynisch zu bleiben: Wenn zwei Millionen an Immobilienwert die Schulden bequem aufwiegen, könnte Germania ja einen weiteren Kredit aufnehmen. Schulden mit Schulden bezahlen – ist im Moment ja ohnehin modern im Lande.

Horst Szymaniak – wir Fußballer verneigen uns vor einem der Größten

Samstag, Oktober 10th, 2009

Horst Szymaniak. Der Name riecht noch nach echtem Leder, aus dem damals die Fußbälle waren. Mit den flatternden Plastikkugeln von heute hatten sie nichts gemein. Wie kaum ein Zweiter wusste Szymaniak, was man mit dem Leder alles anfangen konnte.  Er war ein ganz Großer. Jetzt ist er tot.

Wir blicken zurück auf den 14. August 1981. Ein Traum wurde wahr. In Möhlenwarf, jawohl, in diesem kleinen Dorf in Ostfriesland, spielte die Uwe-Seeler-Traditionself gegen die heimischen Sportfreunde. Das 6:6 tut hier nichts zur Sache. Nach dem Spiel gab es Kotelett, Kartoffelsalat, Bier und Korn in der Kneipe von Uwe Wessel, auch schon nicht mehr unter den Lebenden. Unsereins trank die Halben und Kurzen am Tisch mit Horst Szymaniak und Helmut Rahn. Der Chronistenpflicht genüge: Egon Cordes saß als Vierter in der Runde.  Aber der schwieg und trank Sinalco.

Ganz anders als der stieselige Cordes der Held von Bern – auch schon nicht mehr unter uns – und Horst Szymaniak. Sie freuten sich darüber, dass sie es den jungen Kollegen wie Lothar Emmerich, Bernd Gersdorf oder Max Lorenz und vor allem dem ehrgeizigen Käpt’n Uwe aus Hamburg noch mal gezeigt hatten, wie der Ball laufen muss.  Auch in der dritten Halbzeit hielten sie ihre Form. Sie redeten, wie man im Ruhrpott eben so redet. Nicht drumrum.

Nein, mit dem dritten Tor von Bern hat unsereins Rahn nicht gequält. Er war nicht mundfaul, führte aber auch nicht das Wort. Eher Szymaniak. Ein munterer Plauderer. Gelegentlich unterbrach er sich selbst:   „Dürfen wir noch einen, Helmut“ ? Ein kurzes Nicken, die Kellnerin gewunken, Szymaniak erzählte weiter. Ein einfacher Mann, aber keineswegs tumb, wie in Zeitungen gern dargestellt. Damals 1981 arbeitete er als Schwimmmeister in Melle. Das viele Geld, das er in Italien und ganz zum Schluss noch bei Tasmania Berlin in der Bundesliga kassiert hatte – es war längst durch den Schornstein geraucht. Der gute Horst, dieser feine bescheidene Mensch, war in die Fänge von skrupellosen Raffkes geraten, die ihn bis aufs Hemd ausgezogen hatten. Aber keine Spur von Verbitterung. Rahn schien leicht melancholisch, Szymaniak eher gelassen mit einem Smüsterlächeln. Ein unaufdringlicher Kumpel, ohne Arg und Bosheit.

Ach ja: Spielvereinigung Erkenschwick, Wuppertaler SV, Karlsruher SC, CC Catania, Inter Mailand, Tasmania Berlin – überall dort hat er gespielt. Aber in bester Erinnerung blieb ihm die Zeit in Catania. Eher nicht wegen des Fußballs, so gut war die Mannschaft nicht, sondern wegen der Menschen, die ihn dort so nahmen, wie er war und so behandelt haben, wie er es verdient hatte. Die Sizilianer  liebten seine Art,  Fußball zu spielen. Sie zeigten und dankten es ihm.

Keine Rede von fiesen Scherzen über den linken Läufer, dem nachgesagt wurde, einst in Wuppertal mindestens ein Viertel mehr Gehalt verlangt zu haben als das angebotene Drittel.

Wir Fußballer wissen: Ein Mann mit solcher Spielintelligenz, der Flachpässe adressierte wie kein zweiter, der schon den tödlichen Pass spielte, als dieser noch gar nicht so hieß, der von Herberger ruck, zuck die damals unbekannte saubere Seitengrätsche lernte (Sliding tackling) und hierzulande populär machte – einen solchen Spieler nennen wir genial.

Szymaniak hatte eine großartige Fußballerkarriere. 43 mal trug er Schwarz und Weiß mit dem Adler auf der Brust, bei den WM in Schweden und Chile war er dabei. Ein begnadeter Fußballer, eine Symbiose aus dem Filigrantechniker Fritz Walter und dem Kämpfer Horst Eckel.

Er war ein lebensfroher, gutmütiger Mensch – mit Format. Als die falschen Freunde ihn finanziell ausgesaugt hatten, lamentierte er nicht, sondern schlug sich still als Lastwagenfahrer, Kranführer oder Bademeister durch. Die schmale Knappschaftsrente zum Schluss hatte er sich für acht Jahre unter Tage verdient.

Gutmütig blieb er bis zum Schluss, und ein bisschen ausnutzen ließ er sich auch am 14. August 1981 von Helmut Rahn in Möhlenwarf. Als der Boss ihn nach einigen gemeinsamen Halben und Kurzen fragte, wer denn nun die 184 Kilometer  nach Melle fahren müsse, übernahm Szymaniak kurzerhand den Chauffeurjob und stieß fortan bei Uwe Wessel nur noch mit Bier an. Wir Fußballer verneigen uns vor einem der Größten.