Archive for the ‘Wirtschaft’ Category

Sie rostet und rostet

Sonntag, Oktober 25th, 2020

Wer wagt die Wette, dass die Friesenbrücke über die Ems bei Weener wie geplant 2024 fertig wird? 2015 rammte ein Frachter das bewegliche Klappteil und zerstörte die Brücke.  Seitdem rostet sie vor sich hin. 2024 soll sie wieder befahrbar sein. Wer’s glaubt, wird selig. Aber so ist der Plan der Deutschen Bahn Netz AG. Der Staatsfirma gehört die nördlichste Eisenbahnbrücke zu den Niederlanden.  

Aber sie kommt mit dem Wiederaufbau nicht in die Hufe, was sie jedoch nicht alleine zu verantworten hat. Denn ein originalgetreuer Wiederaufbau kommt nicht in Frage. Die Öffnung für Schiffe soll breiter, damit Kreuzfahrtschiffe der Meyer-Werft reibungslos passieren können. Und das Klappteil soll durch ein Drehteil ersetzt werden. Dafür muss neu geplant werden. Das wird teurer. Statt ursprünglich 30 rechnet die Bahn bisher offiziell mit 66 Millionen Euro.

Jetzt macht der Bundesrechnungshof eine andere Rechnung auf. Er hat die Aufgabe, dem Bund bei seinen Ausgaben auf die Finger zu schauen. Das tat er auch bei den Kostenschätzungen des Verkehrsministeriums, die aus dem Hause Deutsche Bahn stammen. Doch plötzlich ist nicht mehr von 66, sondern von 96 Millionen Euro an Baukosten die Rede. Und fertig soll die Brücke erst 2030 sein.

Nebenbei wirft der Rechnungshof dem Verkehrsministerium vor, sich nicht genug um Planung und Finanzierung zu kümmern. Außerdem: Zur Finanzierung beitragen soll eine 15-prozentige Einsparung bei anderen Bahn-Projekten. Der Rechnungshof erwähnt auch, dass Niedersachsen nicht mehr wie zugesagt fünf Millionen, sondern 800.000 Euro weniger zahlen wolle.

Was nun? Bundes-Verkehrsministerium und Landes-Wirtschaftsministerium, geführt von den Ministern Scheuer, CSU, und Althusmann, CDU, verhalten sich, als gehe der Rechnungshof sie nichts an. Sie sagen, es bleibe bei der geplanten Finanzierung und der Fertigstellung 2024.

Der Bundesrechnungshof kritisiert ein Missverhältnis von Nutzen und Kosten. Zuviel Geld für zu wenig Ertrag. Die Ministerien argumentieren, die Brücke sei ein wichtiger Teil guter Infrastruktur. Mit weniger Schließzeiten für Schiffe und der geplanten „Wunderlinie“ zu den Niederlanden, die mehr Züge auf die Gleise bringen soll.

Tatsache ist: Der Bundesrechnungshof steht nicht im Ruf, wirtschafts- und regionalpolitisch zu denken. Dort arbeiten eher Erbsenzähler, die vorrangig Zahlen addieren und eine Investition nicht unbedingt als Wechsel für eine ertragreichere Zukunft begreifen.  

Tatsache ist auch: Die Deutsche Bahn hat kaum Interesse an der Brücke, weil sie damit nichts verdient. Die paar Züge ihrer Tochterfirma Arriva zwischen Leer und Groningen sind ihr nur eine Last. Die Bahn hat deshalb alle denkbaren Risiken in Kosten umgerechnet. Unterm Strich 96 Millionen Euro. Geeignet als Abschreckung. Schon vor Jahren wollte sie die Strecke stilllegen. Dem steht ein Staatsvertrag zwischen Deutschland und den Niederlanden im Wege.

Ein Wort zur Meyer-Werft: Sie hat andere Sorgen und zurzeit wenig Anlass, wegen der Brücke Druck auf die Politik zu machen.

Ostfriesland tut gut daran, sich von Bahn, Bund und Land den zügigen Brückenbau garantieren zu lassen. Denn Geld wird bald knapp, wenn Corona die Staats-Haushalte extrem belastet. Es gehört nur wenig Phantasie dazu, sich das Schicksal der aus Berliner Sicht unbedeutenden Brücke im fernen Rheiderland auszumalen. Wer wagt eine Wette?   

Atom: Eemshaven liegt nahe

Sonntag, Oktober 18th, 2020

Stellen die Niederlande den Ostfriesen ein Atomkraftwerk (AKW) vor die Haustür? Zumindest schmiedet ihre Regierung erste Pläne für ein AKW in Eemshaven an der Außenems. Dazu gehört die Studie einer Beratungsfirma, die Atomtechnik befürwortet. Der Wirtschaftsminister fährt darauf ab.

In Ostfriesland rührt sich schon Protest – auf Borkum, in Emden und der Krummhörn sowie im Kreishaus Aurich. Umweltminister Olaf Lies, Landtags-Fraktionsvorsitzende Hanne Modder aus Bunde, beide SPD, und Landtags-Vizepräsidentin Meta Janssen-Kucz, Borkum, von den Grünen wehren sich gegen AKW-Pläne. Jusos demonstrieren bereits dagegen.

Wie sind die AKW-Absichten der Niederländer einzuschätzen? Panik ist nicht geboten, aber Obacht. Zunächst will das Parlament in Den Haag gemäß einem Antrag des Wirtschaftsministers von der VVD klären lassen, unter welchen Bedingungen Unternehmen bereit wären, in neue AKW zu investieren. Auch die Frage staatlicher Subventionen soll beantwortet werden.

Die VVD, vergleichbar der deutschen FDP, stellt als stärkste Fraktion mit Mark Rutte den Regierungs-Chef und mit Eric Wiebes den Minister für Wirtschaft und Klima. Beteiligt an der Regierung sind noch die christdemokratische CDA, die linksliberale D66 und die calvinistische ChristenUnie. Sie hat rechnerisch keine Mehrheit, braucht immer mindestens eine Stimme der Opposition. Im Parlament vertreten sind 13 Fraktionen und zwei unabhängige Abgeordnete.

Warum will die Regierung die Atomkraft in den Niederlanden neu beleben? Zurzeit läuft drüben noch ein AKW in Borssele (Provinz Zeeland). Es soll 2034 abgeschaltet werden, ist aber nach Ansicht der Betreiber gerüstet für eine Verlängerung. Die Regierung fürchtet, ohne Atomstrom ihre Klimaziele nicht zu erreichen.

Die VVD hält Atomstrom sogar für „unverzichtbar“ im Kampf gegen den Klimawandel. AKW-Befürworter in aller Welt weisen darauf hin, dass ein Atommeiler kein Treibhausgas (CO2) ausstößt. Das führt auch die Studie an und betont, dass die Laufzeitverlängerung bestehender AKW die wirtschaftlichste Art der Stromerzeugung sei. Logisch, denn mit abgeschriebenen Anlagen ist immer am meisten Geld zu verdienen.

Ins Auge fassen die Niederlande mehrere neue AKW aus kleinen modularen Reaktoren, was auch die Finanzierung erleichtern soll. Bisher wurden diese kleinen Reaktoren nur für Forschungszwecke gebaut.

Unterm Strich: Die Studie sagt, dass Atomstrom nicht teurer sei als Strom aus Wind und Sonne, wenn sie auf gleiche Weise abgerechnet würde.

AKW-Gegner widersprechen. Abgesehen von geologisch ungeklärter, superteurer Endlagerung und bekannten Risiken der Atomkraft ist diese nicht CO2-neutral. So weist das deutsche Umweltbundesamt darauf hin, dass der CO2-Ausstoß der Atomstrom-Produktion vor- und nachgelagert ist – beim Uranabbau, der Brennelemente-Herstellung, dem Kraftwerksbau und -rückbau bis zur Endlagerung.

Ein AKW-Bau in Eemshaven ist noch vage, zumal die Regierung in Den Haag keine eigene  Mehrheit hat. Zur Opposition zählen die Rechtspopulisten von Geert Wilders, Sozialdemokraten (PvdA) und Grüne (GroenLinks).

Aber keiner sollte sich etwas vormachen: Die Atomdebatte wird auch in Deutschland aufflammen. Denn hier hinkt die Regierung den selbst erklärten Klimazielen ebenfalls hinterher – und Strom ist (zu) teuer.   

Kochende Gemüter

Montag, Oktober 5th, 2020

Über Für und Wider eines Ersatz-Gallimarkts in Leer lässt sich streiten. Das hat der Verwaltungsausschuss gemacht und mit Mehrheit nein gesagt. Was steckt dahinter?

Für beide Seiten gibt es Argumente. Sie wiegen schwer. Es ist ein Knäuel, das nur mühsam zu entwirren ist. Erschwerend: Es ist viel Emotion im Spiel. Gemüter kochen. Einerseits Angst und Sorge wegen Ansteckung mit dem Corona-Virus und der nötige Schutz davor, andererseits viele Schausteller, die um ihre Existenz fürchten. Hinzu kommt der Verdruss von Menschen, die rings um den Rummelplatz wohnen. Sie haben keine Lust auf vier lärmige Wochen und lästige Parkplatzsuche, auf Unannehmlichkeiten, die den Alltagstrott aus dem Tritt bringen.

Das alles müssen Rat und Verwaltung berücksichtigen – natürlich im Rahmen staatlicher Corona-Verordnungen, die sich dynamisch entsprechend dem Infektionsgeschehen verändern.

Ein Patentrezept, die Kuh vom Eis zu bringen, gibt es nicht. Sicher ist nur: Gerade emotionsgeladene Probleme in der Politik verlangen kühlen Verstand. Erst dann können Politiker und Beamte gegenteilige Interessen nüchtern abwägen und die Corona-Verordnungen auf Möglichkeiten abklopfen – ehe sie schließlich entscheiden. Das kann nicht jedem Bürger schmecken, er sollte es jedoch zumindest nachvollziehen können.

Vom Rathaus in Leer ist eine nachvollziehbare nüchterne Entscheidung in schwierigen Fällen kaum noch zu erwarten. Das Seil zwischen größeren Teilen des Rates und Bürgermeisterin Beatrix Kuhl, CDU, ist seit langem zerschnitten. Von Vertrauen keine Spur. Wenn Verhältnisse brechen, ist nie nur eine Seite verantwortlich, deshalb ist die Suche nach Schuldigen müßig.

Wie in anderen Fällen fehlt auch beim Freizeitpark eine allseits geachtete Führungsperson, die Konflikte moderiert und Interessen ausgleicht. Das wäre Sache der Bürgermeisterin, die dazu jedoch nicht in der Lage ist.

Keine rühmliche Rolle spielt in diesem Fall auch die Gruppe SPD/Linke, die vor einigen Wochen einem Freizeitpark mehrheitlich zustimmte, jetzt aber auf ein Nein umschwenkte. Ohne dass sich das Infektionsgeschehen in Leer großartig verändert hat. Im Gegensatz zum Bundesdurchschnitt.

In Papenburg funktioniert ein Ersatzmärkte bis jetzt. Der Publikumszuspruch hält sich in Grenzen, doch das ist nicht Sache der Politik. Jetzt meldet sich Emden, den Gallipark zu übernehmen. Damit wäre zumindest den Schaustellern gedient.

Ob das Konzept der Schausteller für Leer, das die Stadtverwaltung zugrunde legt, vom Kreisgesundheitsamt akzeptiert worden wäre, ist eine nicht entschiedene Frage. Aber selbst ein Ja des Gesundheitsamtes wäre erst einmal vorläufig, weil die aktuelle Corona-Verordnung nur bis zum 8. Oktober datiert. Ohnehin tragen die Schausteller ein hohes Risiko: Der Markt würde geschlossen, wenn die Infektionszahlen wieder klettern.

Auch die Ankündigung der Bürgermeisterin, den Weihnachtsmarkt zu kippen, offenbart das allgemeine Rathaus-Destaster. Ihr Nein zum Weihnachtsmarkt ist eine Retourkutsche auf das Nein des Verwaltungsausschusses zum Freizeitpark. Doch das letzte Wort ist nicht gesprochen sein. Es würde wundern, wenn die Bürgermeisterin den Weihnachtsmarkt in ihre alleinige Zuständigkeit packen könnte. Der Verwaltungsausschuss könnte den Vorgang an sich ziehen und in seinem Sinn beschließen.    

Selbst ist der Bürger

Montag, September 21st, 2020

Nicht auf den Staat warten, sondern selbst Gutes für die Allgemeinheit tun. Freiwillig, ohne die Hand aufzuhalten. Das ist, kurz gesagt, bürgerschaftliches Engagement. „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt“, rief einst US-Präsident Kennedy seinen Landsleuten zu. Man muss dazu gar nicht nach Amerika fahren. Bürgerschaftliches Engagement spiegelt sich auffällig in der Stadt Leer, sogar im Ortsbild.

Anlass dieser Betrachtung ist der aktuelle kleinliche Ärger um ein „nationales Kulturdenkmal“ – den historischen Dampfer „Prinz Heinrich“, erbaut 1909 als Post- und Transportschiff. Er rottete vor sich hin, ehe der Leeraner Zahnarzt Dr. Wolfgang Hofer es sich zur Aufgabe seines Lebens machte, den Dampfer wieder flott zu machen und als einziges Schiff seiner Art als fahrendes Denkmal zu erhalten. Dafür gewann er ehrenamtliche Helfer, die über Jahre bis heute Hand anlegen, und wohlhabende Unterstützer und Stiftungen, die ihre Taschen öffneten.

Ein Verein betreibt das Schiff. Wegen Corona fehlen zurzeit Einnahmen, um die Kosten zu decken. Mit der Bürgermeisterin kommt der Verein nicht auf einen Nenner, was in Leer kein Einzelfall ist. Dabei geht es vorrangig nur um Liegegebühren. Neuester Stand: Es zeichnet sich eine politische Lösung ab.

Hoffentlich klappt es, denn die „Prinz Heinrich“ ist längst über den Status eines Hobbys hinausgewachsen. Sie ist ein bedeutendes Stück Schifffahrtsgeschichte und ein Juwel im Leeraner Hafen – mit dem sich auch Papenburg gern schmücken würde.

Ohnehin prägt bürgerschaftliches Engagement die Altstadt. Beispielsweise unterm Dach des „Vereins für Heimatschutz und Heimatgeschichte“, kurz Heimatverein. Er verantwortet das Heimatmuseum, das Klottje-Huus, zwei auch stadtbildnerisch bedeutende Häuser, und das Spööler-Klottje (plattdeutsches Theater).  Der Verein leistet anerkannte wertvolle kulturelle Arbeit. Aber es fehlt ein mit dem Rathaus abgestimmtes Konzept, das ihm die nötige Bewegungsfreiheit ermöglicht.

Er steht deshalb an einem Scheideweg. Symbolisch dafür ist der Fortgang seines fortschrittlichen Museumsleiters, der in Meppen bessere Arbeitsmöglichkeiten fand. Wie kann der Heimatverein seine vielfältige Arbeit fortsetzen, nämlich Traditionen erhalten und der Nachwelt, vor allem auch Kindern, lebendig vermitteln? Sei es Stadtentwicklung, Umwelt- und Naturschutz, Denkmalschutz, Plattdeutsch, Volkskunst oder Heimatgeschichte. Vieles stockt. Auch die Zusammenarbeit mit dem Rathaus.

Auf bürgerschaftlichem Engagement ruht auch die „Waage“, das meist fotografierte Objekt in Leer. Der Heimatverein legte das niederländisch-klassizistische Barock-Gebäude aus dem 18. Jahrhundert vor einigen Jahren in die Hände einer Stiftung, die ehrenamtlich geführt wird. Einen Teil der Kosten deckt die Pacht des gleichnamigen Restaurants.

Das Konto bürgerschaftlichen Engagements bilanziert noch mehr Attraktionen. Das „Schipper-Klottje“ bringt Leben in die Altstadt. Stichworte: Museumshafen, Traditionsschiffstreffen, Maibaum und nicht zuletzt der „Wiehnachtsmarkt achter d`Waag“. Altstadtprägend wirkt auch die Wolff-Stiftung. Allesamt Zeugen eines bemerkenswerten bürgerschaftlichen Engagements. Sie verdient die Hege und Pflege der Stadt.

Sirenen, Katwarn und 5G

Samstag, September 12th, 2020

Sirenen heulten am bundesweiten Warntag – nicht überall, aber jedenfalls im Landkreis Leer. Die App „Katwarn“ (Katastrophenwarnung) auf Smartphones hingegen blieb oft ruhig. Auch sie sollte Alarm schlagen, wie sie es bei Orkan- oder Flutwarnungen und Schulunterrichtsausfällen zuverlässig tut.

Doch diesmal mussten viele Nutzer den „Katwarn“ manuell auslösen, wenn sie feststellen wollten, ob ihre App funktioniert. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn sprach kleinlaut von „Systemüberlastung“. Ein Symbol für die digitale Misere.

Deswegen auf die Politik zu schimpfen, wäre ungerecht. Sie ist nur ein Spiegelbild der Gesellschaft, die das digitale Zeitalter verschlafen hat. Die Corona-Krise macht es auch im Alltag deutlich. So haben nur wenige Schulen, als sie wegen Corona schließen mussten, einen geordneten Fernunterricht per Videokonferenz („Home-Schooling“) auf die Reihe bekommen – sei es mangels Technik oder Lehrerkompetenz oder beidem.

Bezeichnend neulich auch eine bizarre Diskussion im Rathaus von Leer. Es ging darum, ob die Stadt Grundschülern aus ärmeren Familien für den Teleunterricht ein Tablet leihen könne.  Rats-Mitglieder konnten nur mit Mühe die Verwaltung zur Hilfe drängen. Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland beim Fernunterricht dramatisch schlecht ab. Das ist auch eine Frage der Einstellung. So halten 20 Prozent der Eltern Online-Unterricht generell schlecht für Kinder.

Aber manchmal ist auch Lob angebracht. So ordnete die Leitung des Johannes-Althusius-Gymnasiums in Emden in dieser Woche für das gesamte 100-köpfige Kollegium eine ganztägige schulinterne Fortbildung an, um bei künftigen Schließungen gewappnet zu sein. Thema: Einsatz digitaler Medien im Unterricht. Damit naht zumindest dort das Ende der Kreidezeit.

Wie ein Wimpernschlag: So blitzschnell müssen Daten sich bewegen. Die Voraussetzung dafür heißt 5G. Hinter dieser Ziffer und dem Buchstaben steckt die fünfte Generation der Mobilfunktechnik. Weltweit rennen Länder wegen dieser Zukunftstechnik um die Wette. Um wirtschaftlich konkurrenzfähig zu bleiben, geht kein Weg an 5G vorbei. Führende Ausbaufirmen sind Telekom und Vodafone.

Für 5G sind viele neue Mobilfunk-Masten nötig. Das hat technische Gründe: Frequenzen, die schnell viele Daten transportieren können, haben eine geringere Reichweite. Deshalb bieten sich neben bestehenden Antennen neue Sendeanlagen in Straßenlaternen oder auf Dächern öffentlicher Gebäude an.

5G hängt auch mit dem Breitbandausbau zusammen. Internetverbindungen mit Glasfaser sind schnell und haben die höchsten Kapazitäten. Das gilt für Verbindungen in Firmen oder Wohnungen. Aber auch ein Mobilfunkstandort mit 5G-Anschluss braucht Glasfaser. Stattdessen Richtfunk zu nutzen, um teure Kabel zu sparen, ist halber Kram, weil störungsanfällig. 

Übrigens haben Verschwörungserzähler den 5G-Funk längst für sich entdeckt. In Norden forderten in einer Rats-Ausschusssitzung das Bündnis 90/Die Grünen und zuhörende Bürger die Stadt auf, gegen den geplanten 5G-Ausbau vorzugehen. Grund: Gesundheitsgefahren. Die Stiftung Warentest fasste neulich alle verfügbaren wissenschaftlichen Untersuchungen zu 5G zusammen: „Die Forschungserkenntnisse liefern kaum einen Grund zur Sorge.“

Geld ist nicht alles

Sonntag, August 30th, 2020

Alle Nase lang taucht eine Studie auf, in der Regionen vergleichen werden. Mal geht es um Einkommen, um die Zahl der Ärzte pro Einwohner oder die Industriedichte. Und fast immer hinkt Ostfriesland statistisch hinterher.

Jetzt stellte das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock fest, dass Ostfriesen ein paar Jahre früher sterben als zum Beispiel die Menschen um München herum. Statistisch gesehen. Dabei ist Ostfriesland seit je her bekannt für seine Hundertjährigen.

Früher sterben und hundertjährig – wie passt das zusammen? Richtig ist beides. Aber nur statistisch. In der Realität liegt es daran, dass in Ostfriesland mehr arme Leute leben als in manchen anderen Gegenden. Anders gesagt: Wer sein Leben lang auf Hartz-4 oder lange arbeitslos ist, läuft Gefahr, früher zu sterben als jemand, der nicht unbedingt viel verdient, aber Arbeit hat. 

In der Studie heißt es: „Maßnahmen, die die Lebensstandards für ärmere Teile der Bevölkerung verbessern, sind am ehesten geeignet, die Unterschiede in der Lebenserwartung zu reduzieren.“ Deshalb ist Strukturpolitik der Hebel, die Lage zum Guten zu wenden.  

Denn ob Menschen sich wohlfühlen und deshalb länger leben, hängt nicht vorrangig von der Höhe der Einkommen oder der Arztzahl ab, sondern ob sie Arbeit haben. Um nicht missverstanden zu werden: Diese Feststellung ist kein Plädoyer für niedrige Löhne.  

Viele Ostfriesen hängen an ihrer Heimat. Dafür tun sie einiges. So wundern sich Auswärtige häufig über die schmucken Dörfer und Städte. Im Kopf das Bild des armen Ostfrieslands, vor Augen die gepflegten und oft großen Einfamilienhäuser – darauf finden sie keinen Reim.

Aber woran liegt es, dass Ostfriesen oft besser wohnen als viele Menschen in reicheren Regionen? Das war nicht immer so. Ältere Ostfriesen, die bis 1950, 55 geboren wurden, kennen noch die kleinen ärmlichen Behausungen, Landarbeiterhäuser, Katen mit Löchern im Dach, Regenfangbecken fürs Teewasser (plattdeutsch: „Regenbakken“), Hausbrunnen und Plumps-Klos.

Die meisten Frauen versorgten den Haushalt, verdienten also nichts – was sie bis heute bei der Rente spüren. Viele Männer arbeiteten beim Bauern, in Ziegeleien oder Gärtnereien, andere als Maurer – und waren im Winter ohne Arbeit. Sie stempelten, wie es damals hieß, wenn sie die wenigen Deutschen Mark vom Arbeitsamt holen mussten.

Nach und nach änderten sich die Arbeitsstrukturen. Industrie und Gewerbe wuchsen. Das VW-Werk in Emden 1964 war ein Meilenstein. Werften hatten eine gute Zeit, in Leer spielte Olympia als Schreibmaschinen-Hersteller eine starke Rolle. Heute sind es Windkraft, maritime Wirtschaft und Tourismus. 

Und beim Hausbau packen viele selbst an. Er beruht auch auf Verzicht, der mit der Mentalität der Ostfriesen zu tun hat. Fürs eigene Haus arbeiten sie sich notfalls einen Buckel. Verschulden sich über eine Generation.

Ostfriesland geht es heute besser, auch wenn das Einkommens-Gefälle zu reicheren Gebieten geblieben ist. Dafür lässt es sich hier günstiger leben. Und sogar angenehmer. So hat ein wissenschaftlicher Vergleich zwischen den Arbeitsamtsbezirken Leer und Balingen bei Stuttgart schon 1990 ergeben, dass Schwaben zwar mehr verdienen, Ostfriesen aber zufriedener sind. Geld ist nicht alles – nur etwas anders verteilt sein könnte es schon.

Pioniere hoch über uns

Sonntag, August 23rd, 2020

Der technische Fortschritt lässt sich von Corona nicht bremsen. Das belegt ein bahnbrechendes Ereignis, dessen geschichtliches Ausmaß wir gar nicht hoch genug einschätzen können: Am 1. September landet auf Norderney ein elektrisch angetriebenes Flugzeug. Vorbehalten Wind und Wetter.

Es ist das erste behördlich zugelassene Passagier-E-Flugzeug der Welt, eine Velis Electro, gebaut von Pipistrel Aircraft in Slowenien. Der Jungfernflug startet in Zürich und erreicht Ostfriesland in zehn Etappen. Eine fünfköpfige Pioniergruppe aus der Schweiz will beweisen, dass sie trotz immer noch schwacher Batterien elektrisch eine 700 Kilometer lange Strecke relativ schnell zurücklegen kann.

Es wird ein Weltrekordflug in mehrfacher Hinsicht: Geringster Energieverbrauch, längste elektrisch geflogene Strecke, höchste Durchschnittsgeschwindigkeit (über 100 km/h), so hoch wie nie zuvor mit Strom (über 3.000 Meter). Die Propeller drehen sich bis zu 2.350-mal pro Minute. Das alles mit einem 57,6 kw-Motor (78 PS), zwei Lithium-Ionen-Batterien mit einer Leistung von 345 Volt und einer Kapazität von je elf Kilowattstunden. Damit bleibt die Maschine 50 Minuten in der Luft, plus zehn Minuten Reserve.

Das bedeutet: Sie muss alle 100 Kilometer landen, um Strom zu zapfen. Dafür fahren zwei Bodenteams in Autos mit mobilen Ladestationen zu den Flugplätzen voraus. Das ist umständlich, aber Pioniertaten eigen. So dampfte anno 1835 die erste Lokomotive mit nur knapp 30 km/h über die sechs Kilometer lange Strecke von Nürnberg nach Fürth.

Der erste E-Flug kommt dem Rekordflug von Charles Lindbergh nahe, der 1927 allein als erster nonstop den Atlantik von New York nach Paris überquerte. Ein Alleinflug ist es am 1.September nicht. Die Velis Electro fasst zwei Personen – ein Koffer passt nicht mehr rein. Lindbergh kassierte damals 25.000 Dollar als Honorar. Die Schweizer müssen bis zu 80.000 Euro aufbringen, über Sponsoren, um einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde zu erreichen.

Ohne zu „tanken“ schaffen Flugzeuge mit Strom bisher nur kurze Strecken. Der Grund: Batterien haben eine geringe Energiedichte. Deshalb werden sie bei größeren Energiemengen zu groß und zu schwer.

Einer der Vorzüge von E-Flugzeugen: Ihre Betriebskosten für den Energieeinsatz sind vergleichsweise gering. Wartung und Kontrolle für Öl, Kühlwasser, Treibstoff- und Luftfilter, Auspuffanlage und Getriebe entfallen. Was auch für E-Autos gilt. Vom leisen Motor und dem Null-Schadstoffausstoß ist dabei noch gar nicht die Rede.  

Um lange Strecken fliegen zu können, forschen Wissenschaftler weltweit an Brennstoffzellen. Doch die Velis Electro ist Realität. Ihre Musterzulassung durch die Agentur der Europäischen Union für Flugsicherheit (EASA; englisch: European Union Aviation Safety Agency) ist der erste Schritt zur gewerblichen Nutzung.  Drei Jahre dauerte die Zertifizierung.

E-Flugzeuge drängen sich in Ostfriesland für Insel-Flüge geradezu auf.  Ohne Motorenlärm und Abgase übers Wattenmeer – das hat Zukunft. So sieht es auch die Frisia-Luftverkehr Norddeich (FLN), eine Tochter der Reederei Frisia. Sie hat sich beim Münchner Flugzeugbau-Start-up Skylax eingekauft – mit dem Ziel, E-Flugzeuge für Kurzflüge zu entwickeln. Aktueller Favorit: Eine viersitzige Zwei-Propeller-Maschine.

Tja

Samstag, August 15th, 2020

Corona schlägt weiter zu. Nach dem Landkreis Aurich und der Stadt Emden und überall in Deutschland tauchen jetzt im Landkreis Leer nach längerer Pause wieder Personen auf, die sich mit dem Covid19 angesteckt haben. Auftauchen ist hier durchaus wörtlich zu nehmen, denn nicht wenige haben sich die Seuche beim Auslandsurlaub eingefangen. Teils in bekannten Risikogebieten.

Was verleitet angeblich vernunftbegabte Menschen dazu, aus freien Stücken in ein Risikogebiet zu reisen? Was treibt sie, bei Bullenhitze an einen Strand zu fahren, obwohl sie von vornherein wissen, schon vorher im Stau zu stehen oder bestenfalls hautnah mit anderen in der Sonne zu braten.

Psychologen wissen darauf sicher eine Antwort. Doch schon ein kurzer Blick in die Bibel kommt der Sache näher. In Psalm 91 denkt ein weiser Schreiber über Schutz und Zuflucht nach, die der Herr biete. Er kommt zur Erkenntnis, dass „du nicht erschrecken musst … vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt. Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen“.

Heute wähnt sich nicht mehr jeder „unter dem Schirm des Höchsten und unter dem Schatten des Allmächtigen“, wie es im Psalm heißt. Aber selbst jene, die es glauben, wissen, dass sie den Herrn nicht versuchen sollten. Für nicht christlich orientierte Menschen heißt dies: Nicht darauf bauen, dass der Kelch des Virus schon an ihnen vorbeigeht.

Der Volksmund weiß es schon ewig: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.“ Das zu beachten ist ein guter Schutz gegen Corona – und die meisten handeln auch so. Denn was sind schon ein Lappen vor Nase und Mund, Abstand und Party-Abstinenz gegen ein Virus, das Leib und Leben gefährdet? Und – zu Ende gedacht – ganze Volkswirtschaften und somit den Wohlstand in den Abgrund reißen kann.

Vielleicht hilft ein Blick über die Grenze zu den Niederländern. Sie gingen zuletzt ziemlich lässig mit Maske und anderem Schutz um. Für etliche Ostfriesen sogar ein Grund, um drüben einzukaufen. „In Holland muss ich nirgends eine Maske tragen“, wird eine Frau in der Zeitung zitiert. Mittlerweile erhalten unsere Nachbarn die Quittung und müssen die Zügel wieder anziehen. Im Süden des Landes gilt sogar draußen die Maskenpflicht. Ein Alarmzeichen: Ministerpräsident Rutte brach wegen steigender Infektionszahlen seinen Urlaub ab.  Es ist nicht mehr alles „leuk“ in Holland.

Bei uns lässt die Politik die Leine vorsichtig länger. Sozusagen auf Sichtweite. Mal sehen, wie sich Massentourismus und Wiederöffnung der Schulen auswirken.

Die meisten Menschen halten sich an die Regeln, sei es in Läden, Post, beim Frisör oder in Restaurants. Das gilt natürlich besonders für Krankenhäuser, Pflegeheime und Arztpraxen. Obwohl: Für Ärzte gibt es in ihren Praxen keine behördliche Maskenpflicht. Doch in der Regel fühlen sie sich verpflichtet.

Abgesehen von Ausnahmen. So offenbarte ein niedergelassener Arzt aus Leer auf Facebook, was er von Masken hält. Seinen Text, innerhalb kurzer Zeit von 29 Nutzern gelikt, von zwölf kommentiert und von einem geteilt, hat er inzwischen gelöscht. Doch lässt er tief blicken. Wörtlich: „Sehr geehrte Damen u. Herren, geehrte Regierung, verehrte Kassenärztliche Vereinigung, ab morgen werde ich keine Maske tragen. Gruß Dr.med.  ….“  Tja.   

Wertvolle Gäste

Samstag, August 8th, 2020

Spontan Urlaub machen oder ein paar Tage verreisen? Gar nicht so einfach. Man telefoniert oder surft lange herum. Alles ausgebucht. Corona kurbelt aktuell den Tourismus in Deutschland an. Ein Segen für die gebeutelte Gastronomie.

Auslandsreisen bergen Risiken, schlimmstenfalls sitzen Reisende bei einem Virusausbruch über Wochen fest. Das könnte eine Trendwende im Reiseverhalten einläuten. Motto: „Mein Hawaii ist Norderney“. Oder: Auch in Leer, Ditzum oder Weener ist es schön. 

Die Binsenweisheit von den schönen Ecken in Deutschland stimmt – und Urlauber entdecken, dass neben den Alpen und dem Schwarzwald auch die Küste einiges zu bieten hat. Das bestätigt die Contor-GmbH aus Hünxe (NRW) in einer Standortuntersuchung. Sie hat knapp 600 Städte und Gemeinden mit mehr als 20.000 Einwohnern abgeklopft, wie es dort mit dem Tourismus aussieht. 

Nicht verwunderlich liegt Garmisch-Partenkirchen ganz vorn, gefolgt von bekannten Touristenhochburgen. Deshalb schneidet Norden bestens ab, Aurich und Wittmund beachtlich. Aber auch abseits der Hochburgen blüht der Tourismus.

Aufgeführt sind – ziemlich abgeschlagen, aber immerhin – Moormerland und Westoverledingen. Natur pur ist dort die Devise. Das Rheiderland fehlt, weil keine der drei Gemeinden die 20.000-Einwohner-Marke übertrifft. Aber weder Weener noch Bunde würden nennenswert gut abschneiden, Jemgum würde vom Sonderfall Ditzum profitieren.

Der alte Fischerort mit Hafen und Kuttern, ansehnlicher Gastronomie, Hotel, Ferienhäusern und -wohnungen sowie großem Wohnmobilplatz ist der touristische Leuchtturm des Rheiderlands. Besucher kommen auch außerhalb der Hauptsaison. Und weil es an dieser Stelle passt: Erwähnung verdienen persönliche Initiativen wie das Café am Bingumer Deich oder das Melkhuske in Hatzum.

Weener fehlt es an Hotels und Gastronomie, hat mit dem alten Hafen und umzu aber einen Stern, der mehr zum Funkeln gebracht werden könnte. Bunde setzt mit dem Steinhaus einen kulturellen und am Dollart einen naturnahen Akzent.

Papenburg belegt den beachtlichen Platz 54. Die Erklärung: Das Besucherzentrum der Meyer-Werft. Auf Platz 242 im oberen Mittelfeld rangiert Leer – ein sehenswerter Rang für eine Stadt, die sich nicht unbedingt als Touristenort versteh. Sie ist ein Beispiel dafür, dass sich Tourismus lohnt.

Was lockt Besucher aus der Ferne (und aus dem Umland) nach Leer? Die Fußgängerzone ist attraktiv – wobei sich Besucher zurzeit fragen, warum man das Pflaster dort mitten im Sommer und nicht im Winter aufreißt, den es ja in alter frostiger Form kaum noch gibt. Unabhängig davon: Weitere Hotspots sind die Altstadt, der Hafen mitten in der Stadt, die Evenburg und im Winter die Weihnachtsmärkte. Anziehungspunkt Nummer eins für Touristen jedoch, man lese und staune, ist das Miniaturland.

Tourismus ist kein Selbstzweck, sondern ein Wirtschaftsfaktor, der den Ort auch für Einheimische lebenswerter machen kann. Er sorgt neben Vollzeit-Arbeitsplätzen für Nebenerwerbs-Jobs, erhöht das verfügbare Einkommen und steigert die Bettenbelegung in Hotels und Pensionen. Touristenorte halten oft die Einwohnerzahl stabil, während sie anderswo eher sinkt. Kurz und gut: Sie bieten vielen Menschen ein Ziel und Einheimischen willkommene Arbeit. 

Leer verliert im Großkreis

Samstag, August 1st, 2020

Ist ein Großkreis Ostfriesland besser als die bestehende Lösung mit den Landkreisen Leer, Aurich und Wittmund und der kreisfreien Stadt Emden? Diese Frage taucht immer mal wieder auf. Nicht selten ausgerechnet dann, wenn Politik so recht keinen Rat mehr weiß, um Probleme zu lösen. Ein Ausfluss von Ratlosigkeit ist aktuell die Forderung nach einem Großkreis Ostfriesland.

Diesmal kamen die Grünen mit ihrer Landtags-Vizepräsidentin Meta Janssen-Kucz aus Borkum damit um die Ecke. Sie haben das Thema allerdings nicht erfunden. Schon 2005 brachte der verstorbene Unternehmer Roelf „Tullum“ Trauernicht den Großkreis aufs Tapet, angefeuert durch seinen Erfolg mit dem Bau der A31.

Mitstreiter fand er damals in Teilen von SPD und CDU, besonders auch schon bei den Grünen sowie beim Bund der Steuerzahler, der vorrechnete, dass man viel Personal und damit Geld sparen könne. Dieses Argument steht bei solchen Debatten immer an erster Stelle, gleichrangig mit der Behauptung, ein Großkreis sei prinzipiell effektiver. Damals versandete die Debatte, spätestens als der Regionalrat Ostfriesland sich selbst auflöste. Nebenbei bemerkt: „Tullums“ Autobahn kam auch ohne Großkreis.

Wachstum ist wirtschaftlich oft richtig. Aber nicht selten stellen Unternehmen fest, dass sie zu groß geworden sind, zu unbeweglich, um schnell auf neue Umstände reagieren zu können. Größe bedeutet nicht unbedingt mehr Effektivität.

Ein Großkreis Ostfriesland wäre vielleicht sinnvoll bei einer einheitlichen Struktur der Region. Aber Aurich mit dem Tourismus auf den Inseln und an der Küste hat andere Aufgaben und auch Probleme als die industriell geprägte Hafenstadt Emden oder der Landkreis Leer mit Handel, Dienstleistungen, kleinen und mittleren Gewerbe- und Industriebetrieben. Der Landkreis Wittmund mit seinen nur 57.000 Einwohnern fällt aus der Reihe. Leer zählt fast dreimal so viel.

Eine sinnvolle Fusion ergibt sich nur, wenn alle Seiten gewinnen. Das ist in Ostfriesland nicht der Fall. Aurich könnte jubeln, würde Kreissitz – und Leer wäre der große Verlierer. Der Landkreis Leer hat sich eine bessere Finanzlage erarbeitet, hat viel in die Infrastruktur investiert, namentlich in Schulen, Mariko und schnelles Internet.

Bestes Beispiel jedoch sind die Krankenhäuser. Das Klinikum Leer wurde runderneuert und hat die finanziell maroden Krankenhäuser in Weener und auf Borkum saniert. Es ist das einzige Klinikum im Nordwesten, das schwarze Zahlen schreibt. Die Krankenhäuser in Aurich, Norden und Emden dagegen sind finanziell am Ende. Sie sollen – gegen heftigen Widerstand – aufgelöst werden und in eine neue Zentralklinik münden.                                                   

Landkreise sind keine reinen Wirtschaftsunternehmen, sondern neben Städten und Gemeinden eine Stütze der Kommunalen Selbstverwaltung, die auf ehrenamtlichem Einsatz ruht. Wenn sich die Menschen nicht mehr mit ihrem Landkreis identifizieren, bleibt das kommunalpolitische Ehrenamt auf der Strecke.

Zweifellos braucht Ostfriesland in Hannover und Berlin viel Schlagkraft. Aber die entsteht nicht durch formale Größe. Hilfreich ist kluge ostfriesische Zusammenarbeit. Landtags- und Bundestagsabgeordnete müssen dann daraus resultierende Pläne bei den Regierungen durchsetzen.