Archive for the ‘Wirtschaft’ Category

Wertvolle Gäste

Samstag, August 8th, 2020

Spontan Urlaub machen oder ein paar Tage verreisen? Gar nicht so einfach. Man telefoniert oder surft lange herum. Alles ausgebucht. Corona kurbelt aktuell den Tourismus in Deutschland an. Ein Segen für die gebeutelte Gastronomie.

Auslandsreisen bergen Risiken, schlimmstenfalls sitzen Reisende bei einem Virusausbruch über Wochen fest. Das könnte eine Trendwende im Reiseverhalten einläuten. Motto: „Mein Hawaii ist Norderney“. Oder: Auch in Leer, Ditzum oder Weener ist es schön. 

Die Binsenweisheit von den schönen Ecken in Deutschland stimmt – und Urlauber entdecken, dass neben den Alpen und dem Schwarzwald auch die Küste einiges zu bieten hat. Das bestätigt die Contor-GmbH aus Hünxe (NRW) in einer Standortuntersuchung. Sie hat knapp 600 Städte und Gemeinden mit mehr als 20.000 Einwohnern abgeklopft, wie es dort mit dem Tourismus aussieht. 

Nicht verwunderlich liegt Garmisch-Partenkirchen ganz vorn, gefolgt von bekannten Touristenhochburgen. Deshalb schneidet Norden bestens ab, Aurich und Wittmund beachtlich. Aber auch abseits der Hochburgen blüht der Tourismus.

Aufgeführt sind – ziemlich abgeschlagen, aber immerhin – Moormerland und Westoverledingen. Natur pur ist dort die Devise. Das Rheiderland fehlt, weil keine der drei Gemeinden die 20.000-Einwohner-Marke übertrifft. Aber weder Weener noch Bunde würden nennenswert gut abschneiden, Jemgum würde vom Sonderfall Ditzum profitieren.

Der alte Fischerort mit Hafen und Kuttern, ansehnlicher Gastronomie, Hotel, Ferienhäusern und -wohnungen sowie großem Wohnmobilplatz ist der touristische Leuchtturm des Rheiderlands. Besucher kommen auch außerhalb der Hauptsaison. Und weil es an dieser Stelle passt: Erwähnung verdienen persönliche Initiativen wie das Café am Bingumer Deich oder das Melkhuske in Hatzum.

Weener fehlt es an Hotels und Gastronomie, hat mit dem alten Hafen und umzu aber einen Stern, der mehr zum Funkeln gebracht werden könnte. Bunde setzt mit dem Steinhaus einen kulturellen und am Dollart einen naturnahen Akzent.

Papenburg belegt den beachtlichen Platz 54. Die Erklärung: Das Besucherzentrum der Meyer-Werft. Auf Platz 242 im oberen Mittelfeld rangiert Leer – ein sehenswerter Rang für eine Stadt, die sich nicht unbedingt als Touristenort versteh. Sie ist ein Beispiel dafür, dass sich Tourismus lohnt.

Was lockt Besucher aus der Ferne (und aus dem Umland) nach Leer? Die Fußgängerzone ist attraktiv – wobei sich Besucher zurzeit fragen, warum man das Pflaster dort mitten im Sommer und nicht im Winter aufreißt, den es ja in alter frostiger Form kaum noch gibt. Unabhängig davon: Weitere Hotspots sind die Altstadt, der Hafen mitten in der Stadt, die Evenburg und im Winter die Weihnachtsmärkte. Anziehungspunkt Nummer eins für Touristen jedoch, man lese und staune, ist das Miniaturland.

Tourismus ist kein Selbstzweck, sondern ein Wirtschaftsfaktor, der den Ort auch für Einheimische lebenswerter machen kann. Er sorgt neben Vollzeit-Arbeitsplätzen für Nebenerwerbs-Jobs, erhöht das verfügbare Einkommen und steigert die Bettenbelegung in Hotels und Pensionen. Touristenorte halten oft die Einwohnerzahl stabil, während sie anderswo eher sinkt. Kurz und gut: Sie bieten vielen Menschen ein Ziel und Einheimischen willkommene Arbeit. 

Leer verliert im Großkreis

Samstag, August 1st, 2020

Ist ein Großkreis Ostfriesland besser als die bestehende Lösung mit den Landkreisen Leer, Aurich und Wittmund und der kreisfreien Stadt Emden? Diese Frage taucht immer mal wieder auf. Nicht selten ausgerechnet dann, wenn Politik so recht keinen Rat mehr weiß, um Probleme zu lösen. Ein Ausfluss von Ratlosigkeit ist aktuell die Forderung nach einem Großkreis Ostfriesland.

Diesmal kamen die Grünen mit ihrer Landtags-Vizepräsidentin Meta Janssen-Kucz aus Borkum damit um die Ecke. Sie haben das Thema allerdings nicht erfunden. Schon 2005 brachte der verstorbene Unternehmer Roelf „Tullum“ Trauernicht den Großkreis aufs Tapet, angefeuert durch seinen Erfolg mit dem Bau der A31.

Mitstreiter fand er damals in Teilen von SPD und CDU, besonders auch schon bei den Grünen sowie beim Bund der Steuerzahler, der vorrechnete, dass man viel Personal und damit Geld sparen könne. Dieses Argument steht bei solchen Debatten immer an erster Stelle, gleichrangig mit der Behauptung, ein Großkreis sei prinzipiell effektiver. Damals versandete die Debatte, spätestens als der Regionalrat Ostfriesland sich selbst auflöste. Nebenbei bemerkt: „Tullums“ Autobahn kam auch ohne Großkreis.

Wachstum ist wirtschaftlich oft richtig. Aber nicht selten stellen Unternehmen fest, dass sie zu groß geworden sind, zu unbeweglich, um schnell auf neue Umstände reagieren zu können. Größe bedeutet nicht unbedingt mehr Effektivität.

Ein Großkreis Ostfriesland wäre vielleicht sinnvoll bei einer einheitlichen Struktur der Region. Aber Aurich mit dem Tourismus auf den Inseln und an der Küste hat andere Aufgaben und auch Probleme als die industriell geprägte Hafenstadt Emden oder der Landkreis Leer mit Handel, Dienstleistungen, kleinen und mittleren Gewerbe- und Industriebetrieben. Der Landkreis Wittmund mit seinen nur 57.000 Einwohnern fällt aus der Reihe. Leer zählt fast dreimal so viel.

Eine sinnvolle Fusion ergibt sich nur, wenn alle Seiten gewinnen. Das ist in Ostfriesland nicht der Fall. Aurich könnte jubeln, würde Kreissitz – und Leer wäre der große Verlierer. Der Landkreis Leer hat sich eine bessere Finanzlage erarbeitet, hat viel in die Infrastruktur investiert, namentlich in Schulen, Mariko und schnelles Internet.

Bestes Beispiel jedoch sind die Krankenhäuser. Das Klinikum Leer wurde runderneuert und hat die finanziell maroden Krankenhäuser in Weener und auf Borkum saniert. Es ist das einzige Klinikum im Nordwesten, das schwarze Zahlen schreibt. Die Krankenhäuser in Aurich, Norden und Emden dagegen sind finanziell am Ende. Sie sollen – gegen heftigen Widerstand – aufgelöst werden und in eine neue Zentralklinik münden.                                                   

Landkreise sind keine reinen Wirtschaftsunternehmen, sondern neben Städten und Gemeinden eine Stütze der Kommunalen Selbstverwaltung, die auf ehrenamtlichem Einsatz ruht. Wenn sich die Menschen nicht mehr mit ihrem Landkreis identifizieren, bleibt das kommunalpolitische Ehrenamt auf der Strecke.

Zweifellos braucht Ostfriesland in Hannover und Berlin viel Schlagkraft. Aber die entsteht nicht durch formale Größe. Hilfreich ist kluge ostfriesische Zusammenarbeit. Landtags- und Bundestagsabgeordnete müssen dann daraus resultierende Pläne bei den Regierungen durchsetzen.

Neue Friesische Freiheit

Freitag, Juli 31st, 2020

Die Wirtschaft und damit die Menschen in Ostfriesland dürfen nicht unter die Räder kommen – trotz der weltweiten Umbrüche, die drei Namen haben: Digitalisierung, Klimawandel und Corona. Innerhalb einer Woche legten deshalb zunächst die heimischen SPD-Landtags- und Bundestagsabgeordneten und dann Landes-Wirtschaftsminister Bernd Althusmann, CDU, ihre Ideen und Pläne zur Zukunft Ostfrieslands vor.

Bei genauem Hinsehen unterscheiden sich die Absichten der beiden Koalitionspartner in Hannover und Berlin nicht sonderlich. Das ist gut so, denn es erleichtert die Arbeit. Der Minister kam zur Vorstellung seines Ostfriesland-Plans nicht mit leeren Händen nach Emden, sondern brachte einige Millionen für kulturelle und touristische Pläne mit. Das ist erfreulich und lobenswert, erzeugt aber keine Aufbruchstimmung.

Zweifelhaft ist, ob sich der Verein „Wachstumsregion Ems-Achse“ mit Sitz in Papenburg für eine Million Euro zu einer „Denkfabrik“ entwickeln lässt. Fehlte nur, dass von einem „Think Tank“ die Rede gewesen wäre. Die Ems-Achse kümmert sich bisher vornehmlich um die wichtige Fachkräftewerbung und versucht dies aktuell mit einem neuen Irrgarten in einem Maisfeld bei Emsbüren. Aber „Denkfabrik“?

Da ist der Hochschule Emden-Leer kraft ihrer wissenschaftlichen Kompetenz mehr zuzutrauen. Sie soll eine wichtige Rolle spielen, die sie beim Wissenstransfer zwischen Unternehmen und Wissenschaft schon heute spielt.

Doch Dreh- und Angelpunkte sind die Landräte Groote aus Leer und Heymann aus Wittmund, beide SPD, Meinen aus Aurich und Oberbürgermeister Kruithoff aus Emden, beide parteilos. Sie firmieren als Ostfriesland-Allianz – unterstützt von mehreren Organisationen sowie den Landtags- und Bundestagsabgeordneten.

Staatliches Geld und Handeln sind nötig, doch einzig entscheidend ist, dass damit die Wirtschaft auf die Sprünge kommt. Wenn der Staat den Breitband-Ausbau bis an die letzte Milchkanne ausbaut, die Bildung mit aller Kraft voranpeitscht und Straßen, Schienen und Wasserwege in Schuss hält sowie Corona-Unterstützungen punktuell und zielgenau einsetzt, ist schon viel getan. Dann kann der Ostfriesland-Plan ein Erfolg werden. Unabhängig davon müssen VW, Enercon und Meyer stark bleiben.

Die Landräte und der Oberbürgermeister müssen über alle Schatten springen und sich auf ein paar Leuchtturm-Projekte einigen, die ausstrahlen. Geschichtlich sind Ostfriesland und Einheit zwei Paar Schuhe. Das historisch verwurzelte Häuptlings-Denken steckt in den Genen. Die neue Ostfriesland-Allianz hat die Chance, die alte Friesische Freiheit neu zu interpretieren. Motto: Gemeinsam stark durch projektbezogene Zusammenarbeit. Darauf baut auch Minister Althusmann, der einen langen Atem für nötig hält, ehe es aufwärts geht.    

Die Grünen, vertreten durch die Vizepräsidentin des Landtags, Meta Janssen-Kucz, früher Leer, heute Borkum, sehen das Heil darin, die bestehenden Landkreise aufzulösen und einen Großkreis Ostfriesland zu gründen. Damit ist Janssen-Kucz schon 2006 auf den Bauch gefallen. Über den ohnehin fraglichen Sinn und Nutzen jetzt nachzudenken, ist der falsche Termin. Denn eines ist sicher: Über Jahre gäbe es Hauen und Stechen zwischen Landkreisen und Stadt Emden. Viel politische Kraft wäre durch diese Streiterei gebunden. Deshalb: Bloß kein Großkreis.

Große Linien

Samstag, Juli 18th, 2020

Arbeitswelt und Alltag ändern sich. Corona wirkt dabei zusätzlich wie ein Brandbeschleuniger. Aber Klimawandel und Digitalisierung sorgen schon länger für einen schnellen Wandel, für den sich auch Ostfriesland wappnen muss.

Betroffen sind alle, nicht zuletzt die Wirtschaft – doch steuern muss die Politik. Deshalb lohnt sich ein Blick in „Leitideen“ zur Zukunft Ostfrieslands. Die ostfriesischen Bundestagsabgeordneten Johann Saathoff, Markus Paschke und Siemtje Möller sowie die Landtagsabgeordneten Matthias Arends, Johanne Modder und Wiard Siebels, alle SPD, haben sie zusammengefasst und gestern vorgelegt.

Sie verstehen die Leitideen als „Ausgangspunkt für einen ostfriesischen Zukunftspakt“ und verlieren sich nicht im Kleinkram, sondern zeichnen größere Linien – konzentriert auf die ostfriesischen Schlüsselbranchen: Automobilindustrie, Windenergie, Maritime Wirtschaft und Tourismus. Eigene Kapitel umfassen Infrastruktur, vielfältige Energieversorgung unter anderem mit „grünem Wasserstoff“ sowie allgemeine Bildung und Hochschule.

Die Abgeordneten streuen den Menschen keinen Sand in die Augen. Sie begreifen den unaufhaltsamen Wandel „trotz aller Härten als Chance“. Tatsächlich hält Ostfriesland gute Karten in der Hand.  

So öffnet der Klimawandel dank der fortgeschrittenen Windkraft das Tor zu einer klimafreundlichen Energiewirtschaft. Läuft es gut, kann Ostfriesland eine ähnliche energiepolitische Rolle spielen wie einst das Ruhrgebiet mit der Kohle. Die Windkraft hat noch Luft nach oben, Strom- und Gasnetze, Gasspeicher – alles ist da. Beste Voraussetzungen auch für die Wasserstofftechnik, deren industrieller Nutzen in einer Testfabrik in Diele erprobt werden soll.

Erneuerbare Energien sind auch entscheidend, ob E-Autos, die VW bald in Emden baut, klimafreundlich sind. Doch Autobau ist nicht alles. Die Abgeordneten fordern, dass die nächste Fabrik für Batterien und Batteriezellen in Ostfriesland entsteht.  Zum erneuerbaren Energiemix zählt der Wasserstoff, dem hohes Gewicht als künftiger Energieträger zugemessen wird, in der Industrie und in der Mobilität. Den Abgeordneten schwebt Ostfriesland als Modellregion für Elektromobilität vor – und für autonomes Fahren sollte es ein Forschungsschwerpunkt sein.

 Ostfriesland dürfe seinen Vorsprung in der Windenergie nicht verspielen, sondern müsse ihn gezielt ausbauen. Gleiches gelte für die Maritime Wirtschaft. Die Sozialdemokraten unterstreichen die Bedeutung der Reedereien und des Schiffbaus, namentlich der Meyer-Werft.

Gute Bildung von der Krippe bis zur Hochschule – oft gehört. Doch konkret klingt es wie Musik: Die Hochschule Emden-Leer zum Zentrum des Strukturwandels entwickeln und über das Regionale Pädagogischen Zentrum (RPZ) alle Lehrer fit machen fürs Home Schooling.

Und wer managt die „Leitideen“? Mitmachen sollen Kommunen, Politik, Hochschule, IHK, Handwerkskammer, Landschaft und Gewerkschaften – umsetzen soll es ein Ostfriesland-Büro unter dem Dach des Landesbeauftragten für regionale Landesentwicklung. Pläne gibt es genug, keiner muss neue ausdenken. Das bedeutet Zeitgewinn, der nötig ist, weil sich bald viele Regionen um Fördertöpfe balgen werden und Geld knapp wird. Wenn Ostfriesland sich zügig auf Scherpunkte einigt und gemeinsam auftritt, kann etwas daraus werden. Aber nur dann.  

Sprechstunde im Video

Freitag, Juli 17th, 2020

Für Lehrer und Schüler ist es das Lernen am Bildschirm zu Hause, für Arbeitnehmer das Arbeiten im Home-Office – und für Ärzte und Patienten die Videosprechstunde. Wie so vielem anderen gibt die Coronakrise der Telemedizin einen kräftigen Schub, auch hier bei uns.

Viele Ärzte, geschätzt die meisten, tun sich schwer damit, dass die Digitalisierung vor ihrem Beruf nicht Halt macht. Aber ihre Zahl bröckelt. Von den 40.000 niedergelassenen Ärzten in Niedersachsen boten im vorigen Jahr lediglich 75 eine Videosprechstunde an. Im ersten Quartal 2020, es ging gerade los mit Corona, waren es schon 2.111. Von ihnen praktizieren 147 in Ostfriesland.

Die Zahl wird steigen, schätzt Dieter Krott, Geschäftsführer der für Ostfriesland zuständigen Bezirksstelle Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Im Augenblick geht es darum, das Corona-Virus einzudämmen. Weniger Arztbesuche helfen dabei. Wer nicht im Wartezimmer sitzt, kann keinen anstecken und sich selbst das Virus nicht einfangen.

Videosprechstunden verringern Besuche in Arztpraxen. Technisch sind sie kein Problem.  Gerade in der Coronakrise skypen viele Großeltern mit ihren Enkeln oder nutzen den Videodienst Zoom. Das geht natürlich auch mit der Hausarztpraxis – sofern der Arzt mitspielt.

Videosprechstunden sind aber nicht nur in Epidemie-Zeiten praktisch. Der Ärztemangel, schon heute örtlich spürbar, wird sich in den nächsten Jahren verstärken. Gerade auf dem Lande mit oft großen Entfernungen zum Arzt bietet sich das Videosystem an.

Erste niedergelassene Ärzte in Leer weisen auf ihrer Homepage auf ihre Videosprechstunden hin. Das Klinikum in Leer ist mit seinen Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin, Innere Medizin und Psychosomatische Medizin sowie dem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) des Inselkrankenhauses Borkum mit dabei. Das Borromäus-Hospital weist Videosprechstunden für die Neurologie und Psychiatrie und für die Neurochirurgie aus.

Nützlich erweist sich die Videosprechstunde bei Erstberatung, Verlaufskontrolle von Wunden, Beurteilung von Bewegungsstörungen, langfristiger Begleitung von chronisch Kranken, Patienten mit Krankenhauskeimen (MRSA), schmerztherapeutischer Versorgung und nicht zuletzt in der Psychotherapie. Grundsätzlich gilt natürlich immer: Die Videosprechstunde ersetzt nicht den Arzt, aber sie hilft ihm, Zeit für seine eigentliche Arbeit zu gewinnen.

Ermutigt durch die guten Erfahrungen in der Coronakrise treibt die Kassenärztliche Vereinigung das digitale Instrument der Videosprechstunde voran und hat sie sogar schon auf den Bereitschaftsdienst ausgedehnt – unter Telefon 116117. Sie hat die Voraussetzungen für den Datenschutz für Patienten und die Finanzierung geregelt.

Beste Erfahrungen sammelten Augenärzte mit dem zweijährigen Telemedizin-Projekt „Opthamet-Telenet“ für die Insel Borkum. Im Inselkrankenhaus wurden die Bilder von den Augen gemacht, auf dem Festland stellten Augenfachärzte einen ersten Befund, empfahlen Therapien oder weitere Untersuchungen. Dadurch wurden auch Grunderkrankungen für Sehschwächen wie Diabetes erkannt. Abgesehen davon ersparten sich Borkumer eine Tagesreise aufs Festland. Ein Beitrag, den Fachärztemangel zu mildern, war es auch. Leider kostete das Projekt viel Geld. Zurzeit wird deshalb mit Krankenkassen über eine Fortsetzung verhandelt.

Es ist sehr ernst

Sonntag, Juli 5th, 2020

Schrammt die Meyer-Werft schon über den Grund oder hat sie noch eine Handbreit Wasser unterm Kiel? Seniorchef Bernard Meyer spricht von „der größten Krise, die er persönlich erlebt hat“. Tatsächlich dürfte er im Geschichtsbuch der Werft nicht auf einen Niederschlag wie die Coronakrise stoßen. Über Nacht stürzte der Betrieb von einer Hochphase fast auf null. 

1795 gründet Willm Rolf Meyer die Werft, sieben Generationen später steht immer noch die Meyer-Familie auf der Brücke. Diese ungewöhnlich lange Tradition ist zwar keine Garantie, aber sie gibt die Gewissheit, dass Vater und Söhne Meyer bis zum letzten Blutstropfen für die Werft kämpfen werden. Darauf können 3.600 Mitarbeiter und die ganze Region vertrauen.

Von außen betrachtet steht es innerhalb der Werft mit gegenseitigem Vertrauen nicht zum Besten. Augenscheinlich haben nicht alle den Ernst der Lage erkannt. Flankiert von Sandkastenspielen wie Unterschrifts-Aktionen hat es wochenlang gedauert, ehe sich Geschäftsleitung, Betriebsrat und IG Metall über Kurzarbeit geeinigt hatten. Von ursprünglich zwei Monaten wurde sie für den Rest des Jahres verlängert. Betriebsbedingte Kündigungen soll es bis dahin nicht geben. Streitpunkt bleibt das Urlaubsgeld, insgesamt 14 Millionen Euro, das nicht jetzt, sondern nach Ablieferung des Schiffs „Iona“ gezahlt werden soll. Geplant im August.  

Der Werft fehlt schlicht liquides Geld, weil nichts hereinkommt. Deshalb nimmt sie Kredite von der bundeseigenen KfW-Bank in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro in Anspruch. Die KfW finanziert auch Reedereien. Zum Glück hat sie ihnen für ein Jahr die Zahlungen gestundet. Das sorgt mit dafür, dass die Reedereien vorläufig keine Aufträge bei Meyer stornieren.

Meyer andererseits versucht, die Aufträge zu strecken – immer unter dem Damokles-Schwert einer Stornierung. Strecken heißt Zeit gewinnen, aber die Reedereien müssen mitmachen. Zurzeit liegt die „Iona“ fertig in Bremerhaven, aber der Kunde hat sie noch nicht abgenommen.

Ein erster Lichtblick: Für die fast fertige „Odyssey of the Seas“ stimmt die Reederei zu, sie erst im April 2021 abzunehmen. Eins aber bleibt: Die Werft hat hohe laufende Kosten – und fertige Ware liegt unbezahlt herum.

Der Kunde bezahlt ein Kreuzfahrtschiff zunächst in mehreren Tranchen bis zu 20 Prozent. 80 Prozent sind bei der Ablieferung fällig. Ein Schiff kostet plus-minus 800 Millionen Euro. Was das bedeutet, kann man an fünf Fingern abzählen.

 Die Streckungspläne ruhen auf der Hoffnung, dass in einigen Jahren der Kreuzfahrt-Tourismus wieder anspringt, aber ohne zu wissen, wie die Konkurrenzlage und die Preise dann aussehen. In Euro spricht Meyer von nötigen Einsparungen von 1,3 Milliarden in fünf Jahren. Das bedeutet 40 Prozent weniger Arbeit und damit weniger Jobs.

Der Betriebsrat, und das ist seine Aufgabe, möchte die Stamm-Arbeitsplätze retten. Diese sind aber teurer als Fremdfirmen. Andererseits braucht die Werft qualifizierte Leute.

Um zu retten, was zu retten ist, fehlt bisher ein weitsichtiges, kluges und mutiges Konzept. Staat, Banken, Reedereien, Zulieferer – alle müssen mit ins Boot. Geschäftsleitung und Betriebsrat sollten in Quarantäne gehen, dort Vorbehalte über Bord werfen, Nebenkriegsschauplätze ausblenden und gemeinsam Lösungen suchen.       

Das Virus und der Hund

Samstag, Juni 13th, 2020

Kaum jemand hätte es für möglich gehalten, dass ein Virus aus China den Alltag auch bis in den letzten Winkel Ostfrieslands verändert. Es beherrscht fast jede Unterhaltung. Das wäre zu verkraften – aber es wirbelt die Wirtschaft durcheinander, vernichtet zumindest zeitweilig Arbeitsplätze, gefährdet die Existenz kleiner Unternehmer wie Gastwirte und drängt eine Weltfirma wie die Meyer-Werft in Seenot.

Das Virus beschleunigt Vorgänge im Alltag, die sonst eher gemütlich über die Bühne gegangen wären. So rächt es sich schon seit Beginn des Corona-Ausbruchs, dass Schulen nur sehr zaghaft auf die Möglichkeiten der Digitalisierung vorbereitet worden sind. Schüler sind längst soweit, aber Kultusminister und der Großteil der Lehrerschaft hinken hinterher.

Um ein Beispiel aus der Schweiz zu nennen, wie es laufen kann: Dort lernen Schüler auch bei Seuchenalarm. Sie sitzen zu den gewohnten Schulzeiten mit dem Tablet zu Hause am Küchentisch und machen mit beim Unterricht. Nach einer Stunde ruft die Lehrerin zur Pause, und anschließend geht es weiter. Hierzulande sind den Kindern in vielen Fällen kopierte Lernzettel ins Haus geschickt worden, die sie dann wieder zurückschicken oder -bringen mussten. Steinzeit.

Noch ein Beispiel: Home-Office. Bis vor kurzem ein Fremdwort, heute gängige Praxis. Kaum ein Betrieb, in dem nicht Teile der Mitarbeiter zu Hause arbeiten, so lange Corona es erfordert. Alles, was normalerweise im Büro erledigt wird, lässt sich auch von zu Hause regeln. Jetzt Home-Office unbefangen zu praktizieren ist in Ordnung. Aber es wirft Fragen des Arbeitsrechts und des Datenschutzes auf, die noch zu regeln sind.

Geschäftliche Videokonferenzen statt aufwändiger und zeitraubender Treffen mit Anwesenheit kommen wegen Corona schwer in Mode. Und in Familien entpuppen sich Digitalmuffel plötzlich zu Fans moderner Technik. „Skype“ oder noch besser „Zoom“ werden Allgemeingut. Oma und Opa treffen sich mit den Enkeln am Bildschirm, auch Freundeskreise oder Stammtische verabreden sich zum Plaudern per „Zoom“. Das ist zwar nur Behelf, aber besser als nichts, wenn man sich sonst nicht sehen kann.

Corona bringt noch mehr Erfreuliches. So regt eine Leserbrief-Schreiberin aus Moormerland an, dass Kinder wieder mehr mit dem Fahrrad zur Schule fahren sollten – statt sich und andere in überfüllten Bussen anzustecken.

Nicht mit Corona zu tun hat eine Geschichte aus Norddeich, wo die Hundepromenade verlegt werden soll – mit der Folge, dass Hunde dort nicht mehr in der Nordsee baden können. Das führt zu Protesten und Demonstrationen ihrer Halter. Und verleitete die Süddeutsche Zeitung zu einem „Streiflicht“, eher nicht gedacht für eingefleischte Hundefans:

„Die Kurdirektorin will den Strand in den Masterplan Wasserkante einbinden und unter anderem eine künstliche Lagune anlegen, wo dann sterbensbleiche Holländer Südsee spielen, während die Hunde in die Röhre schnüffeln. Deren Strandleben soll auf einer eingezäunten Wiese stattfinden, ohne Zugang zum Meer, ohne Möglichkeit, Bälle aus dem Wasser zu apportieren, vor schlafenden Badegästen das nasse Fell auszuschütteln oder einen Flirt mit dem Seehund zu beginnen.“ Stammgäste mit Hund in Norddeich haben eben so ihre Probleme. Wenn es die einzigen wären: Corona könnte bleiben.     

Der „Wumms“ an der Basis

Sonntag, Juni 7th, 2020

Kommen wir mit „Wumms“ aus der Krise? Das zeigt sich in einigen Monaten. Finanzminister Olaf Scholz jedenfalls traut es dem 130-Milliarden-Konjunkturprogramm der Bundesregierung zu. Hinzu kommen ja noch weitere Milliarden, die schon beschlossen sind. Was kommt von dem Geld in Rathäusern und Kreisverwaltungen an, was direkt bei den Leuten?

Zunächst die Direktzuwendung. Eltern erhalten einmalig 300 Euro zusätzlich pro Kind zum Kindergeld. Das ruft Kritiker auf den Plan. Denn das Geld muss, abgesehen von Ausnahmen, versteuert werden. So kommen nicht alle Eltern in den vollen Genuss, denn die 300 Euro werden mit dem Vorteil aus dem steuerlichen Kinderfreibetrag verrechnet.

Das klingt kompliziert und ist es auch, bedeutet jedoch: Das Geld kommt denen zu Gute, die es nötig haben. Je mehr die Empfänger verdienen, desto geringer die Prämie. Und bei 85.000 Euro zu versteuerndem Jahresverdienst hört die staatliche Wohltat komplett auf. Das ist Sozialstaat aus dem Bilderbuch: Wer wenig hat, bekommt mehr, und je mehr man hat, desto weniger kassiert man. Wer die 300 Euro in Misskredit bringt, braucht sich nur bei Leuten mit geringem Einkommen umzuhören. Das Geld landet jedenfalls nicht in einem Aktienpaket.

Auch die Senkung der Mehrwertsteuer bis Jahresende von 19 auf 16 Prozent, beim ermäßigten Steuersatz von 7 auf 5 Prozent, ist gut. Kritiker argwöhnen zwar, dass die Wirtschaft die Senkung nicht an die Kunden weitergibt. Das mag sein, ist aber nicht zwangsläufig verwerflich. Es hilft der Liquidität, an der es in der Krise vielen Firmen mangelt.

Ein weiterer Vorteil: Die neue Mehrwertsteuer verzerrt nicht den Wettbewerb, sie bevorzugt keinen. Ist sie auch ein Kaufanreiz? Ein Kunde mit einer größeren Ausgabe wird sie nicht verachten. Es macht einen Unterschied, ob er für ein Auto von netto 15.000 Euro jetzt brutto 17.400 (16 Prozent) statt 17.850 Euro (19 Prozent) zahlt.  Bei einem in der Regel teureren E-Auto lohnt sich die Rechnung ebenfalls bei einem Innovations-Zuschuss von 9.000 Euro.

Um Kommunen finanziell flüssig zu halten, will der Bund ihnen das Haushalts-Loch stopfen, das Verluste bei der Gewerbesteuer reißen. Wie das letztlich aussieht, ist schwer voraussagen, weil es mit den eigentlich zuständigen Ländern abgestimmt werden muss. Aber der Weg ist richtig.

Neben dem bereits bestehenden Digitalpakt – und da sind sich nahezu alle Fachleute einig – muss das Konjunkturprogramm in die Bildung fließen, genauer: in die Digitalisierung der Schulen. Die Krise zeigt, dass hier längst nicht alles läuft, wie es längst hätte laufen müssen. Die Stadt Weener hat – beachtenswert – als eine der ersten Kommunen einen Medienentwicklungsplan auf einem Server gespeichert (in der Schublade liegen sie heute nicht mehr).

In der Stadt Leer jedoch sperrt sich die Bürgermeisterin, für die Grundschule in Loga fünf Tablets zu kaufen, die an benachteiligte Kinder ausgeliehen werden, damit sie notfalls auch am Küchentisch am Unterricht teilnehmen können. Das Land bezahlt die Tablets. Die Bürgermeisterin fürchtet Folgekosten für die technische Ausstattung der Schulen. Wie es aussieht, sorgt jetzt der Verwaltungsausschuss und bald der Schulausschuss dafür, dass die Tablets sofort angeschafft und alle Grundschulen digital aufgerüstet werden.    

Damit es glimpflich bleibt

Sonntag, Mai 24th, 2020

Bislang ist Ostfriesland vergleichsweise glimpflich durch die Corona-Krise gekommen. Das ist aber kein Grund, diesen erfreulichen Zustand aufs Spiel zu setzen. Zum Beispiel den Schlaumeiern auf die Leimrute zu gehen, die Virologie mit dem Einmaleins verwechseln.

Sie rechnen mit Blick auf die Corona-Statistik vor, dass die Gefahr, sich anzustecken, hierzulande lächerlich gering sei. Schutzmasken könne man deshalb in den Müll werfen und Abstandsregeln seien Freiheitsberaubung. Damit verkennen sie Ursache und Wirkung.

Ostfriesland kommt bisher einigermaßen über die Runden, weil die meisten Leute sich an die Regeln halten. Und weil zum Beispiel der Großbetrieb VW über Wochen geschlossen blieb (wegen Material-Lieferengpässen und Absatzflaute). Und weil frühzeitig der Großbetrieb Meyer-Werft entschlossen und präzise die Arbeitsabläufe den Corona- Erfordernissen anpasste. Und weil Handel und andere Dienstleister nach den Lockerungen deutlich die Wege und Abstände in den Läden markieren.   

Noch etwas spielt eine Rolle: Ostfriesland ist dünn besiedelt, es gibt keine Großstädte mit U- und Straßenbahnen und großen Bahnhöfen. Außerdem reisen nur wenige Ostfriesen zum Skifahren in die Alpen, so dass sie von dort keine Covid19-Viren einschleppen konnten. Die hier registrierten Fälle hatten fast alle dort ihre Ursprünge.

Corona ist nicht die erste weltweite Seuche (Pandemie), die Ostfriesland zu schaffen macht. Bekannt ist die „Spanische Grippe“, an der allein 1918 in Deutschland fast ein Viertel der Menschen erkrankt waren und 350.000 starben. Die Seuche wurde damals von der Heeresleitung und zivilen Behörden verschleiert – um die Kampfmoral von tausenden infizierten Soldaten nicht zu schwächen. Außerdem war das Gesundheitssystem mit der Seuche überfordert. Es gab keine Intensivbetten oder Notlazarette, kaum Krankenwagen und keine Atemschutzmasken. Die Seuche grassierte ungebremst. Es gibt nur wenig Literatur über die „Spanische Grippe“ in Ostfriesland.

Unsere Vorfahren im 16. Jahrhundert hatten die Pest am Hals. So schreibt Martin Tielke von der Ostfriesischen Landschaft über den damaligen Arzt Jacobus Cornicius:

„Als große und übervölkerte Hafenstadt war Emden für die Pest in besonderer Weise anfällig. Und diese erwies sich hier in der Tat als der apokalyptische Reiter, als den Dürer sie darstellt: Die Pest hat die ostfriesische Stadt in der Mitte des 16. Jahrhunderts in mehreren großen Wellen heimgesucht und forderte … zahlreiche Opfer; eine anonyme Quelle nennt beispielsweise für die Epidemie des Jahres 1575 … die Zahl von 6000 Toten. So ist es kein Wunder, daß der von der Stadt bestellte Arzt sich Gedanken über Verhütung und Bekämpfung dieser Seuche macht. Neigten die Pastoren dazu, sie als „Heimsuchung“ und „Strafe Gottes“ anzusehen, so war Cornicius Humanist und Naturwissenschaftler genug, um derartige Bangemachereien beiseite zu lassen und nüchtern die gegebenen Möglichkeiten abzuwägen…. Selbstverständlich konnte Cornicius nicht die wahre Ursache der Seuche kennen…Aber er weist auf die Bedeutung der Hygiene hin.“

Was lehrt uns das? Besonders in Seuchenzeiten ist Hygiene das Gebot der Stunde. Übersetzt in Corona-Deutsch: Hände waschen und desinfizieren, Schutzmaske anlegen und Abstand halten. 

Warten auf bessere Zeiten

Samstag, Mai 9th, 2020

War eigentlich was? Vor ein paar Tagen noch war fast alles zu, nichts los auf den Straßen. Heute reden alle von Öffnungen. Wie vorher soll es sein. Nur die Kanzlerin und einige Virologen mahnen unverdrossen zur Besonnenheit und erinnern daran, dass Covid-19 sich so leicht und schnell nicht geschlagen gibt.

Unsereins gibt zu, von Viren und Epidemien wenig Ahnung zu haben und auf Wissen und Rat der Fachleute angewiesen zu sein. Er hat in seinem Beruf gelernt, nicht alles zu glauben, aber alles für möglich zu halten – und die Dinge so zu betrachten, wie sie sind. Es ist, wie es ist. Aber wie ist es?

So nährt ein Blick auf die reichen Volkswirtschaften die Hoffnung, dass es mit etwas Glück keinen wirtschaftlichen Niedergang zu geben braucht, wie ihn Unkenrufer herbeischwören. Regierungen trotzen mit Billionensummen der Krise. Im Gegensatz zur Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren gibt es heute funktionierende Sozialstaaten.

Dazu gehört unser Land. Doch wie die Regierung das Geld ausgibt, ist nicht in jedem Fall unstrittig. Ein Beispiel, das auch Ostfriesland angeht: Prämien für den Autokauf, ja oder nein? Größter Arbeitgeber hier ist das VW-Werk Emden. Noch hat die Regierung die Kaufprämie nicht beschlossen. Das ist gut so. Denn nach Ansicht der meisten Fachleute bringt sie nicht viel, wie schon 2009 die Abwrackprämie bewiesen hat. Sie würde vor allem ausländischen Autofabriken helfen.

Ohnehin ist offen, ob die Autoindustrie es überhaupt nötig hat. So hocken VW, Daimler oder BMW auf milliardenschweren Polstern. Trotzdem greifen sie Kurzarbeitergeld ab. VW zahlte noch vor wenigen Wochen seinen Mitarbeitern Boni von je 6.000 Euro, von Manager-Boni und Dividenden nicht zu reden. Mit einer Kaufprämie würde der Staat dem Konzern einen Teil der Entschädigungen und vermutlich anstehenden Geldstrafen wegen Betrugs an Autokäufern (Dieselskandal) indirekt teilweise gegenfinanzieren.

Deshalb ist es eine Überlegung wert, nicht die Autokonzerne mit Prämien zu pampern, sondern den Tourismus direkt zu unterstützen, der mehr Menschen beschäftigt als die Autobauer. Oder das Gastgewerbe. Oder die Bauwirtschaft und ihre Neben-Handwerke. Das Geld bleibt praktisch in der Nachbarschaft. Oder Kommunen unter die Arme greifen, damit sie den Digitalpakt schnell umsetzen können – sprich, die Schulen für digitales Lernen fit zu machen. Ein Manko, das sich in der Coronakrise schmerzlich bemerkbar macht.

Auch im Kleinen bietet sie Chancen. Blicken wir nach Leer in die Fußgängerzone, die dringend saniert werden muss. Die Stadt möchte jetzt mit dem ersten Bauabschnitt beginnen. Doch ausgerechnet die Werbegemeinschaft bremst. Sie sagt, das werfe den Handel gerade in der Krise noch weiter zurück.

Doch betroffene Kaufleute sehen das ganz anders: Die Stadt solle den Umbau sofort in der ohnehin flauen Zeit durchziehen – damit nach überstandener Krise alles gut und schön ist. Das klingt logisch, denn die Leute kaufen zurzeit nur das Nötigste. Kurzarbeit, Virusangst und Maskenpflicht dämpfen die Kauflust.

Erst müssen die Zeiten sich wieder bessern. Um die Strecke bis dahin einigermaßen zu überstehen, der Tipp von Bernhard Kroon aus Beschotenweg, der in Shanghai lebt und arbeitet: „Je mehr Leute sich an die Regelungen halten, desto schneller geht die Krise vorbei.“