Kluge Entscheidung

Mai 17th, 2020

Weltgeschichte ist manchmal auch Dorfgeschichte. Dann bekommt sie plötzlich ein Gesicht, das man kennt. Es kann ein schönes sein, aber genauso eine Fratze. So geschehen in den vergangenen Monaten in Völlen. Was im Dorf kaum jemand wusste: Ihr einstiger Mitbürger Johann Niemann ist ein Massenmörder, verantwortlich für den Tod von hunderttausenden Menschen in SS-Vernichtungslagern in Polen während des zweiten Weltkriegs und vorher in Behinderten-Einrichtungen in Deutschland.

Ein Heimatforscher und professionelle Historiker enttarnen ihn. 75 Jahre nach Kriegsende erscheint darüber ein Buch: „Fotos aus Sobibor – Die Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus“.  Ein eher harmlos klingender Titel, ein Zeugnis der Banalität des Bösen.  

Eine spezielle Völlener Geschichte? Eigentlich könnte sie überall spielen, denn die Massenmorde in der Nazizeit wurden ja nicht von Hitler oder Himmler persönlich verübt, sondern von Menschen wie du und ich, die ganz normale Verwandte, Nachbarn, Freunde oder Arbeitskollegen waren. So wie Johann Niemann in Völlen.

Er lernt Maler, meldet sich zur Schutzstaffel (SS) der NSDAP, macht Karriere bis zum SS-Untersturmführer. Zunächst arbeitet er als Wächter im KZ Esterwegen, später in Krankenheimen, wo er Behinderte vergast und verbrennt (Euthanasie). Das qualifiziert ihn für eine neuartige Aufgabe im Vernichtungslager Belzec in Polen, 1941 eingerichtet als Folge des Hitler-Befehls, alle polnischen Juden umzubringen. Im September 1942 wird Niemann ins nahe Lager Sobibor versetzt. In Belzec ist er bei 250.000, in Sobibor bei 185.000 vergasten und verbrannten Juden, Sinti und Roma dabei. Als stellvertretender Lagerkommandant. Am 14. Oktober 1943, bei einem Aufstand im Lager, schlägt ihm ein Zwangsarbeiter mit einer Axt den Schädel ein.

Die Völlener gravieren nach dem Krieg seinen Namen auf ein Denkmal, das die Gefallenen und Vermissten beider Weltkriege aufführt. Es steht neben der Kirche und gehört dem Bürgerverein Völlen, der es auch pflegt.

Was tun mit dem Namen Johann Niemann auf dem Denkmal? Auf diese Frage fand der Bürgerverein mit seinem Vorsitzenden Günther Eden eine Antwort. Die Rheiderland-Zeitung berichtete gestern darüber. Mit Hammer und Meißel den Namen einfach herauskappen, wie nicht wenige Völlener vorschlagen? Auch der von Eden angefragte Zentralrat der Juden rät, den Namen zu tilgen. Verständliche Reaktionen.

Doch der Bürgerverein, der sich eng mit dem Völlener Pastoren Heino Dirks abstimmte, entschied anders. Er stellt sich offen der Geschichte. Aus dem Denkmal macht er ein Mahnmal. „Unseren gefallenen Helden“ ersetzte er bereits durch ein „Nie wieder“ über den Namen der Toten. Ein meilenweiter Unterschied.

Niemanns Name wird demnächst durch Plexiglas bedeckt, mit Hinweis auf eine Info-Tafel neben dem Denkmal. Deren Text skizziert die Lage der toten Soldaten, „über deren Überzeugungen und Schuldverstrickungen wir wenig wissen“. Doch Niemann sei nachweislich ein „überzeugter Täter“ gewesen, „direkt für den Tod von unzähligen Juden, Sinti und Roma und behinderten Menschen verantwortlich“. Niemanns Name bleibt stehen, so Eden, „weil man die Erinnerung an seine unsäglichen Verbrechen nicht einfach auslöschen darf“.  Eine geschichtsbewusste, verantwortungsvolle, kluge, auch mutige Entscheidung.

Warten auf bessere Zeiten

Mai 9th, 2020

War eigentlich was? Vor ein paar Tagen noch war fast alles zu, nichts los auf den Straßen. Heute reden alle von Öffnungen. Wie vorher soll es sein. Nur die Kanzlerin und einige Virologen mahnen unverdrossen zur Besonnenheit und erinnern daran, dass Covid-19 sich so leicht und schnell nicht geschlagen gibt.

Unsereins gibt zu, von Viren und Epidemien wenig Ahnung zu haben und auf Wissen und Rat der Fachleute angewiesen zu sein. Er hat in seinem Beruf gelernt, nicht alles zu glauben, aber alles für möglich zu halten – und die Dinge so zu betrachten, wie sie sind. Es ist, wie es ist. Aber wie ist es?

So nährt ein Blick auf die reichen Volkswirtschaften die Hoffnung, dass es mit etwas Glück keinen wirtschaftlichen Niedergang zu geben braucht, wie ihn Unkenrufer herbeischwören. Regierungen trotzen mit Billionensummen der Krise. Im Gegensatz zur Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren gibt es heute funktionierende Sozialstaaten.

Dazu gehört unser Land. Doch wie die Regierung das Geld ausgibt, ist nicht in jedem Fall unstrittig. Ein Beispiel, das auch Ostfriesland angeht: Prämien für den Autokauf, ja oder nein? Größter Arbeitgeber hier ist das VW-Werk Emden. Noch hat die Regierung die Kaufprämie nicht beschlossen. Das ist gut so. Denn nach Ansicht der meisten Fachleute bringt sie nicht viel, wie schon 2009 die Abwrackprämie bewiesen hat. Sie würde vor allem ausländischen Autofabriken helfen.

Ohnehin ist offen, ob die Autoindustrie es überhaupt nötig hat. So hocken VW, Daimler oder BMW auf milliardenschweren Polstern. Trotzdem greifen sie Kurzarbeitergeld ab. VW zahlte noch vor wenigen Wochen seinen Mitarbeitern Boni von je 6.000 Euro, von Manager-Boni und Dividenden nicht zu reden. Mit einer Kaufprämie würde der Staat dem Konzern einen Teil der Entschädigungen und vermutlich anstehenden Geldstrafen wegen Betrugs an Autokäufern (Dieselskandal) indirekt teilweise gegenfinanzieren.

Deshalb ist es eine Überlegung wert, nicht die Autokonzerne mit Prämien zu pampern, sondern den Tourismus direkt zu unterstützen, der mehr Menschen beschäftigt als die Autobauer. Oder das Gastgewerbe. Oder die Bauwirtschaft und ihre Neben-Handwerke. Das Geld bleibt praktisch in der Nachbarschaft. Oder Kommunen unter die Arme greifen, damit sie den Digitalpakt schnell umsetzen können – sprich, die Schulen für digitales Lernen fit zu machen. Ein Manko, das sich in der Coronakrise schmerzlich bemerkbar macht.

Auch im Kleinen bietet sie Chancen. Blicken wir nach Leer in die Fußgängerzone, die dringend saniert werden muss. Die Stadt möchte jetzt mit dem ersten Bauabschnitt beginnen. Doch ausgerechnet die Werbegemeinschaft bremst. Sie sagt, das werfe den Handel gerade in der Krise noch weiter zurück.

Doch betroffene Kaufleute sehen das ganz anders: Die Stadt solle den Umbau sofort in der ohnehin flauen Zeit durchziehen – damit nach überstandener Krise alles gut und schön ist. Das klingt logisch, denn die Leute kaufen zurzeit nur das Nötigste. Kurzarbeit, Virusangst und Maskenpflicht dämpfen die Kauflust.

Erst müssen die Zeiten sich wieder bessern. Um die Strecke bis dahin einigermaßen zu überstehen, der Tipp von Bernhard Kroon aus Beschotenweg, der in Shanghai lebt und arbeitet: „Je mehr Leute sich an die Regelungen halten, desto schneller geht die Krise vorbei.“  

Von Menschen und Masken

Mai 3rd, 2020

Auch wer es nicht gern zugibt: Es ist interessant, Mitmenschen zu beobachten – wie sie mit Corona-Masken einkaufen, ob sie Abstand halten oder versuchen, ihr Auto rückwärts einzuparken. Muss wohl in den Genen liegen. 

In ungewöhnlichen Zeiten verhalten sich Menschen logischerweise eher ungewöhnlich. Was bleibt auch übrig, wenn sie es mit einem neuen Virus zu tun haben, das im Gegensatz zu  bekannten Grippe-Viren die blöde Eigenschaft hat, nicht nur die Lunge im schlimmsten Fall zu zerstören, sondern auch über andere lebenswichtige Organe wie Herz, Niere oder Leber herzufallen. Trotzdem und entgegen dem Urteil praktisch aller Virologen spielt der eine oder die andere das Covid-19-Virus als normalen Grippe-Überträger herunter. Das zeigt höchstens, dass dieses Virus indirekt auch ganz oben liegende Körperteile beeinflusst.

Journalisten fällt es von Berufs wegen eher schwer, Regierungen und Verwaltungen zu loben. Das muss auch so bleiben. Unabhängig davon: Bislang steuern die verantwortlichen Männer und Frauen das Land ordentlich durch die Corona-Krise, die ja wirklich für alle Neuland ist. Von denen, die bewusst Schlimmeres erlebt haben wie den Zweiten Weltkrieg, leben nur noch wenige oder waren damals Kinder.

Noch ein Wort zu unseren Politikern: Mit einer strengen Corona-Linie lassen sich nur schwer Lorbeeren verdienen, vielleicht später einmal in Geschichtsbüchern. Zurzeit erleben wir, dass alle Lobbygruppen zum Sturm auf die Regierungen blasen und Lockerungen verlangen. Das ist zwar verständlich, denn es geht um Lohn und Brot. Zum Glück entscheiden sie nicht.

In Ostfriesland dreht sich vieles um den Tourismus, der am Boden liegt.  Ihm wieder auf die Beine zu helfen, ist ungleich schwieriger als Fabriken und Läden am Laufen zu halten. In Betrieben helfen Abstände und Markierungen, bei durcheinander quirlenden Touristenströmen ist das ungleich schwieriger. Merkel, Scholz, Spahn, Weil & Co. ist weiterhin ein kühler Kopf und eine stabile Seelenlage zu wünschen.

Fürs Gemüt tun auch eigentlich unwichtige Dinge gut. Wie der „Ossiloop“, ein traditioneller Laufwettbewerb zwischen Leer und Bensersiel. Gut 2.000 und mehr Läufer rennen im April/ Mai normalerweise dienstags und freitags in sechs Etappen von Leer bis an die Nordsee. Corona macht es diesmal unmöglich. Doch Organisator Edzard Wirtjes aus Leer hatte eine Idee. Er ließ eine App entwickeln, die Laufstrecken und Zeiten der Teilnehmer aufzeichnen. Jeder läuft jetzt für sich allein, wie letzten Dienstag und gestern und in den noch ausstehenden Wochen. Egal, wo er ist, in Orten in aller Welt. 3.500 Leute machen mit. Rekord.

Krisen verstärken das Gemeinschaftsgefühl. Viele merken (wieder), dass sie auf den Nachbarn, den Arbeitskollegen und andere möglicherweise angewiesen sind. Krisen verstärken die positiven und negativen Seiten des Menschen, sagen Psychologen, und die Realität beweist es.

Ein krasses Beispiel: Der Verein „Organtransplantierte Ostfriesland“ näht fleißig Schutzmasken für Risikogruppen und Pflegepersonal. Bisher bereits 4.500 Stück. Spurlos verschwunden sind jetzt 56 Meter hochwertiger Stoff und anderes Material, beklagt die Vorsitzende. Wie sagte ein offensichtlich psychologisch kundiger Berliner Taxifahrer „uff balinerisch“: „Die Juten werden bessa, die Schlechten schlechta.“

Was Amazon kann…

April 26th, 2020

Corona mit ihrem Covid-19-Virus ist eine üble Seuche, mehr als ein medizinisches Problem. Sie verändert unseren Alltag auf Dauer. Wer hätte gedacht, dass er im Laden eine Maske über Mund und Nase ziehen muss und die Kassiererin hinter Plexiglas sitzt? Wer konnte mit „Home Schooling“ etwas anfangen? Heute ist die Küche das Klassenzimmer der Kinder.

Das ist Behelf. Aber die Digitalisierung wird schneller fortschreiten als vermutet. So bleibt der Lernort Schule zwar Mittelpunkt, aber der Unterricht ist nicht daran gebunden. In ganz modernen Schulen arbeiten Lehrer und Schüler schon mit „Microsoft Classroom“, auch das Hasso-Plattner-Institut bietet gute Software. „Zoom“ und „Skype“ sind gängige Gebrauchsartikel – in vielen Schulen, und bei Eltern und Großeltern, die mit aushäusigen Kindern, Enkeln und anderen Verwandten nicht nur telefonieren, sondern sie auch in Echtzeit sehen wollen.

Manche Lehrerkollegien – aber auch Firmenbelegschaften – wundern sich, dass es die üblichen Konferenzen, zu der sich alle (ungern) versammeln, gar nicht geben muss. Mit Videokonferenzen geht es auch.

Selbst Home-Office gewinnt an Wertschätzung bei so manchem skeptischen Firmenchef oder Vorgesetzten. Sie haben die Mitarbeiter zwar nicht mehr im Auge, aber doch einen Überblick über deren Arbeit. Home-Office wird über Nacht normal. Man wundert sich.

Die Coronakrise legt Schwächen offen, andererseits bietet sie Chancen und Gelegenheiten, die bisher zu wenig genutzt wurden, jetzt in der Not aber angepackt werden müssen. Das gilt nicht für Schulen, für Verwaltungen, Betriebe oder Ärzte, die dringend einen digitalen Schub brauchen.

Die technische Infrastruktur dafür ist im Landkreis Leer weitgehend vorhanden, weil die Landräte Bramlage und Groote, der Kreistag und einige Gemeinden den Breitbandausbau für schnelles Internet frühzeitig in Gang gesetzt haben.

Diese Grundlage nutzt auch dem Handel. Jammern über die Online-Konkurrenz hilft ihm nicht weiter. Führende Kaufleute klagen gern, gegen Amazon sei kein Kraut gewachsen. Diese Logik erscheint nicht zwingend. Die Antwort kann nur heißen: Was Amazon kann, können wir auch. Der amerikanische Online-Riese besitzt keinen einzigen Laden, „nur“ Daten. Er verteilt Dinge, die andere herstellen und an den Mann bringen wollen.

Für dieses System hat Amazon kein Monopol. Es lässt sich auf kleinteilige Regionen übertragen. So gibt es in der Coronakrise plötzlich im Landkreis Leer eine Plattform, auf der sich auf Anhieb gut 140 Betriebe versammeln. Sie ist ausbaufähig. Aller Anfang ist aber auch hier schwer.

Es muss sich erst herumsprechen, dass sich mit Digitalisierung Geld verdienen lässt. Damit kann zum Beispiel ein Laden in Leer nicht rechnen, der das Telefon klingeln lässt, wenn ein Kunde etwas bestellen möchte. Besser macht es das Fischhaus Ditzum. Es ist digital auf der Höhe der Zeit, sogar mit einer eigenen App.

Die Krise deutet auf ein verändertes Einkaufsverhalten hin, und Amazon steigt verstärkt in den Lebensmittel-Online-Handel ein. Edeka, Rewe, Lidl und Aldi sind dafür nicht gerüstet, sagen Fachleute. Wie auch immer: Viele Kunden wollen online einkaufen – und fragen verstärkt nach regionalen Produkten. Darin liegt die Chance des Einzelhandels. Was Amazon kann, kann er auch.  

„Haarmonie“

April 18th, 2020

Haarsträubend, was Corona alles so mit sich bringt. Aber darüber schweigen wir hier – und   beschränken uns schlicht auf den Kopfschmuck, ohne dass es gleich zu haarig wird – wohl wissend um die Gefahr, Erzählungen an den Haaren herbeizuziehen. Sozusagen haarscharf am Thema vorbei. Aber das unterliegt einzig dem Urteil der geneigten Leserschaft.

Von Corona sollte eigentlich keine Rede sein, aber man kommt irgendwie nicht drumherum. Da müsste man schon Locken auf der Glatze drehen können. Was wir sagen wollen: Unser Kopf braucht – und schon ist Corona im Spiel – dringend einen Haarschnitt. Wer hätte jemals gedacht, dass Haare sich zu einem Problem auswachsen könnten. Aber das Virus schlägt den Frisören die Schere aus der Hand. Und nagelt ihre Farbtöpfe zu – mit der Folge, dass manche Männer plötzlich feststellen, dass sie gar keine Blondine an ihrer Seite haben.

Denkt man drüber nach: Um Haare ging es schon immer, von klein auf. Im eigenen Kopfkino spielt dieser Film aus der Kindheit: Der Vierjährige geht an der Hand von Opa zum Frisör. Dieser platziert ihn auf ein Brett, das er über die Seitenlehnen des Stuhls legt. Der Patient braucht die richtige Schneidehöhe. Patient ist kein sprachlicher Fehlgriff, denn der Frisör reißt mit einem eher stumpfen handbetriebenen Schneidegerät, ratsch-ratsch, die Haare aus der Kopfhaut. Es tut höllisch weh. Nur die tapfersten Jungen unterdrücken die Tränen, bei den meisten ist Opas Taschentuch gefragt.

Jugendliche hatten von solchen Halbglatzen der Kinderzeit und den geschorenen Köpfen der Väter später in den 50er und 60er Jahren die Nasen voll. Elvis Presley, dann die Beatles dienten ihnen auch bei den Haaren als Vorbilder. Sehr zum Ärger der meisten Väter und Schuldirektoren. „Lange Haare – kurzer Sinn.“ Damals ein gängiger Spruch aus erwachsenem Mund.

Lang ist’s her – oder lieber „Lang ist`s hair“. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ schrieb neulich einen Artikel über Namen von Frisiersalons. Überschrift: „Verhairendes Haar-a-kiri.“ Tatsächlich – wer mal darauf achtet, dem fallen kreative, aber auch haarsträubende Namen von Frisiersalons ins Auge. Über die Internet-Plattform Openstreetmap stößt man in eine Wortspielhölle vor. In ihr tummeln sich auch knapp zehn Prozent der 81.000 deutschen Frisörbetriebe.

Spitzenreiter sind Haarmonie, Haargenau und Haarscharf. Das geht ja noch. An den Haaren herbeigezogen wirken dagegen Namen wie Haarzienda, Kammbäck, Hairtie, Kamm in oder Haartistik. Und wenn Frisörin Katharina ihren Laden Cut-Haar-Ina nennt oder eine andere in der Sahaara verdurstet, fällt einem auch nicht mehr viel ein. Über kurz oder lang gelangt man sogar zu einem Kaiserschnitt. Es ist eben Kopfsache, und die Vier Haareszeiten kommen und gehen so oder so.

Im Rheiderland und in Leer neigen Frisöre und Frisörinnen nicht zu Wortspielen. Ein kleiner Ausreißer ist hierzulande nur DiHaarmant in Bingum. Auffällig noch Capellissimi Hairstyle in Bunde. Muss italienisch sein, kein Wortspiel. Denn Haar heißt „Capello“. Unter diesem Namen ist uns bisher nur ein Fußballtrainer untergekommen.

Ab 4. Mai ist das Haarthema durch. Dann öffnen die Frisöre wieder ihre Salons. Unsere Köpfe laufen wieder zur Form auf. Und wir verdanken Corona die Erkenntnis: Frisöre sind systemrelevant. So’n bisschen jedenfalls.

Hier bin ich Mensch

April 13th, 2020

Ostern ist auch nicht mehr das, was es mal war – so ganz oberflächlich und irdisch betrachtet. Da machte die Familie einen „Osterspaziergang“ und Goethe schrieb dazu ein Gedicht. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick.“

Und heute? Die Ems friert längst nicht mehr zu. Der Klimawandel gibt dem Eis selbst auf dem kleinsten Tümpel keine Chance mehr, verbannt unsere Schöfels auf dem Dachboden. 

Auch die Schule ist nicht mehr das, was sie war. Früher lernten wir dort viele Verse auswendig, nicht nur von Goethe. Auch Eduard Mörike brachte uns das Ende des Winters fröhlich nahe: „Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte.“ Das blaue Band hat sich verflüchtigt. Statt seiner üben Pollen die Lufthoheit aus. Unsichtbar. Aber die Augen brennen und die Nase läuft. Deshalb wissen wir heute auch ohne Mörike: „Frühling, ja du bist’s. Dich hab‘ ich vernommen!“ Was wir heute vernehmen, verrät uns die Wetter-App: Birke und Weide, vermischt mit Pappel und Ulme.

Goethes Osterspaziergang würde in einigen Passagen heute ganz schön aus der Zeit fallen. Zweifellos war er ein beschlagener Kopf. Hätte er deshalb nicht wissen müssen, dass uns der Frühling 2020 Corona und Covid 19 beschert? Verbunden mehr oder weniger mit Ausgangs- und Kontaktsperre?

Wie der Dichter beobachtet, war es bis vorige Ostern: „Sieh nur, sieh, wie behänd sich die Menge durch die Gärten und Felder zerschlägt.“ Aber im Gegensatz zu heute müssen sie sich ihre Lieben nicht anderthalb bis zwei Meter vom Leib halten. Gefragt, weil lebenserhaltend ist Denken im Widerspruch: Nähe durch Abstand.  

Die Motivation im Gedicht ist klar: „Jeder sonnt sich heute so gern. Sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden…, aus der Straßen quetschender Enge, aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht sind sie alle ans Licht gebracht.“ Selbst das ist nicht mehr wie früher. Wer es mit der Auferstehung des Herrn hält und morgen Gottesdienst in der Kirche feiern möchte – er kommt nicht mal mehr rein, würde vergeblich an der Kirchentür rütteln.

Corona hält die große Gemeinde fern. Doch Trost bietet in diesem Fall nicht Goethe, sondern die Bibel, wo Jesus in Matthäus 18, Vers 20, sagt: „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Das müsste sich auch zu Hause hinkriegen lassen vor PC oder Laptop, die Predigt und Orgel streamen. Erst in der Not bauen viele Kirchengemeinden plötzlich auf digitale Medien. Erste Erfahrungen zeigen sogar: Die Zahlen der Zugriffe auf Computer-Andachten sind größer als die Zahlen der realen Kirchgänger. Sind Videokonferenz, Podcast oder Audiokonferenz der neue Gottesdienst?

Der Blick in Zeitungen und andere Medien verheißt für die nächste Zeit wenig Gutes. „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ Unübertroffen, dieser alte Kalauer. Seine Urheberschaft wird meistens dem begnadeten Spötter Karl Kraus zugeschrieben. Nicht ganz so zynisch, aber ebenso lebensweise klingt der Komiker und Schauspieler Karl Valentin: „Die Zukunft war früher auch besser.“ Aber gerade zu Ostern wollen wir nicht Trübsal blasen und schließen deshalb mit Goethes „Osterspaziergang“, mit dem wir auch angefangen haben: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich`s sein.“

Von einem Kunststück

April 5th, 2020

Wird meine Firma überleben? Eine Frage, die Firmenchefs und Mitarbeiter umtreibt. Denn das Corona-Virus frisst sich tief ein auch in Wirtschaft und Gesellschaft, kurz gesagt: In unser aller Alltag.

Beim „Protje“, neudeutsch „Smalltalk“, an der Kasse bei Multi in Leer erzählt die langjährige Kassiererin, sie sei froh, jeden Tag zur Arbeit gehen zu können. Und sagt noch etwas, was gewöhnlich dort nicht zu hören ist: „Ich mache mir Sorgen um die Wirtschaft.“

Ihre Sorge ist berechtigt. Nicht aus Jux und Dollerei weigern sich die Kanzlerin und alle Ministerpräsidenten, eine baldige Aufhebung der Einschränkungen auch nur in den Mund zu nehmen. Normalität ist noch nicht angesagt. Nicht zufällig sind es Oppositionspolitiker, die einer schnellen Rückkehr zur Freizügigkeit das Wort reden. Sie müssen den Kopf nicht hinhalten.

Alle Krankenhäuser wappnen sich gegen die Epidemie, räumen Betten und rüsten intensivtechnisch auf. Um es mit einem vertrauten Bild zu beschreiben: Zurzeit sieht es aus wie Ebbe, aber der Wetterdienst kündigt eine schwere Sturmflut an, kombiniert mit einer Springflut. Möglich ist auch ein Tsunami. Die Frage ist nur: Halten die Deiche? Und wenn nicht, wie schwer sind die Überflutungen?

Schulen und Läden sind geschlossen, das VW-Werk Emden ruht, der Handel ist tot, man kann sich nicht mal die Haare schneiden lassen oder Oma und Opa im Heim besuchen. Mal abends in die Kneipe oder ins Kino, zu Ostern eine Fahrt ins Blaue oder die Familie besuchen – alles verboten.

Das Handwerk, vor wenigen Wochen noch in voller Blüte, geht am Krückstock. Junge Leute, denen jüngst noch rote Teppiche ausgerollt wurden, finden plötzlich keine Lehrstelle – welcher Betrieb stellt schon einen Lehrling ein, wenn er keine Arbeit hat? Betriebe fluten das Arbeitsamt mit Kurzarbeits-Anträgen. Banken haben mit Zuschuss- und Kreditanträgen alle Hände voll zu tun. Der Nachschub für Lebensmittelläden stockt bereits in Ansätzen, denn in Supermärkten mehren sich leere Regale, nicht nur die für Klopapier. Hefe ist längst das neue Klopapier.

Die Regierung schränkt unsere Freiheitsrechte ein. Das ist der Preis, um den Ausbruch des Virus erst mal zu verlangsamen, es dann zu stoppen und irgendwann auszurotten. Gelingt die erste Stufe (Verlangsamung) nicht und bricht der Deich, werden Klinikum und „Borro“ in Leer und das Krankenhaus Rheiderland innerhalb weniger Tage von Schwerkranken überrollt. Was das bedeutet, lesen, sehen und hören wir täglich aus Italien, Spanien, USA und bald auch aus England.

Noch breitet sich das Virus im Landkreis Leer relativ langsam aus, aber täglich nehmen die Ansteckungen zu. Das treibt die Wirtschaft auf Talfahrt wie nie seit Kriegsende. Deshalb ist es ein Glück, dass zum Beispiel die Meyer-Werft und andere größere Betriebe noch arbeiten. Grundsätzlich ist jeder Arbeitsplatz wichtig, aber von Meyer hängt im Rheiderland entscheidend viel ab.

Die meisten Menschen vertrauen der sonst oft gescholtenen Großen Koalition in Berlin und sehen im Vergleich ja auch Polit-Desperados wie Trump, Johnson und Orban. Jetzt geht es darum, den Spagat zu meistern zwischen medizinischen Notwendigkeiten und lästigen Kontaktsperren zum Schutz vieler Menschen auf der einen und der vorsichtigen Rückkehr zur Normalität. Misslingt das Kunststück, kommen lausige Zeiten.

Nicht nur über Corona

März 28th, 2020

Eigentlich sollte es sich hier nicht um Corona drehen. Aber ganz kommen wir nicht daran vorbei. Denn Corona ist in aller Munde – zum Glück nur im übertragenen Sinn.

Deshalb nur kurz zum angekündigten Rückzug der Leeraner Bürgermeisterin Beatrix Kuhl. Die CDU-Politikerin bleibt ihrem Politikstil treu, dem man Professionalität schwer nachsagen kann. Schon im Mai vorigen Jahres, zweieinhalb Jahre vor der Wahl, kündigte sie aus heiterem Himmel an, erneut zu kandidieren. Was sie nicht daran hinderte, jetzt zu sagen: Ich mache Schluss.  

Wenige Tage zuvor hatte sie noch völlig überflüssig den Wochenmarkt in Leer wegen Corona kurzfristig gesperrt, um dann eine Dienstreise nach Trowbridge anzutreten – ausgerechnet nach England, einem Corona-Hotspot. Viele schüttelten den Kopf. Noch mehr, als sie ausgerechnet in der Corona-Krise das Handtuch warf. Frau Kuhls politische Arbeit zu kommentieren ist zu früh, vielleicht auch gar nicht nötig: Sie spricht für sich. 

Der übliche politische Kleinkrieg in Leer lässt sich selbst von Corona nicht stoppen. So wärmt die Fraktion SPD/Linke ihren Verdruss über eine Ausschusssitzung wieder auf, die Frau Kuhl – statt wie abgesprochen nichtöffentlich – doch öffentlich stattfinden ließ. Deshalb nachkarten gegen eine Bürgermeisterin, die sich selbst aus dem Spiel nimmt? „Das ignorieren wir gar nicht erst“, sagte einst Karl Valentin.  

Zu Leer passt auch der Kleinkrieg um den fahrradfreundlichen Umbau eines Innenstadtteils, genannt FaCit. Ob es der Weisheit letzter Schluss ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber es ist beschlossen und soll im Juni beginnen. Werbegemeinschafts-Chef Johannes Poppen ist ein erbitterter Gegner. Da kommt das Virus gelegen. Er bringt es jetzt gegen das von ihm ungeliebte Projekt in Stellung. Zugespitzt, sieht Poppen die Innenstadt durch den Umbau dem Untergang geweiht – und gegen Corona und FaCit im Tandem sei Leer erst recht verloren. Rettung verspricht er sich von hemmungslos vielen verkaufsoffenen Sonntagen. 

Eher als FaCit rückt Corona der Wirtschaft zu Leibe, vor allem kleinen Betrieben. Allzu lange halten sie sich nicht über Wasser, wenn sie nicht arbeiten dürfen. Die Bundesregierung und die Landesregierungen erkennen den Ernst. Sie hebeln Gesetze aus und setzen sogar Grundrechte außer Kraft, um die Gesundheit der Menschen zu schützen und der Wirtschaft nach dem Fast-Stillstand wieder auf die Beine zu helfen. Mit unvorstellbar vielen Euro an Krediten und sogar Zuschüssen. 

In Ostfriesland hängt viel von VW, Enercon und Meyer ab. An ihren Rockzipfeln hängen unzählige Zulieferer. Es wäre zu wünschen, dass VW bald wieder Autos bauen und die beiden anderen ohne Pause weiterarbeiten können.

Im Landkreis Leer dominieren Handwerker und kleine Handels- und Dienstleistungsfirmen. Ohne Einnahmen fehlt ihnen ruck, zuck Liquidität für Löhne und Pachten. Deshalb brauchen sie vor allem Zuschüsse, die aber nur fließen, wenn die zuständigen Stellen zügig arbeiten. Gleiches gilt für KfW-Kredite, die über Geldinstitute laufen, die üblicherweise über Monate die Bonität der Firmen prüfen. Doch jetzt trägt der Staat das Kreditrisiko zu 90 Prozent. Also bleibt ein Klacks für die Banken, die sich beeilen sollten. Sonst haben Betriebe irgendwann eine Kreditzusage, aber Insolvenzverwalter kassieren das Geld.

Schwer zu verstehen

März 21st, 2020

Sprechen und verstehen ist komplizierter als man denkt. Der eine sagt etwas und der andere versteht etwas ganz anderes. Zwischen Sender und Empfänger gibt es Störquellen.

Das Problem benennt der Verhaltensforscher Konrad Lorenz – ja, der Mann mit den Graugänsen- mit diesen Worten: „Gesagt heißt nicht immer gesagt, gesagt heißt nicht immer gehört, gehört heißt nicht immer verstanden, verstanden heißt nicht immer einverstanden, einverstanden heißt nicht immer angewendet, angewendet heißt nicht immer beibehalten.“

Das muss man erst mal sacken lassen – ehe man sich der Frage nähert, die sich in Zeiten des Corona-Virus aufdrängt. „Zu Hause bleiben“ – was ist daran eigentlich schwer zu verstehen? Hochqualifizierte Wissenschaftler, die sich mit Viren auskennen, im Gegensatz zu uns Normalsterblichen, sagen gebetsmühlenartig: „Bleibt zu Hause.“ Und malen Konsequenzen aus, wenn man sich unter Leute mischt. Verantwortungsbewusste Politiker nehmen die Wissenschaftler zum Glück ernst. Sperren Schulen, Kitas und Läden, machen Milliarden-Hilfen locker – um Menschen zu schützen und zu helfen.

Doch relativ viele kümmern sich einen feuchten Kehricht um Verordnungen und Appelle. So wundert sich der mittlerweile bekannte Top-Virologe Christian Drosten aus Berlin, dass noch immer   Menschen in Gruppen zusammenhocken, fröhlich Eis essen oder Partys feiern.  Zwar drückt der Wissenschaftler sich vornehm-zurückhaltend aus, aber er meint: Diese Leute haben nicht alle Latten am Zaun.

Man muss gar nicht bis nach Berlin gehen. Der Gästeansturm vor einigen Tagen in Ditzum war bemerkenswert. Oder Tausende fahren auf die Inseln, um Betriebs- und Schulschließungen als Corona-Urlaub zu genießen. Oder Menschen drängeln sich in Leer in Cafés. Der Emder Oberbürgermeister muss gar mit Ausgangssperre drohen, um Leute zur Besinnung zu bringen.

Abstand halten im Supermarkt? Keine Spur. Der Verkäuferin oder Kassiererin ins Gesicht husten? Keine Seltenheit. „Sie glauben gar nicht, was sich hier abspielt“, sagt eine Verkäuferin in Leer. Kein Wunder, dass die Regierung wohl bald die Notbremse zieht. Sie heißt Ausgangssperre. Dann ist Schluss mit lustig.

Einen Vorgeschmack liefert Italien. Der deutsche Journalist Walther Lücker, der seit Jahren in Südtirol lebt, schreibt in Facebook, was sich in Italien tut, vergleicht es mit Deutschland. Denn Ähnliches droht auch hier.

Einige Auszüge: „Fast drei Wochen sind wir schon daheim geblieben. Fürchterliche Szenen spielen sich in den Krankenhäusern ab… Derweil diskutiert man in Deutschland immer noch darüber, wie weitreichend Maßnahmen denn überhaupt gehen sollen.“

Lücker lobt die Disziplin der sonst so lebenslustigen Italiener in der Ausgangssperre: „Undenkbar, Corona-Partys wie in Deutschland. Undenkbar diese irrsinnigen Hamsterkäufe und Sturmläufe voller Aggressivität auf die Supermärkte.“ Und weiter: „Nicht vorstellbar diese Ignoranz der Tatsachen wie in Deutschland. Den Italienern und uns hier in Südtirol wurde früh und sehr deutlich erklärt, was auf dem Spiel steht und wie wir das bewältigen können. Das haben die Menschen binnen Stunden verstanden. Und das lag am Willen der Menschen. Sie wollten verstehen.“

Womit wir wieder bei der Frage gelandet sind. „Zu Hause bleiben“ – was ist daran so schwer zu verstehen?

„Mutti, bitte bleib“

März 14th, 2020

Ein Gespenst geht um die Welt – und an Ostfriesland nicht vorbei. Weil es nicht zu packen ist, sind die meisten Menschen aufgeregt, viele haben Angst um Gesundheit oder gar Leben.  Alles wegen des neuartigen Virus mit dem schönen Namen Corona – übersetzt die Krone.

Nun, die drohende Krise, die den gewohnten Alltag auf den Kopf stellt, ist alles andere als königlich. Wie immer offenbaren sich in solchen Zeiten auch niedrige Instinkte. Sie reichen von eher harmlosen Hamsterkäufen von Klopapier, Reis und Nudeln und setzen sich fort im Klinikum Leer, wo asoziale Typen Behälter mit Desinfektionsmitteln von Flurwänden schrauben. Oder die sich damit in Restaurant-Toiletten versorgen, wo sie aus dort stehenden Spendern ihre mitgebrachten Flaschen füllen. Das sind nur ein paar Beispiele.

Corona zu bewältigen ist Sache jedes Einzelnen. Aber rettende Pflöcke in den Boden schlagen ist Pflicht von Politikern – von Bürgermeistern, Landräten, Landesregierungen und Bundesregierung. Gefragt sind Maß und Mitte, kluges Abwägen und dann den Mut zu entscheiden.

Beruhigend, dass an den Schalthebeln erkennbar vernünftige Leute sitzen. Dazu gehören die ostfriesischen Landräte Matthias Groote (Leer), Olaf Meinen (Aurich), Holger Heymann (Wittmund) und Oberbürgermeister Tim Kruithoff (Emden). Sie stellten ihrer gemeinsamen Erklärung – allein das ist nicht selbstverständlich, zeigt, aber wie ernst sie die Lage einschätzen – einige fast anrührende Sätze voraus:

„Rücksichtnahme in Zeiten von Corona bedeutet, dass wir vorsichtig sind für die anderen. Für die, die besonderen Schutz benötigen: für die Älteren, für Mitbürgerinnen und Mitbürger, die durch eine Erkrankung vorbelastet sind – und für unser medizinisches Personal, das gesund bleiben muss, damit Ärzte und Pflegekräfte sich weiterhin um die Kranken kümmern können.“

Nach diesem solidarischen Grundsatz zählen sie die einzelnen Einschränkungen auf, reden von Prüfpflicht und Risikoabwägung und geben Tipps, wie man sich verhalten und selbst schützen kann.

Es spricht für Augenmaß, dass Landrat Groote den Katastrophenschutz-Stab bisher nicht einberufen hat. Das hätte eine Symbol- und mentale Sprengkraft, die dem Geschehen (noch) nicht angemessen wäre und Unsicherheit schüren würde. Dieser Stab ist sozusagen die letzte Patrone. Stattdessen beraten Landrat, Dezernenten, Gesundheits- und Ordnungsamts-Vertreter im Kreishaus täglich, was zu tun ist. Ein Sprecher des Landkreises schildert die Stimmung dort als „gespannte Gelassenheit“.

Wer jemals in einem Notfall-Stab gesessen hat, wird keinen der Teilnehmer beneiden. Sie müssen stets Vor- und Nachteile abwägen, 100 Prozent richtig gibt es nicht. Ob Fehl- oder Glücksgriff stellt sich erst später heraus. Deshalb ist eben Maß und Mitte gefragt, die Nation sehnt sich nicht mehr nach Neuanfang und Richtungsänderung.

Der Journalist Gabor Steingart bringt die Gemütslage auf den Punkt: „Die Bedrohungen von gestern – vorneweg Klimakatastrophe, soziale Spaltung und verpasste Digitalisierung – werden durch die Ereignisse nicht revidiert, aber relativiert. Man war sauer, aber nicht bedroht…. Angela Merkel wirkt in der Beleuchtung der Krise wie eine gute Fee aus den Hausmärchen der Brüder Grimm. Hätten die Deutschen drei Wünsche frei, wäre einer davon dieser: Mutti, bitte bleib!“