Schlechter Zug der Bahn

Die Deutsche Bahn AG ist ein riesiges Unternehmen. Aber landläufig gesagt: Sie ist ein Saftladen. Wer auf den Zug angewiesen ist, kann lange Klagelieder singen, und selbst passionierte, wohlwollende Bahnfahrer würden einstimmen.

Die Bahn ist notorisch unpünktlich – und nicht immer sind Baustellen daran schuld. So ist es zum Beispiel ein Glücksspiel, Leer von Hamburg aus pünktlich zu erreichen. Der Zug fährt nicht selten verspätet aus Hamburg ab, so dass die Umsteigezeit in Bremen zu kurz ist – denn einer der wenigen meist pünktlichen Züge ist der Regionalexpress  von Hannover über Bremen nach Leer.

Bahnfahrer können viel erzählen: Mal fährt der Zug in Münster aufs falsche Gleis nach Dortmund statt ins Rheinland, dafür aber ohne Halt bis Wuppertal; mal hält er im Emsland an jedem Feldwegübergang, weil die Signale kaputt sind; oft fällt das komplette Reservierungssystem aus; bei Hitze oder Frost kollabiert die Klimaanlage; mal steht der Zug, weil der Lokführer fehlt; mal verkehrt der Zug gar nicht, weil nach einem Sturm Bäume auf den Schienen liegen (statt nahe an Schienen keine Bäume wachsen zu lassen); dann fallen ganze Züge ersatzlos aus, mit der Folge, dass spätere hoffnungslos überfüllt sind.

Nach diesen Misslichkeiten die großen Sünden der Bahn. Wir erinnern an das Debakel mit dem Bahnhofsumbau vor einiger Zeit in Leer, der über Jahre zu unhaltbaren Zuständen geführt hat und den gut zahlenden Reisenden unzumutbar waren – nach normalen Maßstäben des 21. Jahrhunderts.

Über das Desaster mit der Friesenbrücke über die Ems in Weener ist hier schon oft geschrieben worden. 2015 rammte ein Frachter die Brücke und ruinierte sie. Die Bahnlinie Groningen-Leer-Bremen ist seitdem unterbrochen. 2024 soll eine neue Brücke fertig sein. Das glaubt kein Mensch. Vermutlich auch kein Verantwortlicher bei der Bahn, denn sie hat Baustellen in Fülle an wichtigeren Strecken als in Ostfriesland. Die Bahn hat über Jahrzehnte  Schienen, Brücken, Stellwerke, Bahnhöfe, Waggons und Loks verlottern lassen. Die Zeche dafür wächst ihr über den Kopf.

Jetzt wurde bekannt, dass in den nächsten Jahren auch aus dem Fußgängertunnel unter der Bahn in der Bremer Straße in Leer nichts wird. Seit fünf Jahren ist er tot, in diesem Herbst sollte ein Neubau starten. Doch die Bahn lässt Leer in die Röhre schauen. Vor 2021 sei kein Baubeginn möglich.

Knapp fünfeinhalb Millionen Euro soll der Tunnel kosten, die Stadt Leer 294.000 Euro zuschießen. Doch bisher fehlt ein Vertrag. Die Stadt versichert, dass von der Bahn im Rathaus nichts Genaues vorliege, wie sie die Baukosten ermittelt habe. Nach bisherigen Berechnungsunterlagen gehe die Bahn von „weitaus höheren, nicht verifizierbaren Kosten“ aus, sagte Bürgermeisterin Kuhl. Solch ein Risiko könne die Stadt nicht eingehen.

Wie es aussieht, spielt die Bahn auf Zeit – wie bei der Friesenbrücke. Dass es an einem Fußgängertunnel mangelt in Leer, ist allerdings auch einem früheren Stadtrat zuzuschreiben. Der frühere Stadtdirektor Gerhard von Haus hatte 1978 sogar einen fertigen finanzierten Plan für einen Straßen- und Fußgängertunnel in der Schublade. Kosten: 18 Millionen D-Mark, Eigenanteil der Stadt rund 350.000 D-Mark. Damals kniff der Stadtrat vor angedrohten Protesten von  Kaufleuten, die Umsatzeinbußen fürchteten.

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